Ausgabe 
5.12.1849
 
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es kndeß nicht, dieſelbe zu erreichen denn der Gedanke, daß es Stephan ſei daß alſo im nächſten Moment ihr Schickſal feſtgeſtellt werden ſollte, erfüllte ſie mit Angſt und hemmte ihre Schritte.

Da aber wärd plotzlich an den Fenſterladen gepocht. Es war ſein gewöhnliches Zeichen Alle erkannten es, und laut jubelten die Kinder:Vater, Vater! Das iſt der Vater! Und ſo war es. Die Thür flog auf und herein ſtürzte der lang vermißte Richard mit zerriſſenen Kleidern, ſonſt geſund und wohlbehalten; Stephan folgte mit vor Freude ſtrahlendem Geſicht. 15

Waͤhrend Richard und Emilie die ganze Seligkeit des Wiederſehens genoſſen, trat Stephan zu der alten Granny, welche ſich mit ihrem Schürze die Freudenthränen vom Auge wiſchte.

Wo fandeſt Du ihn? fragte ſie endlich.

Wo ich ihn fand, unſern Herrn? denke nur, in einer ſchmutzigen Hütte, mit gefeſſelten Füßen, wo er für einige zu der Fiſcherei gehörenden Vagabunden, die jener Schurke für ſich gewonnen hatte, Netze ſtricken mußte. Du kennſt ja die unglückliche Geſchichte mit dem Zweikampfe?

Granny nickte bejahend.

So höre: die Vorſehung hat unſern Herrn gerächt und den Böſewicht beſtraft. Er iſt in ſeiner eigenen Schlinge gefallen. Nachdem er unſern guten Herrn den Landſtreichern übergeben, legte er deſſen Kleider an, in der Abſicht, am Abend hierher zu ſchleichen. Vermuthlich wollte er die Axt aus dem Baume ziehen ſeine Hand aber klemmte ſich ein und er ward eine Beute der wilden Thiere.

Stephan, Stephan! rief Richard, das Geſchwätz des treuen Dieners unterbrechend.Granny, trage auf, was Keller und Küche vermögen. Spare nichts, denn der Bann, der mich aus dem Vaterlande verſtieß, iſt ge⸗ hoben, der Feind vernichtet. Dies iſt unſere letzte Nacht in der Wildnißl⸗ ˖ N ö

f(Erheiterungen.)

Ein Deſuch in Calcutta. (Schluß.)

Alles was wir ſahen, war überraſchend, auffallend, bezaubernd und ganz verſchieden von Allem, was wir ſeit⸗ her zu Geſicht bekommen: es glich einer ungeheuren Zau⸗ berlaterne mit zahlloſen vorübergleitenden fremden Geſtal⸗ ten und Bildern; denn die Verſchiedenheit und Manigfal⸗ tigkeit der Sitten, Trachten und Menſchenarten in Cal⸗ cutta iſt in der That namenlos bunt. Die überwiegende Zahl der Fremden in Flag⸗Street beſtand übrigens aus Abendländern, vom Pankee bis zum Holländer, Schiffern, Matroſen, Midſhipmen und Reiſenden. Die Eingeborenen in dieſem Theil der Stadt waren zumeiſt Dienſtleute und Müſſiggänger, mit Banden von Laskaren darunter und da und dort einem oder etlichen Sipoyſoldaten in blauen Uni⸗ formen und ſteifen grauen Beinkleidern. Hier ſchien ſich Jedermann tief vor uns zu beugen und uns Platz zu machen. Hier ließ ſich keiner jener ſtolzen hinduſtaniſchen Lords blicken, keiner jener übermüthigen Diener der oſtindi⸗ ſchen Compagnie; nur ein einziges wachsgelbes gallenſüchtiges Geſicht blickte aus einem Wagenfenſter, während die präch⸗ tige Equipage mit ihren Läufern und Sycen und ihrem beturbanten Kutſcher an uns vorüberrollte, und die einge⸗ bornen Diener mit ihren Stöcken gewaltthätig dem großen Sahib und ſeinem Wagen Bahn durch die Menge brachen, welche wie Staub vor ſeinen Rädern zerſtob. Die ganze Scene ergriff mich anfangs ſo mächtig, daß ich ſie auch nicht für einen Augenblick meiden wollte; allein meine Gefährten veranlaßten mich, in eine kühle offene Schenke zu treten, wo wir Ingwerbier und Kapwein tranken.

Während wir ſo beim Glaſe ſaßen, umringte uns eine Schaar kleiner, brauner, nackter Jungen mit ihren Wichſe⸗ bürſten um uns die Stiefeln zu wichſen, und ſalaamte, verbeugte, kroch und ſchnatterte, daß wir ſie nicht mehr los werden konnten. Ich mußte mir drei oder vier Mal die Stiefeln wichſen laſſen, ohne ein Wort darüber zu verlieren, weil ich die Nonchalance meiner Gefährten nach ahmen wollte, welche den ganzen induſtriôſen Haufen mit ein paar Pice abſpeisten.

Nach kurzer Raſt brachen wir von Neuem auf. Ueber Tank und Square, einen großen freien Platz mit einem von ſteinerner Bruſtwehr umgebenen Teiche, an der ſchot⸗ tiſchen St. Andreas⸗Kirche vorüber, paſſirten wir die üͤb⸗ rigen europäiſchen Straßen und gelangten allmählig in die von Eingebornen bewohnten Stadttheile. Hier ward der Verkehr noch lebendiger, Lärmen und Gewühl noch

größer, und die Verwirrung, die Mannigfaltigkeit von

Formen, Trachten, Sprachen und Farben, das lebendige Geſtikuliren, Schwatzen und Geſchrei wahrhaft ſinnver⸗ wirrend. Die Straßen wurden hier plötzlich zu engen Gäßchen voll offener Läden, wo Schneider, Seidenhändler, Viktualienkrämer, Schuſter und dergl. emſig an der Arbeit ſaßen, und die Waaren an den Wänden und Gerüſten herumhingen wie in den Trödlerläden zu London, Eding⸗ burgh oder Liverpool. Eine Unzahl ſüßer Gerichte und anderer, für unſern Gaumen ungenießbaren Eßwaaren

lag hier ausgebreitet, beſonders alle Obſtarten und Fruͤchte

Indiens in ihrer verführeriſchen Neuheit, und dieſe, ſowie die Seidentücher, Muſcheln, Eingemachtes, und der köͤſt⸗ liche Geruch des Sandelholzes zogen uns auf unſerer Wanderung mächtig an. Die verſchiedenen Bewohner begegneten uns mit der größten Hochachtung, obwohl die Eingebornen der höheren Stände hier ziemlich zahlreich waren und, um ihre eigene Würde zu behaupten, oft ins⸗

geheim mit eiferfüchtigem Auge auf die europäiſchen Ein⸗

dringliche blickten. Beim Durchwandern dieſer engen Gaſſen bedrängten uns alle moglichen Kaufleute, die uns ihre Waaren anprieſen und uns in gebrochenem Engliſch ver⸗ ſicherten, daß ihre Waaren die beſten und alle übrigen Kaufleute Betrüger ſeien. Wenn wir eine Kleinigkeit kauften, gab es die luſtigſte Scene von der Welt, denn man ſchrie uns in allen möglichen Mundarten bei⸗ nahe taub, und es gab endloſen Zank und Feilſchen, bevor der Verkäufer die Waare um den ſechſten Theil von Dem hergab, was er urſprünglich dafür verlangt hatte, und wobei er noch immer einen ordentlichen Gewinn machte.

Nach etlichen unbedeutenden Einkäufen ſetzten wir unſere Wanderung fort und verloren uns beihnahe in dem Netze von Gäßchen, Gängen, Bazars, Winkeln und Schup⸗ pen von Bambus und Lehm, wie ein Schiff ohne Kompaß, und fanden nur durch Zufall und gelegentliches Anrufen von Bekannten wieder den Rückweg aus dieſem Labyrinth. Das eine Mal kamen wir durch einen ſtillen Hof auf einen Platz mit einem großen Waſſerbaſſin, dann in ein neues Menſchengewühl, das in der blendenden heißen Sonne unter den vorſpringenden Verdecken und Vordächern der offenen Läden herumſchwärmte. Zuweilen ſtrich aus irgend einem Gange ein kühlendes Zuglüftchen erfriſchend über uns hin, und einige Male geriethen wir auch in Höfe von Privathäuſern, die von einer oder einigen Kokospal⸗ men beſchattet waren, wo allenthalben grüne Jalouſieen und Vordächer gegen einander ſtarrten und vielleicht eine Frau in einem Gemache ſaß. Hie und da begegnete uns auch ein weißgekleideter Hindu mit einem Diener, der ihm den buntfarbigen Punkah oder Sonnenſchirm über den Kopf hielt, und etliche Male überraſchte uns angenehm und neckiſch das plötzliche Erſcheinen und haſtige Vorübereilen

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