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hobener Hand hielt. Ueber dem Blumenſtaͤnder daneben hing der Vogelbauer mit Florian's künſtlichem Kanarien— vogel; der hübſche Automat war lange genug verſtummt geweſen; nun aber waren ſeine Räder wieder in Gang gebracht, und er ließ ſeine ſchönen luſtigen Melodieen hören.
Der gebeugte Kreis drückte Pierre's Hand, und be— ſchaute ſich ſchweigend das Abbild ſeines geliebten Enkel— kindes, dann ließ er ſeinen Armſtuhl in dieſes Stübchen ſtellen, und hielt ſich fortan, ſo lange er noch bei dem vollen Gebrauch ſeiner Geiſteskräfte war, nur noch hier auf. Der Ruf dieſes außerordentlichen Kunſtwerks ver— breitete ſich raſch in der Umgegend. Die Einwohner von Genf und der Nachbarſchaft, welche den Automaten ge— ſehen, gaben vereinigt eine Bittſchrift ein, damit dem Ver⸗ fertiger deſſelben die Strafe für den zufälligen und unab⸗ ſichtlichen Todtſchlag erlaſſen werde, den er begangen. Die Gerichtsperſonen kamen ſelbſt und betrachteten ſich das athmende Mädchen, berührten das ſchöne friſche Fleiſch, das unter dem Drucke ihrer Finger zu ſchwellen ſchien. Sie ſahen in das verſtörte bleiche Angeſicht des Künſtlers, deſſen Zügen der wildeſte Kummer und Schmerz der Reue ſeinen unverkennbaren Stempel aufgedrückt, und bewillig⸗ ten ſeinen Fürbittern nun gerne ihr Geſuch.
Pierre's Lebenstage waren aber gleichwohl gezählt; ſeine Aufgabe in der Welt war nun erfüllt, die künſt⸗ leriſche Schöpferkraft war dahin, welche ein alles Andere abſorbirender Gedanke befeuert, und die Betrachtung ſeiner eigenen Schöpfung entzündete in ihm des Wahnſinns düſteres Feuer; es glich ſo täuſchend dem Leben, daß er ihm je länger deſto glühender Leben und Athem einzu⸗
hauchen wünſchte. Die glänzenden Augen bewegten ſich zwar, hatten aber kein Licht von der Seele, und wollten ſeinem ernſten Blick nicht antworten. Die ſchönen Lippen öffneten ſich zwar, ſprachen aber nicht mehr, wie einſt in den Tagen ſeines Glückes. Das ganze Bild erfüllte ihn nachgerade mit übernatürlichem Entſetzen, obwohl ihn ein magiſcher Einfluß immer wieder zu ihm hinzog. Ungefähr drei Monate nach der Vollendung deſſelben fand man Pierre eines Morgens todt zu des Bildes Füßen liegen.
Antoine Breguet überlebte ihn um zwei Jahre. Während der erſten achtzehn Monate wollte er das Bild ſeines verlornen Lieblings nie aus dem Auge laſſen. Später aber pfiff er oft dem Vogel vor, oder ſprach mit ihr, und ſchien ſich einzubilden, ſie antworte ihm. Als aber ſeine Altersſchwäche und Geiſtesſtumpfheit zunahm, war Roſette vergeſſen, und er fragte manchmal: wer dieſes junge Frauenzimmer ſei. Endlich hieß er das Bild hinwegſchaffen, weil es ihn immer anblicke. Die Zauber⸗ laterne ſeines ſchwindenden Erinnerungs vermögens zeigte ihm dann das Bild ſeiner längſt verſtorbenen Gattin; er erwähnte ihr Uhren und Ringe, als Angebinde, zu machen und hielt lange Unterredungen mit ihr, als ob ſie gegen⸗ wärtig wäre. Später vergaß er aber auch ſeine Gattin, und beſchäftigte ſich mit ſeiner Mutter und den Erinnerun⸗ gen an ſeine Kindheit. Zuletzt weinte er oft und wieder⸗ holte immer:„Sie erwarten mich Alle, und ich möchte nun auch heimgehen!“ Dieſer Wunſch ward ihm endlich gewährt, als er etwas über achtzig Jahre alt war, und mitleidige Engel trugen den müden Pilger aus dieſem Erdenleben in die ewige Ruhe ein.—
Bekanntmachungen von Be⸗ hörden.
S Mühlenverpachtung zu Vilbel.
(1026) Die dem Großh. Heſſiſchen Fiscus uſtehende, an der Nidda zu Vilbel gelegne ahlmühle, welche mit 4 Gängen verſehen iſt,
und wozu Nebengebäude, Stallungen, Scheuer, ein kleines Gärtchen und 233 ◻HKlafter Wieſen gehören, wird
Dienſtag den 6. Auguſt d. J.,
Vormittags 10 Uhr,
in dem Gemeindehauſe zu Vilbel auf 3 Jahre, vom 1. November d. J. an, meiſtbietend verpachtet.
Die Bedingungen, unter welchen ſolches ge⸗ ſchieht, werden in dem Verpachtungstermine er⸗ öffnet, find aber auch ſchon vorher auf dem Büreau des Unterzeichneten einzuſehen und zu vernehmen.
Friedberg den 24. Juni 1850.
Der Gr. Rentamtmann des Rentamts Friedberg Domänenrath Bu ß.
Edictalla dung.
(1045) Ueber den von den Erben ausge⸗ ſchlagenen Nachlaß der Wittwe des Gr. Phyſi⸗ katsarztes Dr. Köhler von Bensheim, jetzt zu Friedberg, iſt der Konkurs erkannt worden. An⸗ ſprüche jeder Art ſind deß l alb im Termin Mittwoch den 31. Juli d. Ju, Morgens 8 Uhr, bei Vermeidung des ohne beſonderes Präcluſiv⸗ dekret erfolgenden Ausſchluſſes von der Maſſe dahier anzuzeigen und zu begründen.
In dem Termin ſoll zugleich wegen Geneh⸗ migung der Verſteigerung zweier, zur Maſſe gehörigen Grundſtücke, verfügt und ein Arran⸗ gement verſucht und im Entſtehungsfalle über die Wahl eines Curators und die Verwaltung der Maſſe verhandelt werden. 5
Gläubiger, welche nicht in Selbſtperſon er⸗ ſcheinen, haben ihre Vertreter mit Specialvoll⸗
machten zu verſehen, gegenfalls ſie als den Be⸗ ſchlüſſen der Mehrheit der erſchienenen Gläubiger beitretend werden angeſehen werden. Friedberg den 25. Juni 1850. Großh. Heſſ. Landgericht Hofmann. Dr. Irle.
Hofraithe⸗ Verkauf. (10417) Wegen eingelegtem Nachgebote ſoll Freitag den 12. d. Mis., Vormittags um 10 Uor, die in der Hauptſtraße dahier gelegene, zu jedem Geſchäftsbetrieb geeignete Hofraithe des verſtorbenen Kaufmanns Joh. Heinr. Friß, be⸗ ſtehend aus Wohnhaus mit geräumigem Hofe und Brunnen, ſchönen Magazinen und Stallun⸗ gen, einer Waſchküche, einer großen maſſiv von Stein gebauten Scheuer nebſt angrenzendem Garten, ſowie auch 1 Viertel 27 Ruthen Garten in den Liebfrauengärten, öffentlich meiſtbietend, unter den bei der Verſteigerung bekannt gemacht werdenden Bedingungen auf hieſigem Rathhaus nochmals verkauft werden. Friedberg den 1. Juli 1850. Der Großh. Heſſ. Bürgermeiſter Be d een
Edicetalla dung.
(1039) Nachdem über das Vermögen des Gutspachters Dr. Jaup zu Dorheim der förm⸗ liche Concurs erkannt worden iſt, werden hier⸗ mit alle Gläubiger deſſelben vorgeladen, ihre Forderungen bei Meidung des Ausſchluſſes von der Concursmaſſe, im Termine den 29. Juli d. J., Vormittags 8 Uhr,
vor dem unterzeichneten, von der Civilkammer des kurfürstlichen Obergerichts zu Hanau mit der Leitung und Entſcheidung dieſes Verfahrens be⸗ auftragten Gerichte unter Vorlage etwaiger Be⸗ weisurkunden anzumelden und zu begründen, ſich auch über die Wahl eines Maſſecurators, als welcher vorläufig der Müllermeiſter Georg Schudt zu Dorheim beſtellt worden iſt, zu ver⸗ einigen.— Zugleich wird bemerkt, daß die Bekanntmachung des demnächſt ergehenden Prä⸗
cluſiv⸗Beſcheides blos durch Anſchlag im Ge⸗ richtslocale bewirkt werden wird. Nauheim am 29. Juni 1850. Kurfürſtlich Heſſiſches Juſtizamt t ölbeer. vdt. Raabe.
Güter ⸗Verſteigerung.
(1060) Dienſtag den 6. Auguſt, Morgens um 9 Uhr, werden in hieſigem Rathhauſe die zum Nachlaß des Georg Renneberg gehörenden Güterſtücke meiſtbietend verſteigert, als:
1) 3 Prtl. 29 Rth. Garten in der 8. Gewann, der ſogenannte Ackergarten vor dem Fauerbacher Thor am Todtenhof,
2) 1„ 13„lin der 14. Gewann am Gäß⸗ chen an Georg Rauſch jun.
3) 1„ 32„ in der 15. Gewann, den ſog. Grabengärten, an Kon⸗ rad Reuß II. und Marga⸗ retha Reuß,
4) 18„win der 18. Gewann zwiſchen der Köhler- und Kloſtergaſſe an Jakob Pfeffer,
50 4%„ Wieſen in der Burggemar⸗
kung, im Ried in der II.
Abtheilung an Johs. Joſt II.
Zins der Pia corpora I kr.
1¼ Hlr.,
Acker in der Gemarkun,
Fauerbach I. an der Schlo
kergaſſe.
Friedberg den 3. Juni 1850.
In Auftrag Großh. Landgerichts
60 29%„
Der Großh. Heſſ. Bürgermeiſter
Bender. Güter ⸗ Verpachtung. (1061) Dienſtag den 16. Juli, Morgens um 9 Uhr anfangend werden in hieſigem Rath⸗ hauſe die Güterſtücke der Frau Philipp Storks Wittwe dahier, in Friedberger und Fauerbacher Gemarkung gelegen, auf einen Zeitraum von
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