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Die arme Frau war übel dran, denn er parirte ihr nicht. Es iſt aber auch, ſagte er und ſchlug mit der
flachen Hand auf die Lederbuchs an ſeine Schenkel, daß
das Kathrinchen zuſammenfuhr, es iſt aber auch keinen Schuß Pulver werth, wenn ſo eine Frau einen Buben ziehen ſoll! da pappeln ſie, zanken, brummeln den ganzen Tag, wie eine alte Baßgeige, und es kommt zu keiner Zucht. Am Ende denkt ſo ein Strick: es iſt immer blind geladen! achtet's nicht mehr und ſchlägt ein Schnippchen. So macht's der Fritz grade. Warum warſt du ihm denn doch gut, wenn er ſo ein Strick war? fragte der Gevatter.
Das will ich Euch ſagen! fuhr der Schmiedjacob fort. Böſe Streiche machte er nicht! nur ſo Lumpen⸗ ſtreiche, über die man, wohl oder übel lachen mußte.
Ihr wißt ich kann die Juden nicht recht verdauen, und das hat Grund und Urſache. Da wohnte in unſerer Gaſſe Einer, der mit Vieh handelte.. Wie der die Bauern ſchächtete, das ging über's Bohnenlied! Niemand konnte ihn leiden, alſo auch der Fritz nicht. Was thut er?— Schleicht in Bäckernickels Backſtube und fängt ſich einen ganzen Sack voll Hammelmäuschen, die einen zum Narren piepen können und wo ſie einmal ſind, gar nicht mehr zu vertreiben ſind. Die ſetzt er dem Mauſchel in die Stube. Der Jude ſchreit Ach und Weh und klagt's der Mutter und dem Schullehrer. Der iſt nicht faul ſpannt meinen Fritz über's Knie und mißt ihm eine Jahrlatte von einer Haſel an, daß er, der ohnehin kein Sitzfleiſch hatte, jetzt gar nicht ſißen konnte. 5
Wart' Jude, denkt er, ich will dir etwas malen. Am Schabbes Abend nimmt er einen Topf mit Pater Blut und einen Pinſel hinein; geht an Mauſchels
enſter und klopft. Der Mauſchel meint, es wär' ein Goje, dex Morgen ein Händelchen machen wollte oder heut' noch, denn die Sterne ſtanden ſchon am Himmel— macht ſchnell das Fenſter auf und ſtreckt ſeine Habichts⸗ naſe heraus. Huſch, fährt ihm der Fritz mit dem Pinſel im Geſichte herum, und wie der Jud zurückfährt, ſchreit die Iſche Zedermordjo. Dießmal war der Jude klug und ſchwieg ſtill, wuſch ſich und räſonnirte nur inwendig, denn er mochte es nun wiſſen, daß er es übler würde gemacht haben, wenn er es wieder an die große Glocke gehängt hätte. Ich ſah zu und lachte mich halb todt.
Und haſt dem Buben nichts geſagt? fragte der Ge⸗ vatter.
Nein; ſagte der Schmiedjacob, aber ich zog ihm eine Ohrfeige aufs Linke, daß er noch lange daran dachte und den Juden in Ruhe ließ.
In dem Städtchen wohnten auch einige Beamte, ein Doctor, Apotheker, Bartfeger und was zur Zunft gehört.
Die hatten im Hirſch ihr Caſino, wie ſie das nannten.
Da ſtachen ſie jeden Abend ihre Schoppen, und wenn ſie heim gingen, war keiner alleine. Der Hirſchwirth wohnte neben meinem Meiſter. Niemand aber machte mehr Lärm, als der Apotheker, der ein Erzkrakeeler war, und keines Menſchen Freund. Dem Fritz fiel's da. Mal ein, die Herren zu foppen. Er nimmt eine Kordel und ſpannt die quer über die Straße, ſo in der Höhe, daß die Hüte daran reichen mußten. Abends gehen die Herren heim aus dem Hirſch und die Beine wollen nicht recht in der Richtſchnur bleiben, Pfuff! da fährt dem Apotheker der Hüt vom Kopf, und als der Doctor, der hinter ihm geht, auch an die Kordel kommt, Patſch! da liegt auch ſein Hut auf der Gaſſe, die an das Kehren nicht gewohnt war und in der man neun Monate vom Jahre ſehr weich ging.—
Was ſchlagen Sie mir den Hut ab, Sie Schweren⸗ Gebe ruft der Apotheker und faßt den Doctor bei der
ehle.
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Verdammter Pillendreher, ſchimpft der Doctor, Du haſt mir ja den meinigen heruntergeſchlagen!
Der hat auch zwei Fäuſte und die treffen den dürren Apotheker, daß er rücklings ſich zu ſeinem Hute legt.
Nun gibt das eine Handthierung, ein wahres Stier⸗ gefecht, wie ich es in Spanien ſah, daß die ganze Nach⸗ barſchaft mit Laternen herbeilauft, um die beiden Zunft⸗ genoſſen auseinander zu bringen. Da entdeckt man die Kordel, die des Unheils Urſache war, und der Apotheker, der nüchtern geworden war, ruft aus: Das hat Niemand anders gethan, als der Strick!— Unter dieſem Namen ging Fritz im ganzen Städtchen.
Am andern Morgen hatte der Schullehrer wieder einen neuen Haſelſtock nöthig.—
Was half's?— Der Apotheker hatte eine Klingel an der Thüre und neben dran wohnten die zwei einzigen
Metzger des Städtchens, die zwei große Hunde hielten.
Fritz mauſt ſeiner Mutter einen Schinkenknochen und bin⸗ det den Abends an den Zug der Klingel. f Die Hunde wittern ſchnell, daß noch Fleiſch an dem Knochen iſt und ziehen dran, daß ſchier die Klingel herunterreißt. Der Apotheker lag ſchon in den Federn, weil ihn die Beulen, die er von den Liebkoſungen des Doctors davon getragen, ſchmerzen mochten. Der denkt: Holla, da muß gewiß noch raſch eine ordentliche Portion Blutegel gebraucht werden oder ſonſt ein Recept zu machen
ſein; ſpringt aus dem Bette und eilt, die Thüre zu öffnen;
aber es iſt Niemand da.
Er flucht über böſe Buben und legt ſich wieder. Kaum iſt er warm, ſo klingelt's wieder und ohne Ende.
Jetzt iſt's gewiß Jemand! denkt er und ſteht wieder auf, öffnet haſtig, aber Alles iſt ſtill und Niemand zu ſehen.
Jetzt raſt er vor Zorn, denn er war ein Erzgift⸗ michel; ſchließt wieder ab und legt ſichz doch da iſt an ein Schlafen nicht zu denken.
Die Klingel geht unaufhörlich.
Wart', denkt er, du legſt dich an's Fenſter, da mußt du die Schlingel doch ſehen oder hören; allein jetzt über⸗ läuft's ihn eiskalt! Er ſieht und hört Niemand und doch klingelt's!
Vielleicht wär' die Geſchichte noch ſchöner geworden, aber die Hunde bekamen Händel über den Knochen und biſſen ſich wie toll herum. Das öffnete dem Apotheker die Augen. Nun unterſucht er, und findet den Knochen.
Wart' Strick! ruft er, und hat nicht fehlgeſchoſſen.
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