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Sache Bezug hatten, als ſein Blick auf einem Briefe haften blieb, der in einer dieſer Zeitungsnummern abge⸗ druckt und von einem gewiſſen P. Dufour unterzeichnet war.
„Pierre Dufour?“ ſagte Vincent);„el ſo hieß ja der Quartiermeiſter unſerer Compagnie!“ 5
„Als ſolchen gibt er ſich auch hier zu erkennen!“ agte Charles leſend. a 9 5 75 lieber Himmel! ich dachte, der alte Burſche ſei ſchon längſt in der andern Welt. Er war der Vertraute unſeres Hauptmanns. Laß hören, was er für ſich vorzu⸗ bringen weiß!“ a 1
c e Antwort ſtieß aber Charles einen Ruf der höchſten Ueberraſchung und des Aergerniſſes aus und ward leichenblaß, als er den Brief zu Ende geleſen hatte.
„Was zum Henker haſt Du denn, Charles;“ rief Vincent. a 1177 „Was ich habe?“ wiederholte der junge Arbeiter wie vernichtet;„die Sache ſteht ſo, daß wir daheim blei⸗ ben können, wenn Dufour die Wahrheit redet! In dieſem Briefe hier verſichert der Quartiermeiſter ausdrücklich, daß die Fäſſer Pulver enthielten und kein Geld!“
Vincent ſchlug ſich voll Erſtaunen und Aerger vor die Stirne. Suzon ließ ihre Arbeit ſinken und blickte be⸗ ſorgt und erſchrocken auf ihren Vetter, der nun aber der Erſte war, welcher ſich von ſeiner Betroffenheit wieder erholte. Die plötzliche Aufklärung über die Vereitelung aller ſeiner Hoffnungen hatte ihn zwar ſehr ergriffen, aber nicht niedergeſchmettert. Nach kurzer Pauſe ſtand er entſchloſſen und mit fröhlichem Muthe auf, ſchloß die ſchmucke Suzon in ſeine Arme und rief:„Je nun, laſſen wir dieſen verlockenden Traum ſchwinden! hier iſt mein werthvollſter Schatz, den ich nicht für alles in ganz Frank⸗ reich und Spanien verſcharrte Silber hingeben wurde!— Nur munter, lieber Onkel! wir wollen wenigſtens das recht gut und vernünftig nützen, was uns noch geblieben iſt. Mit ſtarkem treuem Gemüthe und rüſtigen Armen werden wir niemals arm ſein, nicht wahr, Suzon?«
„Gewiß, niemals!“ verſetzte dieſe und aus ihrem feuchten Auge glänzte ein noch unbegränzteres Vertrauen in Charles und in Beider Zukunft, als in ihren Worten ſchon lag. le 5 12 „Sein wir froh, daß wir dieſe Nachricht noch zeitig genug erfahren haben, bevor wir in einem fruchtloſen Verſuͤch meine Erſparniſſe vergeudet hätten! Wir haben wenigſtens die zweitauſend Franken noch!“ rief Charles heiter. f
„Der Menſch denkt, Gott lenkt!“ rief der Veteran und erhob langſam ſein ſchneeweißes Haupt.„Ich ge⸗ dachte Euch beide vor meinem Tode noch reich zu ſehen, aber vielleicht iſt es ſo beſſer,, fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort.„Es iſt allerdings gut, daß wir Deine Er⸗ ſparniſſe noch haben, Charles, die uns auch Dufour's Brief nicht entreißen kann. Ich habe ebenfalls einen klei⸗ nen Sparpfennig, den ich der Wirthſchaftlichkeit dieſes wackeren Mädchens hier verdanke! nun wollen wir ſehen, was ſich damit machen läßt!“ Mit dieſen Worten ſtützte er den Kopf wieder in die Hand und erging ſich eine Weile in ſtillen Gedanken; dann ſprang er raſch auf und rief:„Ich hab's, meine Kinder! ich hab's!
„Was habt Ihr, lieber Onkel?“ riefen die jungen Leute einſtimmig.
„Geduld, Geduld, liebe Kinder! mit der Zeit ſollt Ihr Alles erfahren!“ verſetzte der Alte mit ſchlauem Lächeln. „Beſorge mir nur für jetzt einen Miethwagen, Charles; ich habe einige Geſchäfte abzumachen, und es iſt noch frühe am Tage Suzon, mein Mädchen, Du mußt mich begleiten!“
Man willfahrte ſeinem Begehren und als ſie beide
Anliegen fand geneigtes Gehör.
mit einander durch die Straßen fuhren, ſagte er ihr, er trage ſich mit der Abſicht, ihnen das Geſchäft zu erwerben, welches Charles's Brodherr eben aufgegeben habe. „Monſier Lebrun iſt ein Ehrenmann,“ ſchloß er,„er wird ſeine Forderungen nicht zu hoch ſpannen und mir gerne
an die Hand gehen. Was ſagſt Du dazu, mein Schätzchen?“
„O, ich kann nur ſagen, daß es mich namenlos glücklich machen würde, wenn es in Erfüllung ginge!“ erwiderte Suzon dankbar.
Sie ſprachen beide bei Monſier Lebrun vor und ihr Ihre Unterhandlung mit dem wackern Manne gelang ihnen ſo nach Wunſche, daß Vincent, als ſie wieder in der Kutſche ſaſſen, ſeinen Stock heftig auf den Boden ſtieß und ausrief:„Bei der Aſche des leinen Korporals! es muß euch beiden gut ge⸗ hen!“ Suzon küßte ihm voll innigem Danke die Hand.—
„Wenn ich es nur noch erlebe, euch in eurem kleinen
Hausweſen häuslich eingerichtet zu ſehen, ſo will ich gerne ſterben, denn ich ſterbe dann glücklich!“ rief der alte Sol⸗ dat gerührt.„Aber merke Dir's, mein Kind, Charles darf vorerſt noch gar Nichts davon erfahren— Du mußt mir das tiefſte Stillſchweigen geloben!“ 2
„Je nun, ich will's verſprechen, ſo ſchwer es mir auch werden wird, vor ihm ein Geheimniß zu haben,“ ſagte Suzon, als ſie den tiefen Ernſt des Oheims ſah. — Sie ſchwieg auch wirklich aus Dankbarkeit gegen den Oheim, obwohl ſie nicht einſah, was er dabei fur einen Beweggrund haben mochte, und ſo ſauer es ihr auch war, den Grund ihres Glückes und ihrer Freude vor Charles zu verbergen. Charles aber war ſeinerſeits von nun an auch ſo gedankenvoll und ſo mit ſeiner Zukunft beſchäftigt, daß er nicht viel Muße zum Plaudern hatte.
Etwa vierzehn Tage ſpäter an einem ſchönen Sonn⸗ tage, machte der alte Vincent unſetem jungen Brautpaare den Vorſchlag, eine kleine Spazierfahrt nach Meudon auf ſeine Koſten zu machen.„Zuvor wollen wir noch einen Ausgang in der Stadt beſorgen, dann wird Euch der Aus⸗ flug in die freie Natur um ſo mehr Freude machen!?
Man ließ einen Fiaker kommen und ſtieg ein. Nach kurzer Fahrt hielt der Wagen zu Charles's größtem Er⸗ ſtaunen vor dem Laden, den ſein früherer Brodherr inne gehabt hatte..
„Was wollt Ihr denn hier?“ fragte er.
„Wirſt's bald inne werden, mein Junge!“ verſetzte der Alte lächelnd. ü
Man ſtieg aus und Vincent trat, auf Suſannens Arm geſtützt, in den Laden. Charles wollte ihnen gerade folgen, als ſein Auge auf den Schild über der Thüre fiel und er auf demſelben in großen goldenen Buchſtaben ſeinen eigenen Namen Charles Vincent' las. Eine kurze Weile ſtand er wie verſteinert, dann ſprang er in den Laden, umarmte entzückt ſeinen Oheim und ſeine Verlobte und rief mit Freudenthränen im Auge: Ah, das alſo war Euer Geheimniß?... und Du haſt es mir ſo lange ver⸗ ſchweigen können?“ fügte er, gegen Suzon gewandt, mit leiſem Vorwurfe hinzu.. ö 750
„Es ſoll das letzte Geheimniß ſein, das ich vor Dir habe!“ verſetzte ſie etwas verwirrt. N*
„Ei, ſchmäle mir das Mädchen nicht!“ rief der Alte; „es iſt meine Schuld, denn ich habe ihr's geboten. Zankt euch heute nicht!“ fuhr er dann fort, und ſtolperte ihnen voran in ein kleines trauliches Hinterſtübchen, wo ein luſtiges Feuerchen im Kamin kniſterte, und ein kleines Tiſchchen zum Eſſen gedeckt ſtand. Die Möbel waren ein⸗ fach, aber zierlich, das Tiſchtuch ſchneeweis. Vincent ſchüttelte ſeinem Neffen kräftig die Hand und ſagte:„Sei mir willkommen als Herr dieſes Hauſes, mein Charles!“


