Intelligenz-Vlatt
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rmelfter 5
—
fuͤr die
Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen,
den Regierungsbezirk Friedberg
im Beſonderen.
M 36.
Mittwoch den S. Mai
1850.
Der corſiſche Dolch. (Fortſetzung.)
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Acht Tage nach der eben beſchriebenen Scene, gegen Sonnenuntergang, ſtieg ein junger Mann, der ſich mit großer Mühe ſeinen Weg durch das Dickicht brach, einen Felſtenſteeg von einem der höchſten Berge von Cagna herab. Stolz trug er ſeine Flinte auf der Schulter, doch war aus der Verſtörtheit ſeiner Züge und der Unordnung
einer Kleider zu ſehen, daß er lange Zeit ſchon auf einem
beſchwerlichen Marſche geweſen. Das Gebirge ſpaltete ſich hier in zwei Theile und bildete damit eilen tiefen Abgrund, der ſtellenweiſe von ſcharfkantigen Schluchten zerriſſen war, in denen wilde Waſſer brausten, die in unterirdiſchen Kanälen dem Meeresbette entſchlüpft. Der Boden war mit einem dicken Teppich von Moos und wildem Thymian bedeckt, und ringsum war das Thal mit thurmartigen Felsſpitzen umgeben. Ein Dichter, ein Ma⸗ ler, ein Geiſt überhaupt mit Sinn für das Großartige und Erhabene würde bewundernd ſtill geſtanden ſeyn vor dieſen nur dem Adler und dem Lämmergeier zugänglichen
Felſen, vor dieſen Gebirgskämmen, bald beſchattet von
dem ewigen Dunkel rieſiger Kaſtanienwälder, bald vor⸗ ſpringend in drohend den Weg überhangende Steinmaſſen, bald in Tuff, bald in Muſchelerde, bald in Thon aus⸗ laufend, bald halbnackt und nur mit verkümmerten Myr⸗ then⸗ oder Wachholderbüſchen bekleidet. In der Ferne er⸗ hoben ſich, gewaltigen Grabmälern gleich, Haufen von verſteinerten Reſten der Urwelt, zwiſchen denen ungeheure Kegel und Säulen von Marmor und Granit gen Himmel ragten. Am Wege aber, den der junge Mann verfolgte, flüſterte der Wind in den dunkeln Aeſten der Lerchenbäume und in den weißen Blättern der Trauerpappel wie die Stimme einer dem Grabe entflohenen Seele.
Der Mann mit der Flinte war ſchwerlich ein Dich⸗ ter oder ein Maler, der die wilde Schönheit der Gegend zu würdigen verſtand; denn ohne ſich viel um ſeine Um⸗ gebung zu kümmern, warf er ſich, kaum angelangt auf der Hohe, am Fuße einer großen Buche nieder, that einen Zug aus der an ſeiner Huͤfte hängenden Jagdflaſche und verſiel dann in träumeriſches Sinnen.
Die Sonne ging jetzt hinter den Bergen zur Ruhe, die Bergroſe in den Schluchten öffnete ſchweigend ihren
Kelch, um den Nachtthau einzuſchlürfen; die Inſekten ſenk⸗
ten die Flügel und ließen ſich hinter ſchützenden Blättern in ihre Schlummerſtätten nieder, und die Gazelle, kühn gemacht durch die wachſende Finſterniß, trat mit vorſichtig ausgeſtrecktem Halſe aus ihrer Kluft. Der Geſang der Hirten ſchwieg, kein Hörnerton rief die zerſtreuten Heerden zuſammen. Nur die Waſſer brausten noch in der Tiefe, und nur die Vögel der Nacht flatterten durch das Halb— dunkel, ihre Beute bis in ihr Neſt verfolgend.
Wenn ein lauter Ruf den Menſchen aus ſeinen Träumen weckt, ſo ergibt ſich oft dieſelbe Wirkung, wenn um ihn ein tiefes Schweigen herrſcht. Die Gedanken, müde auf's Geradewohl durch eine ununterbrochene Stille zu ſchweifen, ziehen ſich an ihrer Stätte zurück und öffnen ſo dem Triebe nach der Wirklichkeit des Lebens den Weg. So ſchien es dem jungen Wanderer zu gehen; denn in— dem er plötzlich den Kopf erhob, fuhr er ſich mehrmals mit der Hand über die Stirn, legte ſie dann an's Ohr und überſchaute dann die Gegend mit fieberhaftem Blicke.
Alles ringsum war ſtill und einſam. Der Unbekannte machte eine Geberde der Ungeduld.„Wieder ein Tag verloren!“ murmelte er.
In dieſem Augenblicke entfalteten die Schatten der Nacht ihre letzten Schleier und breiteten ſie über die Erde, die Dämmerung ward zur Finſterniß, die Gegenſtände verſchwammen in einander, und kaum vermochte man noch mehr als die in den ſchwarzblauen Himmel ſich verlieren— den Häupter der Berge zu unterſcheiden, welchen die Nacht eine goldne Sternenkrone aufſetzte.
„Schlafen wir jetzt,“ ſagte der junge Freund,„und möge die Sonne von morgen für mich nicht auf immer untergehen!“
Eine Nacht unter freiem Himmel iſt nichts Unge⸗ wöhnliches unter den Bewohnern der Berge. Der, mit dem wir hier zu thun haben, hatte denn auch bald ſeine Vorbereitungen getroffen. Er ſtreckte ſich unter den Baum, deſſen mooſige Wurzeln ihm als Kopfkiſſen dienten, hielt ſein Gewehr an ſich gedrückt, und es dauerte nicht lange, ſo ließ ihn ein tiefer Schlaf alle ſeine Leiden vergeſſen. Gegen Mitternacht begann die Dunkelheit im Thale hin— wegzuſchwinden, der Mond ſtieg allmählig hinter dem Ka— ſtanienwalde empor und verlieh der Landſchaft die melan⸗ choliſche Färbung, die nie ein Pinſel ſo rührend ſchön wiederzugeben vermochte. Auf dieſe geheimnißvolle Er— leuchtung ſchien die Natur einen Augenblick zu erwachen, die eingeſchlummerten Pflanzen öffneten ihre mit Diaman⸗ ten und Perlen bedeckten Kelche zur Hälfte, und die weißen


