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zu finden. Endlich gelang es der guten Alten, ihre Ge⸗
bleterin in ſo weit zu beruhigen, daß ſie ſie bewog, ſich zu Bette zu legen. Emilie verſuchte zu ſchlafen, aber ver⸗ gebens, und kaum daͤmmerte der Tag, als ſie von ihrem Lager aufſprang und ſich ſchnell in ihre Kleider warf.
„Granny,“ rief ſie, indem ſie in das angrenzende
Zimmer trat, in dem die Alte mit den Kindern ſchlief, „beſorge mir ſchnell etwas Frühſtück, ich muß auf der Stelle fort!“ 5 S „Fort, Herrin, und wohin?“ fragte die Alte. „Ich muß hinaus, muß mich nach meinem Gatten umſchauen ,, entgegnete Emilie mit faſt erſtickter Stimme. „Nicht doch, nicht doch le bat die Alte;„ohne Zwei⸗ fel hat der Herr nun den rechten Weg gefunden, und ge⸗
wiß kehrt er bald zurück. Wartet wenigſtens noch einige
Stunden.“
„Wenn er aber vielleicht erkrankte oder verwundet
ward 2797 f Das iſt nicht ſo wahrſcheinlich, als daß er ſich verirrt hat und den Tag abwartete, um den Heimweg zu uche. 5 Auf; dieſe Weise geduldete ſich Emilie noch einige Stunden; als 1 dieſe vorüberſchwanden, ohne daß ihr Gatte erſchien, konnte ſie ihrer Unruhe nicht län⸗ er, gebieten, ern eilte hinaus. Raſchen Schrittes fei ſie ihren Weg fort, ſie fühlte keine Ermüdung, die Hoffnung ſtärkte ſie und beflügelte ihre Schritte. 8 e A8 die Sonne herabzuſinken begann, ohne daß ſie ihren Gatten gefunden hätte, und ſie einſah, daß ſie den Heimweg einſchlagen müſſe, wollte ſie noch vor Nacht nach Hauſe gelangen,— da fühlte ſie ſich faſt von Verzweif⸗ lung erfaßt. ö N
Als ſie ſich aber ihrer Wohnung wieder näherte, fühlte ſie ſich durch die Hoffnung ermuthigt, daß ihr Gatte vielleicht auf einem anderen Wege heimgekehrt ſein koͤnne. Sie trat eilig in den Hof, kein treuer Corney, der ihr entgegenbellte, Niemand, der ſie freudig begrüßte. Die Thür öffnete ſich langſam, ſie blickte voll Angſt umher, das Feuer im Kamin beleuchtete das welke, traurige Ant⸗ litz der Alten, die für ihre Gebieterin kein beruhigendes Wort mehr hatte. Die Kinder, welche in ihrer Unſchuld die Angſt der Mutter nicht ahnten, ſpielten im Zimmer umher.
Geiſtig und körperlich erſchöpft, ſank Emilie auf den nächſten Stuhl. Am folgenden Morgen ſetzte die unglückliche Frau ihre Nachforſchungen mit gleichem Eifer, aber eben ſo erfolglos fort. Während der Nacht war Corney, der treue Hund, zurückgekehrt. Ihr ſcharfes Ohr hörte ihn vor der Pforte bellen, und man eilte ihn einzulaſſen.
„Laß ihn gleich herein zu mir,, rief Emilie.
„Nicht doch,“ entgegnete die Alte von außen,„er iſt ſchmutzig und durchnäßt und würde drinnen Alles be⸗ ſudeln. Auch ſcheint er faſt verhungert, ich will ihm zuvor etwas Nahrung reichen.“
Emilie ließ das geſchehen, die Heimkehr des Hundes belebte ſie mit neuen Hoffnungen. So wie der Tag däm⸗ merte, war der Hund wieder wach, er wimmerte und gab zu verſtehen, daß er wieder aus dem Haus hinaus wolle. Emilie warf raſch ihre Kleider über, nahm aus Granny's bebender Hand einen kleinen Mundvorrath mit ſich und folgte dem Hunde, der voran rannte, bis zu dem Fluſſe hinab. Dort ſprang er in die Fluth und blickte zurück, gleichſam als fordere er Emilien auf, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Der Fluß, obgleich ſchmal, war ſtark und reißend. Plötzlich erinnerte ſich Emilie, daß etwas weiter hinab ein umgeſtürzter Baum gewiſſermaßen eine Brücke bilde. Sie eilte dorthin, gelangte glücklich hinüber und folgte dem Hunde, der unabläſſig voranrannte. f f
Endlich erſchöpft und ermattet, ruhte ſie ein wenig unter einem Baume und theilte ihren kleinen Mundvorrath mit dem treuen Hunde. Als ſie ſich etwas geſtärkt fühlte, ſetzte ſie ihren Weg wieder fort, aber der größere Theil
des Tages war jetzt verfloſſen. N
Plötzlich kehrte der Hund, der ſtets voran war, heu— lend und wimmernd zurück. Emilie blickte forſchend umher. Sie hatten eben einen kleinen offnen Raum betreten, der von den Bäumen begrenzt war, welche zu fällen, ihrem Rathe zufolge, ihr Gatte ausgegangen war. Jetzt mußte ſie ihr Schickſal erfahren; ſie konnte ſich kaum aufrecht erhalten, nichtsdeſtoweniger eilte ſie vorwärts. Bei der Scene aber, die jetzt vor ihren Blick trat, ſchwand die wenige Kraft, die ihr noch übrig geblieben war, gänzlich dahin.(Schluß folgt.)
Ein Beſuch in Calcutta.
Von allen Städten, die ich in früheren Jahren auf meinen Reiſen geſehen, hat keinen angenehmeren, überra⸗ ſchenderen und zugleich tieferen Eindruck auf mich gemacht, als Calcutta mit ſeinem Gemiſch von europäiſcher Kultur und morgenländiſcher Pracht. Ich ſah es zuerſt als ein Jüngling von 15 Jahren, als Volontär auf einem Kauf⸗ fahrteiſchiffe, mit welchem ich ſieben Wochen im Hugly lag. Während dieſer Zeit hatten wir mehrere Feier⸗ oder Raſt⸗ tage, an welchen die gauze Mannſchaft an's Land gehen durfte, und unſere Beſuche in der Stadt waren für Alt und Jung immer mit ee und Luſtbarkeiten verbunden. Beſonders mein erſter Ausflug ſchwebt mir mit ſeinen Eindrücken noch immer friſch vor der Seele.
Eines Morgens um die vierte Glocke der Morgen⸗ wache, oder um zehn Uhr nach gemeiner Zeitrechnung am Lande, waren alle Verdecke abgewaſchen und das Frühſtück vorüber. Dieſes letztere war ſtets ein äußerſt luxurtöſes, ſo lange wir in Indien waren, beſtehend aus einem Büſchel trefflicher Bananen, friſcher Butter auf einem Piſangblatte und neugebackener Semmel ſtatt des harten Zwiebacks, dazu Schiffsthee und kalten Braten von köſtlichem Büffel⸗ fleiſch. Welch' ein Unterſchied von der gewöhnlichen Schiffs⸗ koſt! Und die angenehme Zubuße zu dem gewohnten Mahle koſtete jeden von uns wenig mehr als einen Penny, und dazu noch auf Kredit, ſo daß die ganze Mannſchaft, vom Koch bis zum Kajütenjungen, ſich dieſen Luxus er⸗ lauben konnte. Die Semmeln waren kleine kegelförmige Rollen, und wurden jeden Morgen in Rahmoun's Kram⸗ boote zu uns an Bord gebracht; das Büffelfleiſch hatte den einzigen Nachtheil, daß es nicht fett und ganz weiß war wegen der Abweſenheit des Blutes, das die Muſel⸗ männiſchen Schlächter wie die Juden durch das Oeffnen der Halspulsadern gänzlich entfernen.— Nach dem Früh⸗ ſtück wuſchen wir uns, und raſirten uns ſelbſt, wo dieß nöthig war; zum erſten Male nahm ich meine ſchmuckſte blaue Jacke, weiße Beinkleider von Segeltuch und meine
blaue Tuchmütze mit der goldenen Borte aus der Truhe,
und machte meine Toilette vor einem kleinen Spiegel, der an der Halbdecktreppe angebracht war. Wir acht Volon⸗ täre(prentiees) putzten uns heute auf wie Seekadetten (midshipmen) eines Londoner Schiffes. Die Matroſen ſtanden bereits am Windlaß(der kleinen Schiffswinde) in beſter Tracht mit getheerten Huͤten, die ſie ſich meiſt ſelbſt verfertigt und bemalt. Der Kapitän mit den Unterſchiffern waren am Kabeſtan(der großen Ankerwinde)„und der erſtere hatte ein Kaſtchen voll Rupien im Arme, die er kaum zuvor vom Agenten am Lande erhalten hatte. Zu⸗ erſt traten die Matroſen zu ihm und empfingen Jeder
5—8 Rupien, je nach ihren Wünſchen; dann kamen wir
und erhielten gleichfalls 2—3 auf den Kof.(Die Rupie


