Intelligenz-Blatt
fuͤr die
. Provinz Oberheſſen im Allgemeinen,
den Regierungsbezirk Friedberg
8 im Beſonderen.
eigen.
Sonnabend den 7. September
1850.
1 70.
zen und in der wernagel in
au
Die Ahnung. Nach einer wahren Begebenheit. Von Fr. Gerſtäcker.
Draußen über die Haide tobte und wetterte der Sturm, heulte durch die blattloſen Baumwipfel der Eichen, und ziſchte und fluͤſterte in den dichten Nadeln des benach⸗ 0 karten Schwarzholzes. Der Mond war hinter ſchweren
olken verſchwunden, trüb und düſter lag die Nacht auf er Erde und der Orkan, der ſich von den Geiſtern der
körpers.
bret luft die tollen Weiſen aufſpielen ließ, raſte mit der Winds⸗
kraut über den weiten Plan, durch Bergesſchlucht und N äänſames Thal, und über die ſtarren, drohenden Felſen⸗ fange, mme der trotzig ihm die Stirn bietenden Gebirgsrücken —— in. So, draußen im Freien— aber faſt noch tolleres
1 Atlas ver Spiel trieb er um die Wohnungen der ſchüchtern zuſam⸗
nengedrängten Menſchen. Hui!— wie das um die Gie⸗
5 7.4. el pfiff und ſplitterte, wie die Windfahne auf dem alten —— Jaſtorhauſe kreiſchte und knarrte, daß ſelbſt der hoch und Nur Az kr atersgrau daneben aufſtarrende Schornſtein den Lärmen * udlich ſatt bekam, und bald links in den dunkeln Hof,
ald rechts in den feuchten Garten hinunter ſah, als ob
r nur noch nicht recht wiſſe, in welchen von beiden er
uerſt kopfüber hineinſpringen ſolle. Wie's an den alten
norſchen Fenſterrahmen riß und klapperte, und ſeine Kraft 1. un den breitäſtigen Birn- und Aepfelbäumen verſuchte, die ſchon ſo lange Jahre dem Sturme getrotzt und ſich jetzt, bei ſen erneuten Angriffen, nur noch. immer feſter und hart— läckiger mit den weitgeſpreizten Wurzeln in die Erde ineinklammerten. Viele viele Stunden lang trieb er's ſo, und vergebens hatten die wetterſchwangeren Wolken ſchon oft verſucht, ſich in einzelnen Fluthengüſſen zu erleichtern, wie es wohl ein bedrängtes Schiff thut, das ſeinen Ballaſt über Bord wirft, um die leewärts drohende Küſte zu ver⸗ aſſen; der wachſende Orkan ſchleuderte ihnen ſtets neue waſſerſchwere Nebelberge entgegen, und jagte die zuͤrnenden * un Sild und toll durch einander in entſetzlicher Fröhlichkeit. Bei A n* olchem Wetter, wo die Natur in ihrer ganzen großartigen ene Furchtbarkeit erſteht, drängen ſich die armen ſchwachen 8. Menſchenkinder am liebſten in freundlicher Traulichkeit zu⸗ ammen, und von ſicheren Wänden geſchützt, unter Dach und Fach, dem brauſenden Nord wie dem kalten Regen entzogen, lauſchen ſie nur manchmal in ängſtlicher Stille um Fenſter hinüber, wenn der Sturm einen neuen Accord n ſeine dröhnende Aeolsharfe greift, und das feſte Ge—
bäude vielleicht vor dem markdurchſchauernden Ton bis in ſeine innerſte Tiefe hinein erbeben macht.
So ſtill und traulich war's auch im kleinen behag— lichen Studirzimmerchen des wackern Paſtor Barrenkamp, der mit ſeiner Frau, dem Schulmeiſter, einem Univerſitäts— fteund des Paſtors, und dem Rittergutsverwalter, einem alten wettergebräunten Oekonomen, um den ſchweren eichenen Tiſch ſaß und bei einer guten Taſſe Warmbier das Unwetter draußen ſo wenig als möglich zu beachten ſchien. Nur manchmal, wenn der Wind die Backen ein bischen gar zu voll genommen und irgend ein krachender Stamm des dicht an den Garten grenzenden Waldes ſeine gewaltige Kraft verrieth, ſtand Barrenkamp wohl auf, ging an's Fenſter, ſchob den Vorhang zurück, nahm die Pfeife einen Augenblick aus dem Munde, und ſchaute, das ſchwarze Sammetkäppchen feſt an die kalte behauchte Scheibe gedrückt, in die rabenfinſtre Nacht hinaus.
Es war während einer ſolchen Pauſe, denn das Ge— ſpräch ſtockte in dem Fall gewöhnlich auf einige Minuten und die kleine Geſellſchaft horchte ebenfalls nach dem Kampf der aufgeregten Elemente hinüber, als der Verwalter lang— ſam ſeine ausgetrunkene Taſſe niederſetzte und mit leiſer, faſt ängſtlicher Stimme ſagte:„Sie haben ganz recht gethan, Frau Paſtorin, daß Sie ſich heute einmal aus— nahmsweiſe in des Herrn Paſtors warmgelegenes Studir— ſtübchen geflüchtet; da druͤben in der großen Eckſtube muß bei ſolchem Sturme ein keineswegs freundlicher Aufenthalt ſein— draußen freilich iſt's noch ſchlimmer; der Wind pfeift ſich ordentlich ſein Stückchen und es kommt Einem wahrhaftig manchmal ſogar vor, als ob man einzelne Worte und Redensarten verſtände— möchte heute nicht über den Kirchhof gehen.,
„Nicht uͤber den Kirchhof?“ wiederholte, ſich lächelnd nach ihm umwendend, der Paſtor,„Sie fürchten ſich doch nicht etwa, Verwalterchen? ei, ei, ein Mann in Ihren Jahren.“
„Mein beſter Herr Paſtor,“ meinte der Verwalter und rückte auf ſeinem Stuhle hin und her,„von Fürchten kann bei mir wohl keine Rede ſein, ich bin kein böſer Meuſch und— glaube nicht an Geſpenſter, wovor ſollte ich mich alſo fürchten, aber...“
„Aber,“ lachte die Hausfrau und ſchaute mit einem ſchelmiſchen Blicke zu ihm auf,„aber? der Herr Verwal⸗ ter laſſen ſich noch eine Hinterthüre offen.“


