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war ſo ſeekrank, daß ich erſt am dritten Tage wieder auf's Verdeck gehen konnte; da entzückte mich der Anblick des unermeßlichen tiefblauen Oceans und der tauſend und aber tauſend ſchaumbedeckten Wogen. 5 0
Meine Reiſegefährten waren in jeder Hinſicht ange⸗ nehm. Dem eingeführten Gebrauche gemäß findet zwiſchen Kajüten-Paſſagieren und denen des Zwiſchendecks kein Ver⸗ kehr ſtatt, und wirklich gab der Kapitän, der ſich einige Auto⸗ rität über mich anmaßte, mir es ſehr deutlich zu verſtehen, daß jedes Zuſammenhalten mit dieſen unpaſſend ſein würde. Dennoch konnte ich mich nicht des Verſuches enthalten, mit der ſchon erwähnten engliſchen Familie Bekanntſchaft
zu machen; aber Beide, Mann und Frau, wichen meinen
Annäherungen aus, als ob ſie nicht wünschten, daß man ihre Lage genauer kennen lernen ſollte. Nichtsdeſtoweniger benahmen ſie ſich mit großer Höflichkeit und unter Anderem liehen ſie mir einige Bücher. Die Tochter war geſelliger; da ihr Beſchäftigung und die für Kinder ſo nothwendige Abwechſelung fehlte, ſo ſchien ſie ſehr erfreut, ſo oft ich mich ihr näherte. Wahrſcheinlich freuten ſich auch die Eltern, daß das arme Kind auf irgend eine Weiſe Unterhal⸗ tung fand; denn ſie hemmten ihre Zuthunlichkeit nicht, und ſehr bald brachte ſie den größern Theil jedes Tages mit mir hin. Anfänglich ſah der Kapitän mürriſch dazu, doch da er merkte, daß die kleine Katharina der allgemeine Lieb⸗ ling war, gewann er ſie bald eben ſo lieb, wie die Ueb⸗ rigen. Schon ihre Schönheit mußte Jedermann einnehmen 8 ihre Stirn war hoch und klar, ihr Mund ſchön geformt mit zwei Reihen Zähnen wie Perlen und ihr Geſichtchen bildete ein reizendes Ovalz ihr Teint war ein reines Brünett, nicht viel Farbe, aber von Geſundheit zeugend; ihr ſeidenes Haar, ſo wie ihre Augen ſchienen auf den erſten Blick ſchwarz, waren aber in der Wirklichkeit vom ſchönſten Dunkelbraun, obgleich die langen ſchwarzen Wim⸗ pern, welche die Augen beſchatteten, ihnen abwechſelnd die Sanftmuth der Gazelle und die Scharfe des Adlers ver⸗ liehen. Sie war klein für ihr Alter, aber wie in ſolchen Fällen nicht ungewöhnlich iſt, in merkwürdiger Weiſe früh entwickelt; ihr Verſtand war ſo ſchnell, ihre Bemerkungen ſo treffend und originell, daß alle Kajüten-Paſſagiere oft zur ſelben Zeit ihr Fragen vorlegten und auf ihre Be— merkungen horchten.
Wir 19 5 zehn Tage in See geweſen, als ſich ein Sturm erhob und zwar ſo heftig, daß drei Tage lang die Blenden der Kajütenfenſter nicht geöffnet wurden. Da meine Seekrankheit wiederkehrte, ſo hütete ich die ganze Zeit über das Bette; eine Nacht legte ſich der Wind und ich ſchlief feſt. Früh am Morgen ſtand ich auf, um auf dem Verdeck, wie ich täglich zu, thun pflegte, ſpazieren zu gehen. Die Matroſen waren an den Pumpen beſchäftigt, da auch das feſteſte Schiff Waſſer zieht. Es fiel mir auf, daß das ausgepumpte Waſſer nicht ſo übelriechend war, wie das Waſſer auf dem Schiffsboden zu ſein pflegt. Da das Pumpen länger als gewöhnlich dauerte, fragte einer der Paſſagiere ſcherzhaft:„Nun, Kapitän, habt Ihr Waſſer genug im Kielraum?“
„Ja,“ antwortete dieſer erbleichend,„mehr als ge— nug— ſchon vier Fuß.“
„So lauft doch um des Himmels willen in den nächſten Hafen ein!“
„Der iſt mehr als tauſend Meilen entfernt!“ lautete die erſchütternde Antwort.
Dieſe traurige Kunde verbreitete ſich mit Blitzes ſchnelle und in wenigen Augenblicken waren die erſchreckten Paſſagiere, Männer und Frauen, auf dem Verdeck, dräng⸗ ten ſich um den Kapitän und hatten hundert ängſtliche Fragen.
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„Meine Freunde,“ ſagte er,„Ihr müßt Euch auf das Schlimmſte gefaßt machen. Unſere einzige Hoffnung beruht darauf, daß die Pumpen fortwährend in Thatig⸗ keit erhalten werden, und Jeder muß der Reihe nach ar⸗ beiten; unterdeſſen werden wir, hoffe ich, einem Schiffe begegnen.“
Dieſer Aufforderung ward unverzüglich Folge geleiſtet, um ſo williger, da er ſelbſt das Beiſpiel gab und ſchwerer als ein gewohnlicher Matroſe arbeitete. Unſer Schiff war mit trocknen Gütern geladen und der Raum mit Kohlen und Eiſengußwaaren angefüllt, welche letztere, wie Einige meinten, vorzüglich den Leck verurſacht hatten. Da das Waſſer noch immer ſtieg, wurde der Befehl gegeben, die Luken zu öffnen und die Ladung über Bord zu werfen, um das Schiff zu erleichtern. Man kann ſich leicht vor⸗ ſtellen, daß ich keine angenehmen Empfindungen hatte, als ich meine kleine Habe dem Meere übergab; doch wurde dieſe Erregung bald durch die ſchnelle Annäherung der Gefahr beſchwichtigt. 5 I
Das große Boot wurde nunmehr in Bereitſchaft ge⸗ ſetzt. Sobald dieß bemerkt wurde, eilte Alles ſeine Sachen hinaufzubringen, bis das ganze Verdeck mit Kaſten, Koffern, Schachteln, Kleiderbündeln, ja ſelbſt mit Vogelbauern be⸗ deckt war. Wahrlich da war Gepäck genug, um einen mäßigen Schooner zu befrachten. Während wir an der Pumpe arbeiteten, ſagte der Kapitän leiſe zu mir:„Stecke Dein Geld und Deine Uhr zu Dir, aber gleich. Ich eilte hinunter, um dieß zu thun, und fand zu meinem Entſetzen den Fußboden der Kajüte ſchon mit Waſſer bedeckt. Dann nahm ich meinen Platz an der Pumpe wieder ein, und wir ſetzten unſere Arbeit fort; aber bald wurde ſowohl dieſe Pumpe als die andere untauglich. Sogleich ließ nun der Kapitän mit einer Kufe das Waſſer heraufziehen, doch das war, als ob man mit einem Fingerhute aus⸗ ſchöpfte— nur zu klar war es, daß allen unſeren Be⸗ mühungen zum Trotz das Waſſer ſiegte. f
ortſetzung folgt.) 5
Blinden⸗Anſtalt zu Friedberg.
Im abgelaufenen Monat Juli gingen für obige Anſtalt nach⸗ ſtehende freiwillige Gaben ein und werden hierdurch mit herzlichem Danke beſcheinigt. f n Durch Herrn Lehrer Werner in Oberrosbach nachträglich 6 kr.; Hr. Pfr. Wickenhöfer in Großk. 1 fl.; d. Hrn. Speckhardt von Z. J fl.; Hrn. G. Jakobi 1. zu Rodh. 1 fl.; Geſang⸗Verein zu Holzhauſen durch Hrn. Bürgermeiſter Ried mit Motto: Wenn du fröhlich biſt, ſo gedenke auch der Unglucklichen 5 fl. 30 kr.; Dr. R. 30 kr.; durch Hrn. Gym⸗ naſiallehrer Dr. Heinebach von einigen Studirenden 12 fl. 38 7550 8 Sch. in E. 5 fl.; d. die Redaction des luth. Kirchenblattes 3 fl. 17 1257 Poſtzeichen Darmſtadt, Gottes Segen der wohlthätigen Anſtalt v. R. 5 fl.; durch Colp. Pletſch 2 fl. 6 kr.; eine Verlooſung von Kindern in Gießen 20 fl.; durch Hrn. Pfr. Seriba zu Büdingen von L. 5 fl.; Hrn. Rentamtm. Fabricius in Arnsburg 1 fl.; d. Hrn. Pf. Zöckler in Laubach von V. und ſeinem Freunde 1 fl.; von C9 in Barimſtadt 1 fl.; rn. Lehrer Allgeier aus Barmſtadt 1 fl.; d. Colp. Pletſch in verſchiedenen Gemeinden des Reg.⸗Bez. Friedberg 20 fl. 37 kr.; d. denſelben 54 fl. 43 kr.; d. Hrn. Pfr. Buchhold zu Oſſenheim von Hrn, Schäfer in Aſſenheim 1 fl.; Eliſe Scherner aus Dahlsheim bei Worms 1 neues Hemd und zwei paar Sommerſtrümpfe. Aus der Hausbüchſe 18 fl. 12%, kr.; d. Hrn. Formenſt. Lebeau in Offenbach 2 fl. 18 kr.; Reiner⸗ trag eines Concerts in Lindheim von Hrn. Haar in Büdingen veran⸗ 437% 15 fl. 2 kr.; für gefertigte Arbeit 1 fl. 43 kr. Summa 238 fl. e an
Neben dieſem diene den Freunden der Anſtalt zur Nachricht, daß am 1. Juli der 4. Zögling, ein Mädchen aus Beſſungen bei Darmſtadt, eingetreten iſt.
Friedberg den 1. Auguſt 1850.„ 81
J. P. Schäfer, Vorſteher der Blinden ⸗Anſtalt.
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