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zweiten Lenz mitten in den rauhen Winter hinein!— Wenn ich ſo einen Ball ſehe, ſo kommt mir der weite Raum vor wie ein Diſtelfeld. Die Herren in ihren dun keln Kleidern ſind die Diſteln, und die Damen in ihren bunten Gazeflügeln(Kleider kann man's nicht nennen) flattern wie die Schmetterlinge zwiſchen Jenen herum.
Wenn ich die Wahl habe, ſo halte ich's lieber mit den Schmetterlingen, als mit den Diſteln, ſchon weil die Schmetterlinge flüchtiger und leichtſinniger, alſo auch lie⸗ benswürdiger ſind, als die Diſteln, die ſtets auf derſelben Stelle haften. Schon einmal theilte ich die männliche Ballwelt ein in: Wirkliche Tänzer, Ballſitzer und Eckenſteher. Die wirklichen Tänzer ſind wirkende Tänzer, die Ballſitzer kommen auf den Ball, um ſich in's Neben⸗ zimmer zu ſetzen und Whiſt zu ſpielen, und die Eckenſteher ſtehen in der Ecke und lorgnettiren mit ſtoiſcher Gleich— giltigkeit die Damen bis zur Tafelſtunde, wo ſich einiges Menſchliche bei ihnen regt. Dies iſt aber, wie Shakſpeare agt:
Jag———„der Umſtand,
Der Elend läßt zu hohen Jahren kommen z
das heißt, dies iſt die Urſache, weshalb ſo viele hübſche und ſchlanke Tänzerinnen ſitzen bleiben. Denn je weniger Ballſitzer und Eckenſteher, um deſto mehr Tänzer. Dies Sitzenbleiben iſt für die Damen freilich lange nicht ſo ſchlimm, wie ein anderes; aber es hängt häufig doch mit dieſem zuſammen. Wie unzählige Male hat nicht ſchon ein Walzer, ein Galopp einem Mädchen einen Mann er— walzt, ergaloppirt. Nach der neuen Einrichtung wird dieſe Gelegenheit immer ſparſamer. Wie nah dagegen liegt ſie im Tanze! Man wird vorgeſtellt, man umſchlingt ſich, vertraulich, innig— der Gebrauch heiligt dieſe an's Eheliche ſtreifende Umſchlingung— und wirbelt dahin, und der Himmel iſt voller Geigen, nämlich der Orcheſter— himmel, man vergißt alle Welt, nur ſich nicht, und gelangt athemlos zur Stelle und ſagt ſich:„Das war gut; ſo durch's ganze Leben!“— Wenn ich eine Liebeserklärung abzugeben hätte, ſo müßte es im Walzen geſchehen. Das rollende Blut gibt höheren Muth, der Dreivierteltakt läßt keine Zeit zur Ueberlegung, zur Zierereiz man muß auf das Antreten Acht geben— jetzt— und nun iſt's heraus, das bindende, verbindende Ja!— Die Damen wiſſen am beſten, was ſie am Tanze haben, darum tanzen ſie auch ſo leidenſchaftlich.—
Da lob' ich mir, den großen Bällen gegenüber, die Familienbälle. Zu dieſen werden förmliche Tanzauto— maten in der Perſon armer Candidaten, Famuli, jüngſter Commis ꝛc. eingeladen. Ein ſolcher Automat wird nun aufgezogen und in dem Tanzſaale losgelaſſen, und— ſiehe da! er wirkt Wunder. Kein tanzbares Mädchen bleibt ſitzen. Ein ſolcher Tanzautomat iſt in ſeiner Art ein Held, ein Halbgott, wenn auch nicht entfernt von menſchlicher Schwäche; denn wenn er ſich nach vollbrachtem Tanz— Abendwerke zu Tiſche(vielleicht im Nebenzimmer) ſetzt und ſein Butterbrod und den dünnen Schnitt Schinken verzehrt, kann er ſtolz ſagen:„Ich habe mein Brod im Schweiße meines Angeſichtes verdient!“ Nach ſothaner herkuliſcher Anſtrengung ſchadet ihm in der Regel auch der Fami— lienwein nicht, welcher, die Tänzer nüchtern zu erhalten, herumgereicht wird.—
Aber beim Himmel, ich wollte von der Weihnachts— zeit ſprechen und bin in das Ballweſen hineingerathen. Es geſchah par occasion, weil die meiſten Bälle in dieſe Periode fallen, und weil den jungen Mädchen ein jeder Ball gewiſſermaßen ein Weihnachtsabend iſt. Beſcheert er ihr nicht einen Mann, ſo doch einen Tänzer, und—„was braucht man denn weiter, um glücklich zu ſein?“
Zu Weihnachten ſind unſtreitig diejenigen beſſer daran, welche zu empfangen haben, als die, welche geben müſſen. Drum empfangen Jene auch lieber, als Dieſe geben. Man konnte dies einen Egoismus nennen; doch weit gefehlt! Es iſt nur das Aufgeben der Kindlichkeit, das Entbehren für die Realität des Bewußtſeins des Beſitzers — um mit Prof. Stahl zu ſprechen.— Die Damen wer— den mich verſtanden haben, denn ein neuer Hut iſt ſogar zur Weihnachtszeit beſſer als ein alter oder gar keiner.
Die größte Freude aber machen mir die kleinen Kin— der, die noch ohne Begehren, ohne Erwartung, ohne Be— rechnung ſind, die ihre Gaben ſo unbefangen freudig hin— nehmen mit leuchtenden Augen, mit jubelndem Munde,
die ſich nie in ihren Erwartungen getäuſcht fühlen, die—
mit einem Worte nicht auf den Chriſtabend ſpeculirt haben. ö So unbefangen ſind die großen ſchönen Kinder— ich muß es ſagen, ſo lieb ich ſie ſonſt habe— nicht.— Am alie hat einen Shawl erwartet, und der Papa hat ihr einen Hut beſcheert. Sie dankt, aber die hübſche Stirn iſt umwölkt und innerlich ſeufzt ſie:„Ach, Hüte hab' ich genug!“— Bertha hat bereits Monate lang eine Mantille, ähnlich der, wie ſie die„Löwin“ Fräulein von Spindeldacht trägt, im Herzen getragen; ſtatt deſſen kommt ein Mantel und ein warmer Fußſak für die Kirche. Und Eliſe endlich, welche vor allen Dingen auf einen neuen Hut und einen Shawl gehofft, erhalt ein Dutzend— Hemden; zwar ſehr fein und von Battiſt: „Aber, wer ſieht denn die Hemden? Allenfalls das Kam— mermadchen beim Auskleiden.“— Mit Hemden kann man vielleicht bei der Verheirathung kokettiren, und da ſind ſie im Grunde auch nicht die Hauptſache.
Und ſo gehen tauſend Wünſche leer aus und tauſend Erwartungen werden getäuſcht.
Wenn die verdammten Ueberraſchungen nicht wären; wenn man zu Hauſe Papa und Mama ſagen konnte: „Achs diesmal wirſt du mich zu Weihnachten gewiß mit einem Sammthut ſo und ſo, mit einer atlasnen Mantille, braun und blaßroth, überraſchen ꝛc.;“ ſo wäre beiden Theilen geholfen. Aber wo bliebe denn die Ueberraſchung, wo die Weihnachtsfreude und deren größter Reiz? Verſtändige Mütter wiſſen ſich in dieſen Fällen zu helfen. Sie ſagen z. B. zur Tochter:„Liebe Amalie! diesmal darf ich Dir unter keiner Bedingung ſagen, wo⸗ mit Dich Papa zum heiligen Chriſt überraſchen wird. Er hat es bei ſeinem Zorne verboten.“
—„Aber— Mutter— liebe Mutter!“—
8„Nein, nein, nein! Du darfſt es durchaus nicht er— fahren, daß Du ein neues Lyoneſer Ballkleid, wie die Baronin Wachteltorpf hat, nur noch ſchöner, erhältſt. Noch einmal Nein und abermals Nein. Diesmal ſchweige ich eiſenfeſt. Geh' und plage mich nicht!“
Auf dieſe Art erfährt Amalie bis zum letzten Augen— blicke durchaus nicht, womit ſie überraſcht werden wird.
So handelt eine verſtändige Mutter, die zudem zu ſchweigen verſteht. Aber klug, wie ſie iſt, hatte ſie ſchon früher des Kindes Wünſche belauſcht, hatte ſein Gelüſten nach einem Wachteltorpfſchen Ballkleide erſpäht, hatte dem Papa ihre Mittheilung gemacht; dieſer kommt der Erwartung der Tochter entgegen, und Amalie wird richtig an dem verhängnißvollen Abend mit demjenigen überraſcht, was ihre heißeſte Sehnſucht verlangte.—
Natürlich handeln nicht alle Mütter ſo; erſtens kön— nen ſie den Töchtern nichts von den Augen abſehen, und zweitens können ſie nicht ſchweigen. Das Letztere fällt den jungen Damen zwar nicht ſchwer, aber deſto mehr den zärtlichen Müttern.—(Fortſetzung folgt.)
N.


