Ausgabe 
11.12.1850
 
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Hoffet daher nicht zu kühn, damit ihr nicht enttäuſcht werdet!

Und nachdem ich dieſe Einleitung vom Herzen habe, ſo zündet den Weihnachtsbaum an: der Vater den Kin⸗ dern, die Kinder den Eltern, der Gatte der Gattin, der Bruder der Schweſter, der Geliebte der Geliebten, und ſpendet nicht mit vollen Händen; denn das vermag nicht ein Jeder; aber mit vollem Herzen! Und ſo ſei dieſer Tag ein Freudenſpender für Alle, er gieße ſein heiliges Licht hinein in den Palaſt und in die Hütte, tief unten in die ärmliche Kellerwohnung und in das thurm hohe Dachfenſterlein. Der Weihnachtsbaum und ob nur ein einzig mattes Lichtlein an ihm brennt wider⸗ glänze nur in Freudenthränen. Selig ſind, die da geben können, glücklicher als die Empfangenden. Es iſt ſo leicht, Dankesthränen zu entlocken und, doch doch wir harten Menſchen geben uns mehr Mühe, Thränen des Schmerzes zu erpreſſen. Mögen wir es wenigſtens an dieſem Tage vergeſſen!

Mir aber da ich, wie geſagt, kein Empfangender bin möchte ich; wenn ich's vermöchte, am liebſten be⸗ ſcheeren: die Liebe der Guten, das Vertrauen der Braven, die Hingebung der Aufrichtigen, die Theilnahme der Herz⸗ lichen, und die Verzeihung der von mir etwa Gekränkten. Dann will auch ich mir einen Weihnachtsbaum anzünden, und an dieſem Weihnachtsbaum verbrennen und vernich ten allen Groll und Zweifel, ſo ich je gehegt, jede bittre Kränkung, die ich erfahren, jedes Unrecht, das ich erduldet, jede Täuſchung, die mich betrübt, und jedes Mißtrauen fuͤr die Zukunft.

Doch das will ich auch ſo! und ſo flamme denn der Weihnachtsbaum in meiner einſamen Stube: Ach! enger und immer enger iſt der Kreis der Freunde gewor⸗ den und ich hänge an ſeine Zweige zerknitterte Blätter, welke Blumen, morſche Kränze, geſtorbene Lieder: Alles Alles; es iſt nicht viel, aber für den Armen iſt auch Wenig viel. Eines nur verſchließe ich in den engſten Schrein, es iſt mein Frieden ic. Amen!

Gute Nacht! Ich werde ruhig ſchlafen.

Dritter Gang. I.

An einer Eckbude des Marktes, worin Pfefferkuchen, Zuckernüſſe, Confect, Mandeln und dergleichen feilgeboten werden, ſteht eine alte Frau mit gutmüthigen Zügen, ſanf ten Augen, einfach, doch ſauber und wohlhäbig ge kleidet. Sie ſpricht mit der Verkäuferin.

Nicht weit von ihr lehnt an einem Pfeiler ein junger Menſch von ſechszehn, ſiebzehn Jahren. Er hat ein hübſches, offenes Geſicht, freundliche Augen, blonde Locken und etwas Scheues, Schüchternes in ſeiner Haltung. Er blickt zerſtreut und ſinnend zu den erleuchteten Fenſtern des Marktes empor, die in einem Glanze ſtrahlen, als gelte es den Einzug eines Fürſten zu feiern.

Die alte Frau ſchließt eben ihre Erzählung, die ſie mit ziemlicher Weitſchweifigkeit vorgetragen, mit den Wor⸗ ten:Und ſo, liebe Frau Roſel, habe ich meine einzige Tochter Marie verloren. Um vorige Weihnachten ſtarb ihr Mann am Nervenfieber, und juſt im Mai, wo ich ihr die erſten Blumen vor's Bett ſetzte, die ſie über Alles liebte, ſchloß ſie ihre guten Augen. Es war ein unheil bares Bruſtübel, ſagte der Arzt; aber ſie ſah noch im Tode ſo friſch und blühend aus, daß ich immer glaubte, ſie müſſe nur ſchlafen und hernach wieder geſund werden. Und ſo iſt mir nur da mein Enkel, der Julius, geblieben

er iſt jetzt eine doppelte Waiſe und ich muß bei ihm Vater⸗ und Mutterſtelle vertreten. Er iſt manchmal ein Bischen im Schuß und ſo leicht hin wie immer die Jugend aber ſonſt hat er ganz- das Herz meiner Marie. Er lernt jetzt in einer Buchhandlung und ſein Herr iſt mit ihm zufrieden. Ich hab' ihm heut einen neuen Anzug und eine ſilberne Uhr beſcheert. Ich hab' ja doch Niemand Anderen auf der Welt, und wer weiß, wie lange ich noch lebe. Aber jetzt, Frau Roſel, geben Sie mir für vier Groſchen Pfefferkuchen und Zuckergebackenes durch einander s iſt für die Nachbarskinder ich muß ihnen doch auch Etwas beſcheeren. Ach, Herr Je, da hab' ich mein Geld zu Hauſe vergeſſen!

Sie wendet ſich zu ihrem Enkel:Julius, Julius! ſpring nach Hauſe, hier haſt du den Schlüſſel und 5 mir meinen Geldbeutel. Er liegt auf dem Spiegel tiſch.

Und Julius ſpricht leiſe und ſchmeichleriſch zur Groß⸗ mutter:Nicht wahr, Großmütterchen, Du wirſt mir dann auch die zwei Thaler borgen, um die ich Dich ge beten?

Ach geh' nur, geh' nur und komm bald wieder.

Julius enteilt und die Großmutter ſetzt ihre Unter⸗ haltung mit Frau Roſel fort.

Bald iſt der Jüngling wieder zurückgekehrt; er hält der Matrone die Börſe hin und fleht:Alſo Großmüt⸗ terchen, Du borgſt mir die zwei Thaler?

Die alte Frau bezahlt erſt das Eingekaufte und dann reicht ſie die zwei Thaler ihrem Julius hin, mit den Wor⸗ ten:Aber Du mußt ſie mir diesmal beſtimmt wieder geben hörſt Du, Julius? Und komm nicht ſo ſpät nach Hauſe!

Gewiß, gewiß, verſetzt er, und fliegt ſeelenver gnügt fort.

Er verwendet das Geld, ſagt die Matrone erläu⸗ ternd zu ihrer Freundin, Frau Roſel,nicht etwa zum Debauchiren, ſondern er kauft Farben, Bleiſtifte und Zeichnenpapier dafür. Er malt nämlich gern in ſeinen freien Stunden er hat's von ſelbſt erlernt, das iſt ſeine einzige Freude..

Wie oft mag Julius von dem guten Großmüt terchen zwei Thaler geborgt und ſie nicht wieder gegeben haben, und wie oft wird ſie die Großmutter noch geben, und ſagen:Aber diesmal beſtimmt, Julius!

O ſcheltet ihr Rigoriſten die heutige Welt nicht ſo egoiſtiſch, ſo ſtarr und herzlos. Es iſt noch viel Liebe darin; die labt und erfreut nicht allein, weil ſie der Glaube geboten, ſondern weil ſie glaubt an das Menſchenherz und wieder an die Liebe. Ja die Erde wär' ein großes Grab, ein penſylvaniſches Schweigegefängniß;Wenn nicht die Liebe wär'!(Fortſetzung folgt.)

Zur Nachricht.

Durch die Verlooſung für die Verwundeten Schleswig-Holſteins, welche am 30. Nov. l. J. auf hieſigem Rathhauſe ſtattfand, ging ein: a) für 1035 Looſe 207 fl. kr.

b) von mehreren Gebern in baar 5% 12% c) von einem Ungenannten 1042

Summa 222 54 für Auslagen gehen ab 2% 48

bleiben Reſt 220 6

welche Summe am 8. Dezember l. J. an das Comité für die Verwun⸗ deten Schleswig⸗Holſteins in Frankfurt abgeſandt wurde. Die Liſte, ſowie der ſpecielle Nachweis der Einnahme und Ausgabe liegt zu Jeder⸗

manns Einſicht bei Rathsdiener Wagner acht Tage lang offen. Allen an dieſem Unternehmen Betheiligten unſern wärmſten Dank.

Friedberg den 8. Dezember 1850. 3

Buß. Dieffenbach. Hertwig. Klipſtein

Kettinger. Renner. Sell.

dt 0

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