Ausgabe 
13.2.1850
 
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Euch Schuld gegeben ward, nicht zu. Euer Mißgeſchick war in der That groß.

Es war furchtbar. Meine Verwandten, wie geſagt, wollten von mir nichts mehr wiſſen, ſie verleugneten die Diebin. Mein Verlobter, in acht Tagen ſollte unſere Hochzeit ſein, glaubte ſich beſchimpft durch mich, er er klärte mir, daß Alles zwiſchen uns geendigt ſei. So be fand ich mich in der hülfloſeſten Lage von der Welt auf den Straßen von Turin, dem Wind und Wetter preis⸗ gegeben, ohne eine Stütze, ohne ein Obdach. Ich war der Verzweiflung, dem Wahnſinn nahe, ich dachte an Selbſtmord. In dieſem Zuſtande traf mich der junge Graf von X. Er hatte mir ſchon früher nachgeſtellt. Als er meine Lage erfuhr, erneute er ſeine Anerbietungen, er war im Begriff, nach Paris zu reiſen, er ſchlug mir vor, ihn dorthin zu begleiten, und verſprach mir, daß es mir an Nichts fehlen, daß ich in Hülle und in Fülle leben ſolle. Der Verſucher hätte keine glücklichere Zeit zu ſeinen Einflüſterungen wählen können. In Turin war meines Bleibens nicht mehr; das Gerücht bezeichnete mich als Diebin, ich wußte nicht, wohin ich mich wenden ſollte; ſo ergriff ich denn, wie der Ertrinkende nach jedem Stroh halme greift, den mir angebotenen Ausweg.

Und er führte Euch nur tiefer in's Unglück! ſagte Rouſſeau mit einem Seufzer.

Leider. Der Graf brachte mich in der That nach Paris aber er wurde meiner bald müde und überließ mich meinem Schickſale. Abermals befand ich mich in der ent ſetzlichen Lage, wie vor Kurzem in meiner Vaterſtadt Tu rin. Was ſoll ich Euch weiter erzählen? Die Fallſtricke, die einem jungen Mädchen, dem es nicht ganz an Reizen gebricht, überall auflauern, ſind bekannt, und wie ſoll es ihnen entgehen, wenn es in der bitterſten Noth, ohne Hilfe, ohne Rath iſt? Ihr werdet mein Schickſal errathen. Es war ein ſchreckliches. Endlich kam das Alter. Ich wurde zur Bettlerin. Ich beſchloß endlich, in mein Vater⸗ land zurückzukehren. Die Zeit, hoffte ich, werde die Stim⸗ mung meiner Verwandten gegen mich gemildert haben. So ergriff ich denn den Wanderſtab, um den langen Weg nach Italien zu unternehmen. Gott wollte nicht, daß ich weiter kommen ſollte, als bis hierher, wo ich erkrankte und ſeitdem geblieben bin. Das Weitere wißt Ihr. O, wenn er, er, der Schändliche, der an allen meinen Leiden Schuld iſt, der mich eines Vergehens bezüchtigt, das er ſelber beging, wenn er mich hier in meiner Todesſtunde ſähe, es würde hoffentlich ſein ſteinernes Herz rühren, und ſeine Gewiſſensbiſſe würden meine Rächerinnen ſein.

Sie ſind es ſchon längſt, Marion, rief Rouſſeau, indem er unter einem Thränenſtrom vor dem Bette der Blinden auf die Kniee ſank.Ja, Marion, ich bin der Elende, der Euch ſein eigenes Vergehen aufbürdete, der, als Ihr in Euerer Unſchuld ihn zur Reue und Wahrheit ermahntet, mit teufliſchem Trotz bei ſeiner Behauptung beharrte. Könnt Ihr einem Unglücklichen, der ſeit mehr als vierzig Jahren die Qualen der bitterſten Gewiſſens biſſe empfindet, Eure Verzeihung gewähren?

Ihr ſeid derſelbe Rouſſeau, fragte die Blinde er

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ſtaunt,der im Hauſe des Grafen Vercelli damals Be diente war? derſelbe Rouſſeau, der mich zur Diebin ſtem⸗ pelte, den Nichts beſtimmen konnte, ſeine Lüge zurückzu⸗ nehmen und das wieder gut zu machen, was er geſtiftet? Nimmermehr! Nimmermehr!

Und doch iſt es ſo! verſetzte Rouſſeau. Ich bin derſelbe Unhold, dem Ihr mit Recht Euer ganzes Un glück Schuld gebt. Ich bin es, der in teufliſchem Leicht⸗ ſinn das ganze Glück eines ſchuldloſen Weſens auf immer vernichtete, und der in dieſem Augenblick ſeine ganze Ver worfenheit fühlt.

Die Blinde ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte ſie: So viel ich von Eurem Treiben vernommen habe, ſo ge reicht es Euch zur Empfehlung, und wenn Ihr gegen mich eine Schuld auf Euch geladen habt, die wahrlich ſchwer iſt, ſo ſcheint Ihr dieſe wenigſtens durch allgemeine Menſchenliebe, ſo weit Ihr es vermochtet, gut gemacht zu haben. Ich verzeihe Euch, Rouſſeau. Beſorgt meinen Auftrag an meine Verwandten, an meinen ehemaligen Bräutigam. Sagt ihnen, daß ſie mir Unrecht thaten, Ihr könnt es mit Ueberzeugung.

Es ſoll geſchehen, verſetzte Rouſſeau,nicht blos Eure Verwandten in Turin ſollen Eure Unſchuld und mein Verbrechen erfahren, die ganze Welt ſoll es wiſſen.

Die Blinde war durch die Scene erſchöpft, und Rouſſeau verließ ſie tief bewegt. Er hoffte ſie noch ein⸗ mal zu ſprechen, noch einmal ihre Verzeihung zu verneh men; doch als er wieder an ihrer Huͤtte vorſprach, war ſie verſchieden.

Rouſſeau hielt ſein Verſprechen. In ſeinen berühm⸗ ten Bekenntniſſen erzählt er uns die Geſchichte der armen Marion, wiewohl er es verſchweigt, daß er ſie ſpäter und unter welchen Umſtänden wieder geſehen. Beide, Rouſſeau ſowohl, der bekanntlich der Sohn eines Genfer Uhrmachers, und ſeinem Meiſter aus der Lehre entlaufen war, wie Marion, dienten im Hauſe des Grafen Vercelli. Beim Tode der Mutter des Grafen wurde ein ſeidenes, mit Silber geſticktes Band vermißt, das ſich endlich in Rouſſeaus Händen wieder fand. Das Band war ohne großen Werth; er hatte es ſich, er wußte ſelbſt nicht wie zugeeignet, er wollte Marion ein Geſchenk damit machen. Als man ihn fragte, wie er zu dem Bande komme, ſagte er, er habe es von Marion bekommen, und als dieſe leugnete, blieb er bei ſeiner Behauptung. Je dreiſter er ſich dabei benahm, und je weniger er ſich von den Er mahnungen des armen Mädchens, die Wahrheit zu beken nen, rühren ließ, deſto mehr gelang es ihm, ſeine Herr ſchaft von ſeiner Unſchuld und Marions Schuld zu über zeugen. Marion, wie geſagt, wurde ihres Dienſtes ent laſſen, und endigte, wie wir geſehen. Rouſſeau, nach mannichfaltigen Abenteuern, machte ſeinen Namen neben dem Voltaire's zum glänzendſten der franzöſiſchen Litera tur. Nur ſeinen inneren Frieden, wie er ſelber geſagt, hatte ihm ſein ſchnödes Jugendvergehen gegen die arme Marion auf immer geraubt, und all ſeine Triumphe ver mochten es nicht, ihm jene heitere Zufriedenheit zu geben, die nue ein reines Gewiſſen verleiht.

Bekanntmachungen von Be⸗ hoͤrden.

N πτιιαιιιννιινινι

Sdfeta eee.

(107) Der im Jahr 1758 geborene, ſeit lange abweſende Johannes Stetzer III. aus Nieder- rosbach oder deſſen Leibes oder Teſtamentserben werden anmit aufgefordert, Anſprüche an das Vermögen jenes, ſo gewiß binnen drei Monaten

von heute an, hier zu begründen, als ſonſt Jo⸗ hannes Stetzer III. für todt erachtet, ſein Ver mögen aber ſeinen bekannten nächſten Anver⸗ wandten, welche die Erbſchaft antreten wollen, zum Eigenthume überlaſſen werdeu wird. Nach dem vorgelegten Stammbaume würde Johann Konrad Seibel von Niederrosbach zu den Er ben des mehrgedachten Stetzer gehören, da aber auch er ſich ſeit vielen Jahren aus ſeiner Hei math entfernt hat, ſo ergehet an ihn ebenwohl Aufforderung zur Erklärung über die Erbſchafts⸗ antretung in obbeſtimmter Friſt, gegenfalls er

bei Vertheilung des Nachlaſſes nicht berückfichtigt wird. Friedberg am 22. Januar 1850. Großh. Heſſ. Landgericht Hofmann.

Edietalla dung.

(125) Zur Anmeldung und nöthigen Be⸗ gründung ſämmtlicher Anſprüche an den über⸗ ſchuldeten und von Gr. Hofgericht für con⸗ cursfällig erkannten Nachlaß des Johannes Winter von Nieder mörlen ſteht Termin

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