— 136—
Angeluccia that drei bis vier Schritte nach der Kammer hin, wie wenn ſie ungern wegginge, dann, nach⸗ dem ſie Antonio noch einen langen vielſagenden Blick zu⸗ geworfen, verließ ſie das Zimmer. Die Thür aber blieb nach innen zu offen.
„Antonio,“ ſagte Roballini, nachdem er ſich verſichert, daß ſeine Tochter ſich entfernt habe,„wie oft ſoll ich es Dir wiederholen, daß ich bei'm Gedächtniß meines Vaters geſchworen habe, Niemand als ich ſolle unter dem Dache wohnen, ehe der Moͤrder der letzten Roballini mit ſeinem Angeſichte im Staube liegt! Wer weiß, was ſich noch ereignen kann! Der Kampf mit dieſem Feinde iſt gefähr— lich, aber ich will lieber ſehen, daß Angeluccia über ihren Verlobten, als daß ſie über ihren Mann weint. Außerdem,“ fügte der Greis mit einem tiefen Seufzer hinzu,„bin ich entſchloſſen, ſie auf das Feſtland zu ſenden.“
„Was! Eure Tochter, Euer einziges Kind fern von Euch?“ ſchrie Antonio auf;„habt Ihr denn gar kein Ge— fühl, Onkel Giuſeppe?“ a
„Ich habe gerade ſo viel Gefühl, daß mich zuweilen die Furcht überkommt, über die Trennung von ihr den Verſtand zu verlieren,“ ſagte der unglückliche Vater, indem er ſich mit der Hand über die Stirn fuhr—„Aber's iſt eine Nothwendigkeit...“
„Eine Nothwendigkeit, daß Ihr Euch Eurer Tochter beraubt? Jeſus Maria, was wolltet Ihr anfangen, allein in Eurem alten Hauſe hier? Wie wollt Ihr die langen Nächte und die ſchweigſamen Tage verbringen? Ach, Onkel Giuſeppe, Ihr werdet dieß nicht thun,— werdet es aus Liebe zu Euch ſelbſt nicht thun...“
„Und vielleicht wohl auch wegen der Liebe eines an⸗ deren Jemand nicht; he, nicht ſo, Antonio?“ ſagt Robal⸗ lini mit einem halben Lächeln auf den Lippen; denn trotz der trüben Gedanken, die ſeinen Geiſt umdüſterten, konnte der Greis gegen die treue, anſpruchsloſe und ergebene Anhänglichkeit nicht gleichgiltig bleiben, welche der arme Antonio nun ſeit zwei Jahren Angeluccia bewies.
„So glaubt Ihr alſo, daß Eure Tochter einwilligen wird, ſich vom Vater zu trennen?“ fragte der junge Corſe erröthend; denn die Worte Giuſeppe's ließen ſein Herz mit beſchleunigtem Pulſe ſchlagen.
„Sie wird wohl müſſen,“ antwortete der alte Ro⸗ ballini.„Und iſt es nicht vorzuziehen, daß man ſein Kind hundert Meilen weit von ſich, aber am Leben hat, als daß man es hier in der Nähe, in den Schluchten von Santa⸗Anna todt liegen weiß?“
Antonio erblaßte, ſeine Lippen zogen ſich zuſammen, ſeine Augen ſchienen Feuer zu ſprühen.„So will Pietro Santo auch Angeluccia an's Leben?“ ſchrie er, und ſeine Hand fuhr nach dem Griffe des Dolches, den er im Gür⸗ tel trug.
„Ich allein kenne alle meine Leiden,„murmelte Giu⸗ ſeppe Roballini,„aber weßhalb davon ſprechen? Es gibt auch andere Hinderniſſe Deiner Heirath, Antonio. Ange— luccia bekommt keine Mitgift, und Dein Vater iſt ein Geizhals... Meine Tochter ſoll dem nicht ausgeſetzt ſeyn, daß er ihr Vorwürfe macht,— verſtehſt Du?“
„Wer ſollte es wagen, der Frau Antonio's Vor⸗ würfe zu machen?“ rief Antonio, indem er ſtolz und trotzig das Haupt erhob.„Und außerdem findet mein Vater ſelbſt, daß Eure Tochter ihrem Vermögen nach eine fur uns hinreichend gute Parthie iſt.“
„O ja„, ſagte Roballini mit einer duͤſtern Ironie. „Dein Vater hat ſich die Erbſchaft ausgerechnet, welche uns der Tod gelaſſen; aber ein Anderer hat dieſe Rech—⸗ nung vor ihm gemacht,“ fügte er mit dumpfem ingrim⸗ migem Tone hinzu. Dann verſank er wieder in ſein fin⸗
ſteres Bruten. Antonio wagte es nicht, ſich den Sinn der letzten Worte des Greiſes erklären zu laſſen. Indeß, als das Stillſchweigen noch eine Weile gewährt hatte, entſchloß er ſich, es zu brechen. 5
„So verſprecht mir wenigſtens, daß Eure Tochter nicht abreiſen ſoll.“
„Meine Tochter reist ab.“
In dieſem Augenblicke ſetzte die Magd das Eſſen auf den Tiſch. Giuſeppe Roballini näherte ſich demſelben langſam, nahm feierlich die Mütze ab und begann dann eine Art Pſalm halb zu ſprechen, halb nach einer klagen— den Melodie zu ſingen, in welchem das Wort Figli(Söhne) in jeder Strophe vorkam. Antonio, der weder zu bleiben, noch durch ein lautes Lebewohl dieſe Scene des väter— lichen Schmerzes zu unterbrechen wagte, zog ſich in trau— rigem Schweigen zurück. Nicht weit von der Thüre, die, wie erzählt, offen geblieben war, traf der junge Mann Angeluccia. Sie zeigte mit dem Daumen nach einem klei⸗ nen, an das Haus anſtoßenden Garten, wo ſie ihn treffen wolle.
„Antonio,“ ſagte ſie,„ich thue damit etwas, was vielleicht noch nie ein Mädchen von unſrer Familie gethan hat, und ich bin ſicher, daß dieſe Handlung Dich von mir übel denken laſſen wird.“
„Du ſtehſt in meiner Achtung zu hoch, als daß Du darin jemals ſinken könnteſt,“ entgegnete der junge Mann, der kaum ſeine Freude zu bemeiſtern vermochte; denn zum erſten Male ſollte er ſich mit der, welche er liebte, allein befinden.
„Ich habe Alles gehört, was mein Vater zu Dir ſagte,“ fuhr das junge Mädchen fort.
„Aber weißſt Du auch, daß er mir alle Hoffnung genommen?-
„Mein armer Vater!“
„Nenne ihn lieber grauſam, Angeluccia;— er iſt es nicht bloß gegen mich, ſondern auch gegen ſein eigen Fleiſch und Blut, ja gegen ſich ſelbſt. Er will Dich weg— thun,— weit von hier, und bei ſeinem Alter iſt keine Ausſicht, daß er Dich wiederſieht.“ g
„Du darfſt meinen Vater nicht ſo ſchwer anklagen, Autonio; wenn ich mich entſchloß, Dich hier insgeheim zu ſprechen, ſo geſchah es in der Abſicht, ihn bei Dir zu vertheidigen. Ach, Du kennſt unſer ganzes Ungluͤck noch nicht; weißſt noch nicht, daß Pietro Santo, nicht zufrieden, meine Brüder ermordet zu haben, auch mich mit ſeinen Drohungen verfolgt, und daß ich's nur den größten Geld— opfern meines Vaters verdanke, wenn ich noch am Leben bin. Dreimal ſchon hat er die von dem Banditen gefor— derte Summe an den von ihm beſtimmten Orte getragen, und nun iſt ihm nichts übrig geblieben, als meine geringe Mitgift, und ſchon iſt der Tag nicht mehr fern, wo Santo kommen und Geld fordern wird.“
„Und was wird Dein Vater thun, Angeluccia?“ fragte der junge Corſe, deſſen Züge bei der Erzählung ſeiner Geliebten nach und nach einen immer erregteren Aus— druck annahmen.
„Er wird ihm mein Mitgift geben, da wir keinen anderen Verwandten mehr haben,“ antwortete das Mäd— chen, mit beſonderem Nachdruck die letzten Worte beto— nend und ihren Geliebten mit einem ſonderbaren Blicke anſehend.
„Was wird Euch dann bleiben?“
„Nichts;— wenn ich es nämlich geſchehen laſſe, daß mein armer Vater das Brod, das er für die wenigen ihm noch übrigen Jahre bedarf, Anderen gibt..... Aber ich werde dieß nicht zugeben!“ f
„Was willſt Du thun?“ fragte Antonio zitternd;


