— 314—
mals zwei Wagner im Dorfe. Da war Einer zu viel. Die Leute hatten noch nicht ſo viel Fuhrwerk, wie heutzu⸗
tage. Die Gretel war, wie geſagt, ſo hübſch, als nur
irgend ein Mädchen im Dorfe. Das wär' gut geweſenz
aber ſie wußte es, und das war nicht gut. Sie konnt'
an keinem Spiegelchen vorbeigehn, und wenn's nur ſo groß war, wie ein Stadtweck(die ſind gewiß klein!), ohne
daß ſie hineinſah. Und wenn ſie einen anblickte, ſo war's,
als fragte ſie:„Haſt du ſchon ein hübſcheres Mädchen geſehen, als mich?“ Ihr größtes Herzeleid war, daß ſie ſich nicht putzen konnte, wie reichere Mädchen, und daß der Herr Schulmeiſter, der damals jung ins Dorf kam, und der Gemeindeförſter ſich nicht in ſie verlieben mochten, auch die jungen Burſche ſich nicht viel aus ihr machten, bis auf Einen, des Kuhhirten Samel, der ihr aber zu
gering war, obwohl er ein gut Handwerk konnte. Er war
Schuhmacher. Das Gretelchen wollte weiter hinaus. „Vater,“ ſagte ſie einmal,„ich hab' doch gar zu geringe
Kleider. Guckt mal die Bärbel an, und die Ammi, und
alle Mädchen im Dorf; ſie haben viel ſchönere, als ich!“ „Sei ſtill!“ ſagte der, und ſah ſie dabei ärgerlich an.„Es wird mir ſchwer, das Brod zu verdienen, das Ihr eſſet. Ich kann Dir keine kaufen.“ „Die Gretel hatte darauf gerechnet, daß er ſo ſagen würde. N „Ei,“ meinte ſie,„das will ich auch nicht. Ich will mir ſie verdienen und mich zu Weihnachten in die Stadt perdingen, da krieg' ich Kleider und komme Euch aus dem Brot.“ 5 „Meinetwegen!“ ſprach der Philippjacob, und das war jetzt genug; denn er war maulfaul. Jetzt tanzte mein gutes Gretelchen im Hauſe herum und ſang wie eine Lerche Morgens früh und wie eine Nachtigall Abends ſpät. Den guten, grundehrlichen Samel ſah ſie nicht mehr an, und man ſah's ihr an der Naſe an, daß ſie mit offenen Augen von den ſchönen Kleidern träumte und von dem Pläſir in der Stadt. 5 „Um Martini ging ſie in die Stadt zu einer Mieth⸗ frau, das heißt, wie Ihr wißt, zu ſo einer, die den Leuten die Mägde bringt und aufhängt, und das Maul von ihren Tugenden ſo voll nimmt, daß ſie ſie alle drin hat und die Herrſchaft bei den Mägden keine mehr davon findet. Sie verſprach ihr den halben Miethlohn, und nun trollt die mit ihr Gaſſ' aus, Gaſſ' ein, bis ſie endlich bei einem Geheimen Rath, der gern Baronches ſpielte, einen Dienſt fand. Kriegt einen Reichsthaler Miethlohn und gibt der Miethfrau gleich davon fünf und vierzig Kreuzer und hüpft fröhlich heim. Sie war ſchon ordentlich ſtolz, daß ſie in einem ſo vornehmen Hauſe dienen ſollte. Zu Weihnachten zog ſie mit ihrer Kiſte— die aber ſo hohl klang und mord⸗ leicht war— hinein. Sie hätt' ſie auf dem Kopf tragen können; aber das war ihr zu gering. Da der Schulz grad hinein fuhr, ſtellt ſie ſie auf den Wagen, und als ſie ſie auf den Wagen hob, krächzte ſie, als ob die Kiſte ſo ſchwer wäre, und die's beſſer wußten, die lachten herzlich. Mein Vater ſagte damals:„Wenn's dem Eſel zu wohl iſt, geht er aufs Eis tanzen.“ Ich verſtand damals das Wort nicht. „Alle Welt dauerte den guten Samel. Der war lebendig todt. Er fah ſo betrübt drein, als wär' ihm das größte Leid geſchehen. Er hatte immer Waſſer in den Augen und mied das luſtige junge Volk, weil's ihm ſo ſchwer um das Herz war. Er hatte die Gretel ſo von Herzen lieb, daß er am Heimweh nach ihr geſtorben wäre, wenn er ſie nicht hätte ſehen können. Er war ſo eine von den weichen, gutmüthigen Naturen, die kein ſchweres Leid ertragen können. Sie hatte ihn immer abgeſtoßen,
und ſeine Seele hing doch an ihr, als könne ſie nie von
ihr laſſen.
„Anfangs neckten ihn die Burſche. Als ſte Aber ſahen, wie wehe ſie ihm damit thaten, ließen ſie ihn in
Ruhe; denn ſie hatten ihn doch Alle lieb, weil er ſo treu
und ehrlich war, und meinten, er verdiene eine Beſſere, als die Gretel, von der er wie behext ſei. Eines frühen Morgens war er fort. Er hatte ſein Felleiſen geſchnallt und war zu einem Meiſter in die Stadt, der quer dem Geheimenrath gegenüber ſaß, nämlich in der Miethe, und im zweiten Stock. Da genas der arme Samel wieder; denn er ſah ſeine liebe Gretel, aber ſie that, als ſähe ſie ihn nicht, und wenn ſie ihm begegnete, that ſie, als kennte ſie ihn nicht; denn ſie war ſtolz geworden, eine Stadt— mamſell— und er nur ein Schuſter!
„In des Geheimeraths Hauſe waren mannshohe Spiegel und in dem Holzwerk kounte man ſich noch extra beſehen. Das war eine Pläſir für mein Gretelchen, die nun Gretchen hieß. Sie bekam einen hohen Lohn. Alle Tage waren Gäſte im Hauſe; da fielen die Trinkgelder in den Schooß Gretchen's, daß es klingelte. Alles gab neuen Staat, und ſchon nach zwei Monaten ſagten die Schuhmachergeſellen auf der Herberge:„Des Geheime— raths Gretchen auf der Marktgaſſe iſt ein ſüßer Engel! aber wir ſind ihr Alle zu ſchlecht. Dem„Zweierlei⸗ Tuch“ iſt ſie aber nicht feind. i
„Der Samel hörte das und es ging ihm durchs Herz, ſo gut es ihm auch that, daß ſie das Gretchen auch ſo engelſchön fanden wie er. Das mit dem„Zweierlei-Tuch“ verſtand er nicht. Da fragt er einen guten Freund, einen Schwaben, der auch das Pulver nicht erdacht hatte und nicht Schuld war, daß der Hahn auf der Straßburger Münſteruhr wieder kräht, was das bedeute?
„Wäger,“ ſagte der Schwab,„i glaub' wohl, ſe meine d' Soldate!“ Da ging dem armen Samel ein Licht auf!
(Fortſetzung folgt.)
Altes Gold— oder auch nicht! (Spinnſtube 1848.)
Zu Hilgenbach(ich glaub' es liegt nicht weit von Altenkirchen und war vormals Naſſau⸗Siegeniſch und jetzt iſt's Preußiſch) lebte vor etwa ſiebenzig bis achtzig Jahren ein junges Ehepaar, die hatten noch ihren alten Außent⸗ haltsvater von der Frau her zu ernähren. Der Greis wurde immer ſchwächer, denn er ſtand da, wovon's heißt: Wenn's hoch kommt, ſo ſind's achtzig, und zitterte mit den Händen, daß er den Eßlöffel nicht mehr zum Munde bringen konnte, ohne die Suppe zu verſchütten. Gute Kinder hätten's dem alten Vater löffelweiſe gegeben und ihn mit Geduld der Liebe wie ein Kind gefüttert; aber ſo machten's die Hilgenbacher Kinder nicht. Weil ſie ſich ekelten, ſetzten ſie den armen, alten Vater hinter den Ofen, wo er eſſen mußte; aber ſeine Kniee zitterten ſo ſehr und der irdene Teller ſollte darauf ſtehen! Da kam's denn oft, daß der Teller mit ſammt der Suppe herabfiel. Da knurrte die gottvergeſſene Tochter und der liebe Schwiegerſohn meinte, ſie hätten ja noch die hölzerne Schüſſel, worin das Hühnerfutter als geſtanden hätte, die ſolle ſie ſäubern und ihm geben, weil ſie doch nicht zerbräche, wenn ſie ihm von den Knieen fiele. Das leuchtete der Tochter des Greiſen ein und ſie holte ſie und ſchüttete ihm ſeine Suppe hinein.
Der Greis ſeufzte und aß.— un
Das Ehepaar hatte ein Büblein, das etwa ſechs bis ſieben Jahre alt war, das hatte ſich dies gemerkt, ging


