4. Maiſ27. Apr.
Naim! Die⸗ Nun; burg
2 — 2 2
Taxe und Butzbach
—
Nariirn
Intelligenz-Blatt
fuͤr die
Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen, den Regierungsbezirk Friedberg
im Beſonderen.
Mittwoch den 4. Juni
1850.
1 18.
Amtlicher Theil.
a Die Großherzoglich Heſſiſche. Regierungscommiſſion des Regierungsbezirks Friedberg an die G. Bürgermeiſter und resp. Beigeordneten und Polizeicommiſſäre, ſowie die Gensdarmerie des Regie— rungsbezirks.
Betreffend: In Unterſuchungsſachen gegen Wilhelm Chriſtian Weil von Echzell wegen Diebſtahls.
Sie werden hiermit angewieſen, auf Chriſtian Weil von Echzell, deſſen Aufenthaltsort unbekannt iſt, zu fahn⸗ den und ihn im Betretungsfalle zu verhaften und hierher zu verbringen.
Friedberg den 28. Mai 1850.
ier.
Die beiden Vebenbuhler. Von J. A. Fröhlich.
„Ich verſpüre, daß ich alt werde; mein Geſicht wird nachgerade blöde,, ſagte einer der berühmteſten Uhrmacher von Genf zu ſeinen beiden Gehülfen, und wiſchte ſorgſam ſeine Brille ab, um die beiden Chronometer zu unterſuchen, welche ſie ihm vorlegten.—„Sehr ſchön! ſehr gelungen, meine Jungen, ſagte er zu ihnen.„Ihr ſeid Beide Zierden Eures Fachs, und es würde mir ſchwer fallen, zu ſagen, welcher von Euch Beiden den Platz des alten Antoine Breguet am würdigſten und beſten ausfüllen wird. Vor dreißig Jahren, — kann ich Euch verſichern, und Ihr müßt das der Eitel— keit eines Greiſes wie ich ſchon zu Gute halten,— vor dreißig Jahren hätte ich es mit Hunderten, wie Ihr ſeid, aufgenommen; allein nun iſt's vorbei: das Augenlicht verläßt mich, die Hände fangen an zu zittern. Ich muß den Platz nachgerade aufgeben, welchen ich in der Welt und in unſerer Kunſt einnahm,— ich muß die Palme Anderen überlaſſen, und ich geſtehe, ich möchte mein Ge— ſchäft an einen würdigen Nachfolger abtreten. Drum laßt mich Euch einen Vorſchlag machen: wer von Euch binnen zwei Jahren das vollkommenſte mechaniſche Kunſt— werk ausgearbeitet hat, der ſoll mein Geſchäftstheilhaber und Nachfolger werden, wenn Roſette, meine Enkeltochter,
und ich ſelbſt Beide in unſerem Urtheile über ſein Werk einig ſind!⸗
f Die Enkelin Roſette, ein wunderliebliches Kind, ſaß im Erker am Spinnrocken und ließ das Rädchen fleißig ſchwirren. Bei des Großvaters Worten aber blickte ſie verlegen in die Höhe, und begegnete dem Blicke beider junger Männer. Das Antlitz des Einen überdeckte glühende Röthe, und ein dunkler Blitz flammte aus ſeinem Auge; der Andere erblaßte, und der Blick, welchen er auf Roſette heftete, hatte etwas Schmerzlich-Inniges.
Der Jüngere der beiden Gehülfen, der über Roſettens Blick erröthet, hieß Florian Arvaud und war aus den franzöſiſchen Kantonen; ſchlank und anmuthig von Geſtalt und Benehmen, ſchön von Geſicht, von blühender Geſund— heit, edlen Zügen und herrlichen blauen Augen, war er ein geborner Liebling der Frauen. Dazu ſang er die hübſcheſten Lieder mit weicher Tenorſtimme, ſpielte meiſter— haft Guitarre und Klavier, und tanzte mit der Leichtig⸗ keit und Aumuth eines Zephyrs.— Der Andere, Aeltere, der erbleichte als ſein Auge dem der hübſchen Roſette be⸗ gegnete, nannte ſich Pierre Berthoud, von Genf. Er war von derber gedrungener Geſtalt, plumpen Zügen und etwas linkiſchem Benehmen. Aber von Stirn und Auge leuchtete ihm der Widerſchein eines ſeltenen Verſtandes, und um ſeinen Mund lag ein Zug, der auf eine eiſerne Willens— kraft und Ausdauer deutete. Er war ebenfalls muſikaliſch, aber er ſpielte lieber eruſte feierliche Choräle und andere Kirchenmuſik auf der Orgel, Baßviole und Trombone, die er meiſterhaft ſpielte, und wenn er ſang, klang ſeine Baß⸗ ſtimme als käme ſie aus der unterſten Tiefe eines Berg⸗ werks.
Roſette wich den ausdrucksvollen Blicken der beiden jungen Männer ſchnell aus, und ſpann hoch erröthend weiter. Floriau fühlte, daß ſie ſeinetwegen erröthe; Pierre aber hätte gern ſein Leben dran geſetzt, um gewiß zu ſein, ob dieſes Erglühen ihm gelte. So ungleich aber auch die beiden jungen Männer unter ſich waren, und obwohl Beide um die Gunſt derſelben Schönen ſich bewarben, ſo waren ſie doch eng mit einander befreundet, und fanden gewöhn— lich gerade in dem harmoniſchen Contraſt ihrer beiderſei⸗ tigen Gaben ihre Freude. Das erſte bittere Gefühl von Entfremdung trat jedoch eines Abends zwiſchen ihnen ein, als Florian ausgezeichnet ſchön ſang, und Roſette ihn auf der Guitarre begleitete; bei dieſem Aulaß ſog ſie mit vol— len Zügen einer durſtigen Seele die holden Toͤne der Muſik ein, ihr Antlitz ward ſtrahlender, verklaͤrter als ſonſt, und


