Ausgabe 
12.9.1849
 
Einzelbild herunterladen

298

Deutſcher! Der mochte ſehen, wie er betteln lernte. So bin ich denn aus Frankreich gewandert. Das ging auch mordlangſam und war nicht pläſirlich. Ich wurde wohl einquartirt, aber was ich ſonſt brauchte, mußte ich betteln. Das iſt in der Regel des invaliden Soldaten Loos. f

Das muß ich aber ſagen, ich fand viel Mitleid. Jeder ſah mir ja auch meine Jugend an, und wenn ich erzählte, daß ich keine Penſion bekäme, dann gaben mir die Leute mit vollen Händen, und es verlauteten dann eben keine Segenswünſche für den Napoleon.

Haſt Du denn Nichts von daheim gehört? fragte

der Schulz.

Von daheim? ſagte der Schmiedjacob, du lieber Gott, mein Vater konnte nicht ſchreiben und ich auch nicht. Einmal hatte ich heimſchreiben laſſen. Der Brief kam nicht an. Wohin hätten ſie ſchreiben ſollen? Als ich nach Straßburg kam, ging ich an einer Schmiede vorbei. Da ſiel mir das Handwerk auf's Herz. Ich blieb ſtehen, und ſah dem Geſellen zu, wenigſtens hielt ich ihn dafür. Er ſchmiedete ein Hufeiſen, daß ſich Gott erbarm. Es hatte keine Art und kein Geſchick.

Ich trat hinein und ſagte:Laßt mich einmal ein Eiſen ſchmieden! Der ſah mich verwundert an.Meinet⸗ wegen! ſagte er, und ſah mich mit ſpöttiſchem Lachen an.

Er mochte denken: der Stelzfuß wird auch einen dicken

Theil verſtehen!

Der, den ich für den Geſellen gehalten, war der ehrſame Meiſter ſelbſt, der ſonſt nicht ungeſchickt war, aber mordſchlechte Hufeſſen machte, noch ſchlechter aber die Pferde beſchlug. 5 5

Ich nahm den Hammer, und nun, Ihr wißt, heute noch geht mir die Arbeit raſch von der Hand, flugs war das Eiſen fertig; auch fand ich, daß mich der Stelz⸗ fuß nicht einmal viel hinderte. f 5 Als der Meiſter ſah, daß mit dem Stelzfuß etwas anzufangen ſei, ſagte er:Wiſſet Ihr was, bleibt bei mir, Ihr ſollt, wenn Ihr die Pferde gut beſchlaget, einen guten Wochenlohn und ein ordentliches Leben haben.

Ich dachte: Verdien' dir ſo viel Geld, daß du nicht wie ein armer Bettler und Lump in dein Dorf kommſt, und ſagte zu. Alſo trat ich ſogleich ein und half hämmern; aber ich machte faſt nichts als Hufeiſen, und als die Leute einmal hörten, der Stelzfuß ſei ein rechter Kurſchmied, der auch das Viehdoctern verſtehe, da war unſere Schmiede die beſuchteſte in der ganzen Stadt.

Das gefiel meinem jungen Meiſter, und da er wohl wußte, daß ich der Grund war, und denken mochte, Andre ſpannten mich ihm ab, ſo hatt' ich's königlich gut, und ich krieg's wohl niemals wieder ſo. Es müßte denn ſein, daß mein Sohn wieder käme.

Er ſeufzte und Nachbar Veit's Lieschen ſeufzte auch. 5

Ich verdiente Geld wie Waſſer, fuhr er fort. Nun kaufte ich mir gute Kleider, ſchaffte mir neue Hemden an, ließ mir einen bequemeren Stelzfuß machen und ſparte mir doch noch etwas für die Reiſe; denn das Betteln konnte mir geſtohlen werden. Endlich konnt' ich's doch nicht län⸗ ger aushalten. Ich ſagte meinem Meiſter Adje und ging bei Kehl über den Rhein. f

Nach einer recht mühſeligen Reiſe kam ich in mein Dorf. Ich hatte mir einen greulichen Bart wachſen laſſen, daß mich Niemand kannte. Die rothen Backen waren auch nicht mehr da! 6

Als ich auf die Anhöhe kam, kurz vor dem Dorfe, wo die drei Eichen ſtehen, und nun das ſchöne Dorf vor mir lag, dachte ich, wie wird's um meine Lieben ſtehen? und das Herz fing mir ſo zu pochen an, daß ich nicht

weiter konnte. Lagen doch zwei volle Jahre dazwiſchen, falle ſeit ich geſchieden war, und gehört hatte ich ſeitdem nichts. echt Ich dachte an die lieben Eltern und an mein liebes 50

Bärbelchen. Gar mancherlei Gedanken preßten mir das

Herz. Wie war ich weggegangen und wie kam ich wie⸗ Er

der? Ach, es war wohl hart! belche Wie ich ſo daſaß, den Kopf in die Hand ſtützte, und und

es mir feucht in den Augen wurde, da fings mit allen und

drei Glocken zu läuten an. Sonntag war's ja nicht. Ge⸗ 9 9

wiß eine Leiche! Ich weiß nicht zu ſagen, wie mir das Thin aufs Herz fiel und mich ſo weich machte, und unwillkür⸗ leb lich dacht ich: Wie gut wär' dir's vielleicht, wenn ſie dich da hinaustrügen. N ö

e ſah den Zug kommen, ſo ernſt, ſo ſtill und feier⸗ 1 lich. Ich hörte dann den bekannten Grabgeſang, als ſie if die Leiche hinabſenkten, und ſah ſie zur Kirche gehen. Das 9 Herz hätte mir brechen können, und ich wußte nicht warum.

Endlich kam ein altes Mütterchen den Berg herauf. erde Ach, es war meine Mutter! Sie c en une und grüßte mich, aber ſie erkannte mich nicht. Ihr 15 3 Thi war vom Weinen ſchwach geworden, wie ſie mir ſpäͤter 1

ſagte, vom Weinen um mich.

Ich hatte mir die Elſaſſer Mundart ſehr angewöhnt während meines Aufenthaltes in Straßburg. Das machte mich vollends unkenntlich. ö

Ich mußte ſie anreden. 98 Wie heißt das Dorf? fragte ich recht Elſaſſiſch. Sie horchte, und erſt nach einer Weile ſagte ſie den Namen. a 0 W Wo ſeid Ihr denn her? fragte ſie. Ich nannte ein Dorf, das etwa ſechs Stunden weiter lag. f i f 110 Iſt kein Schmied im Dorfe, der einen Geſellen braucht? fragte ich weiter und faßte mich mit aller Kraft. Ach, ſeid ihr ein Kurſchmied? fragte ſie zurück. Als ich dieſes bejaht, ſagte ſie:Mein Mann wird Euch gerne nehmen; aber 2 a Ihr meint gewiß, fiel ich ihr in die Rede,der Stelzfuß hindere mich. Nein, ich habe in Straßburg gar br 75 gearbeitet, und kann's beweiſen, daß ſie mich gern

atten. 1. Glaub's, glaub's, ſagte ſie freundlich, als wollte ſie das gut machen, was mich hatte kränken oder mir weh a

thun können.* Habt Ihr dann das von Kindesbeinen an? fragte ſie ſo theilnehmend. Ach nein, ſagte ich,ich war im Krieg in Spanien,. da hab' ich das Bein verloren. Sie ſchlug die Hände zuſammen.Du großer Gott! a rief ſie aus,Ich hab' auch einen Sohn, mein einziges Kind, bei den Franzoſen, wenn das mir ſo zurückkäme! Sie ſchauderte zuſammen. g f 8 Ihr mögt Euch wohl denken, wandte ſich hier der c an ſeine Zuhörer, wie mir das ins Herz N nitt! N i Gott behüt' Euch davor, ſagte ich, und ich mußte meine ganze Kraft zuſammen nehmen, daß ich fortfahren a

konnte. f Würdet Ihr ihn aber nicht lieber als Krüppel 0 nehmen, wenn Ihr ihn nur wieder hättet, als daß er dort begraben würde? 5145 Ach Gott, ja! rief ſie aus.Habt Ihr vielleicht etwas von ihm gehört? Sie nannte meinen Namen. g Ich ſagte feſt: Nein, und fragte weiter,ob er ö denn ſchon lange fort ſei? 108 1 0 Jetzt ſetzte ſie ſich zu mir und fing an zu erzählen, und kam auch auf das Bärbelchen. Sie weinte laut und

.