Ausgabe 
29.7.1848
 
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durch, daß man alle Diejenigen, welche nichts haben, gegen Diejenigen aufwiegelt, welche Etwas haben. Darauf ſind viele Unterhändler ganz beſonders dreſſirt; dieſe wiſſen durch die lügenhafteſten Vor ſpiegelungen die armen Leute, und beſonders die Handwerksburſche, in ihr Netz zu locken. Dieſe Leute ſind gutmüthig genug, zu glauben, das geſchehe Alles um ihretwillen. Sie laſſen ſich zu tauſend Unbe ſonnenheiten und Gewaltthaten verleiten und erfahren zu ſpät, daß es nur zu ihrem eigenen Schaden war. Es iſt unglaublich, wie ſich dieſe leichtgläubigen Menſchen durch die handgreiflichſten Lügen irre führen laſſen, wenn man ihnen nur ſchmeichelt und ihnen redet, wie ſie es gerne hören. Auf dem Schwarzwald wurde ihnen weisgemacht, Hecker ſey der bekannte Caspar Hauer und ein Sohn der Großher zogin Stephani, alſo von Rechtswegen Großherzog von Baden. Das iſt freilich ein ungeheurer Unſinn; aber es gibt doch Leute, die es glauben, und wenn ſie auch noch ſo einfältig ſind, ſo haben ſie doch zwei Fäuſte zum Dreinſchlagen. Man darf ſich aber über dieſe Ein⸗ falt der armen Leute, welche ſo betrogen werden, nicht wundern. Eine große Zahl unter Denen, welche auf Bildung Anſpruch machen und Etwas beſitzen, begreifen zur Stunde noch nicht, um was es ſich handelt, nämlich um ihr Hab und Gut. Entweder ſehen ſie nicht ein, wo es hinaus will, oder ſie ſind zu feig, dem Strom entgegen zutreten, der ihnen vor Allem den Untergang bringt. Sie leſen und hören es tagtäglich, wie den ärmeren Klaſſen der Haß gegen die Beſitzenden eingeimpft wird, aber ſie halten und verbreiten ſelbſt die Blätter und Flugſchriften, in denen das geſchieht, geben das Geld her zu dem Kriege, der gegen ſie ſelbſt geführt wird, ſtreicheln die Hand, die ſie ſchlägt, und bringen ſelbſt die Peitſche herbei, mit der ſie gehetzt werden.

Wie iſt das möglich? Das machen ein Paar Zauberworte, mit welchen die Wühler den Verſtand der Leute umnebeln. Das erſte derſelben heißt Republik. Es iſt natürlich und auch löblich, wenn man jetzt für die Freiheit begeiſtert iſt. Es iſt auch natürlich, daß jetzt, wo weiter keine Gefahr mehr dabei iſt, Jeder ſeine Freiſinnigkeit öffentlich zur Schau tragen und nicht den Anſchein haben will, als ob er dahinten bleibe. Jeder will freiſinniger, oder wie man es jetzt nennt, radikaler ſeyn, als der Andere, und wenn es auch über die Möglichkeit hinaus geht, ſo hat das nichts zu ſagen. Man will Reden halten, Thaten thun, Republik und noch über Republik hinaus wohin? ins unbekannte Blaue hinein. Da wir noch keine Repu- blik gehabt haben, ſo denkt ſich Jeder dabei, was er gerade will, Geld, Vergnügen, Freiheit, Geſetzloſigkeit, wie es Jedem behagt. Die Verſtändigen aber wiſſen, daß die Republik nichts weiter als eine Staatsform iſt, in welcher die Freiheit, Bildung und Wohlſtand der Bürger möglich iſt, aber auch das Gegentheil, je nachdem die Menſchen ſind. Sie wiſſen, daß in der ältern venetianiſchen Re⸗ publik die Maſſe des Volks zum ausſchließlichen Vortheil weniger, im goldenen Buche eingetragener Familien ausgebeutet wurde; ſie wiſſen, daß in der vorigen franzöſiſchen Republik nicht die Freiheit, ſondern der Schrecken und die tyranniſche Gewalt regierte, daß die kleinen Kantone in der Schweiz auch Republiken ſind und waren, und zwar demokratiſche, und daß es doch uns Alle nicht nach der Freiheit gelüſtet, wie ſie dort noch vor einem Jahre war; daß der Bürger in der Monarchie Belgien ſich freier fühlt, als in allen Re publiken der Welt, ſelbſt Nordamerika nicht ausgenommen, wo es verboten iſt, von der Aufhebung der Sklaverei auch nur zu reden. Sie wiſſen auch, daß es mit der Wohlfeilheit der Republik gar nicht ſo weit her iſt, als man rühmt, daß man jetzt in der Republik Frankreich viel höhere Steuern bezahlt, als vorher unter der Mo⸗ narchie, und daß das ſogenannte ſouveräne Volk, die Nichts arbeitenden Arbeiter, welche bis vor wenigen Tagen Frankreich beherrſcht haben, den Staat zehnmal mehr koſteten, als vorher die Cävilliſte ausge⸗ macht. Wer aber noch bei der bekannten bewaffneten Volksverſamm⸗ lung in Freiburg und in dem Oberländer Aufruhr die Leute gehört und geſehen hat, welche uns die Republik bringen wollen, wer die Perſonen in's Auge gefaßt hat, unter deren Zucht und Herrſchaft wir kommen ſollen, dem iſt ſofern ihm der allgemeine Schwindel noch einige Beſinnung gelaſſen hat vollends alle Luſt zu dieſer Freiſchaarenrepublik vergangen. Die Verſtändigen wiſſen zugleich auch, daß die Republik in Deutſchland nur auf dem Wege des Bür⸗ gerkrieges einzuführen wäre. Aber wenn man in gutem Frieden hinter dem Schoppen ſitzt, den Kopf voll Wein und den Mund voll blutiger Reden, ſo ſchlägt man das Alles nicht an. Da iſt all' das namenloſe Elend, welches vor 200 Jahren der 30 jährige Bürgerkrieg über das Vaterland gebracht hat, gar nichts. Natürlich! denn was riskirt man bis jetzt? Ein Paar Wochen Arreſt und hernach Amneſtie, darauf kann man's wagen. Wenn es aber zu einem wirk lichen großen Kampf kommt, dann möchte das doch anders werden.

Das zweite Zauberwort iſt Volksſouveränität. Es iſt ſchlimm, daß man nicht ein deutſches Wort dafür hat; aber das ſoll nicht hindern, das Richtige und Wahre, was daran iſt, anzuerkennen. Das Richtige und Wahre daran aber iſt erſtlich, daß alle Gewalt im Staate ein Ausfluß des Volkswillens iſt; das iſt übrigens nichts Neues, denn eigentlich iſt es von jeher ſo geweſen und es iſt durch die neueſte Revolution nur erſt zur allgemeinen Anerkennung gekom⸗

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men. Zweitens liegt darin, daß der letzte Zweck aller Regierungs⸗ gewalt nichts Anderes ſeyn dürfe, als das Wohl des Volkes, und endlich, daß alle Klaſſen des Volkes an der Herſtellung und Hand habung der Staatsordnung ſo viel als möglich Theil nehmen. Aber welch ein heilloſer Unfug wird mit dieſem Worte getrieben? Wohl ſeit langer Zeit hat nichts Anderes ſo ſehr die Köpfe verwirrt. Der Taglohner, denkt: Was, ich ſoll Holz ſpalten, und bin doch ein Souverän? Der Handwerksburſche brummt auf ſeinem Wege!: Ich ſoll fechten gehen, und bin doch ein Souverän? Dem Armen ſchmeckt ſein Eſſen nicht mehr, denn er denkt: Iſt es auch recht, daß ein Souverän Schwarzbrod ißt? Der Schulknabe weint: Ich ſoll meine Sprüche lernen, und bin doch ein Souverän? Und wenn das Kind in der Wiege wüßte, daß es nach einer von einem Redner in der Nationalverſammlung gemachten Entdeckung ſchon als Souverän ge boren ſeß, was würde es zur Ruthe ſagen, welche die Mutter dem kleinen Souverän zu appliciren pflegt? Dieſes unklare WortVolks ſouveränität/ aus welchem Jeder macht, was er will, iſt nun haupt⸗ ſächlich der Angelhacken für die Aufwiegler geworden. bekannte Sache, je unklarer eine Vorſtellung iſt, deſto eiferſüchtiger und fanatiſcher hängen die Menſchen daranz ſo iſt es von jeher in der Religion geweſen, und ſo iſt es jetzt in der Politik. Wenn man früher bas, Volt aufhetzen und mißbrauchen wollte, ſo ſagte man: Volk, die Religion iſt in Gefahr! Volk, ſie wollen dir deinen Glau- ben nehmen! und das arme Volk war auch ſogleich bei der Hand und machte eine Fauſt. Wie aber machen ſie es jetzt? Wenn etwas ge⸗ than oder beſchloſſen wird, was ihnen nicht behagt, ſo rufen ſie nuch allen vier Weltgegenden: Volk, deine Volksſouveränität iſt in Ge⸗ fahr, Volk, ſie haben wieder einen Fetzen von deiner Volksſouverä⸗ nität abgeriſſen! Und das arme Volk, welches immer mit Schatten⸗ bildern gehetzt wird und in ſeiner großen Maſſe ſich unter der Volks⸗ ſouveranitat im Allgemeinen ein gar prächtiges Ding vorſtellt, ohne ledoch zu wiſſen, ob man's eſſen oder trinken kann, das arme Volk N 195 elke Fec l*

eute, welche darauf ausgehen, ſich das Volk zu einem blinden Werkzeuge fur ihre Plane zu machen, 590 vor Allem das An ſehe leder andern Macht außer ihnen ſelbſt, durch welche ſich die Menſchen

innerlich oder äußerlich gebunden fühlen, vernichten, dam ſie allein

als die Gotzen übrig bleiben, vor welchen die Maſſe ſich willenlos beugt. Nichts ſteht ihnen im Wege, als die innere religiöſe Scheu des Menſchen vor dem Walten eines ewigen, heiligen Willens. Iſt es gelungen, jeden Funken eines religiöſen Glaubens in den Menſchen zu erſticken, ſie herunter zu ziehen in den tlefſten Schlamm der Sit⸗ tenloſigkeit, in welchem ſie alle innere Ruhe und Selbſtſtändigkeit verlieren, dann hat man die Menſchen ſo, wie man ſie für ſolche Plane brauchen kann, Menſchen, die zu jedweder That bereit ſind. Und dahin hat man in Volksverſammlungen, in Zeitungen und Flug blättern eifrig genug und nicht ohne Erfolg gearbeitet.

Iſt aber einmal die Scheu vor dem inneren Geſetze in der Bruſt des Menſchen vernichtet, ſo iſt es ein Leichtes, jedes andere Anſehen zu zerſtoren. Die Regierungen herunter zu ziehen und ihre ganze Macht zu lahmen, war ohnehin im Sturme der Revolution nicht ſchwer, Aber in der Nationalverſammlung bildete ſich eine neue Achtung gebietende Macht in Deutſchland, und dieſe war den Wühlern um ſo unangenehmer, da es ſich gleich von Anfang an zeigte, daß die Nationalverſammlung nicht geſonnen ſey, ſich zu ihrem willenloſen Werkzeuge herzugeben. Eine Zeit lang ſuchte man die ſelbe einzuſchüchtern. Man ſchickte drohende Adreſſen an ſie, man beſetzte die Gallerie in der Paulskirche mit einem Haufen von Men ſchen, welche durch Klatſchen, Lärmen und Ziſchen die Berathungen ſtorten, man trieb die Leute in Volksvecſammlungen zuſammen und drohte mit Aufſtand. Als das Alles nichts half, ſo verläſterte man die Nationalverſammlung, verdrehte und verdächtigte alle ihre Be⸗ ſchlüſſe, ſuchte ſie verächtlich zu machen und als volksverrätheriſch zu brandmarken, und forderte das Volk auf, es ſolle ſie gar nicht mehr anerkennen. Die Nationalverſammlung kümmerte ſich nichts um alle dieſe Wühlereien; ſie ging ernſt und fest ihrem Ziele entgegen, bie Freiheit in Deutſchland zu ſichern, die Einheit zu gründen, aber auch Ordnung und Ruhe wieder herzuſtellen. Darum ſetzte ſie eine oberſde Regierung für Deutſchland ein und wählte einen Reichsverweſer. Das war für die Unruheſtifter und Aufwiegler die gefährliche Hand lung der Nationalverſammlung; denn es war zu erwarten, daß mit der Einſetzung einer ſtarken Regierung über ganz Oeutſchland das Vertrauen zurückkehre, die Ordnung und das Geſetz wieder zu An⸗ ſehen komme und ihrem Treiben mit kräftiger Hand eine Ende ge⸗ macht werde. Deßwegen wurden noch die letzten verzweifelten An⸗ ſtrengungen gemacht, das Zuſtandekommen der Reichsgewalt zu ver⸗ hindern, und wo möglich noch vor der Ankunft des Reichsverweſers in Frankfurt einen gewaltſamen Umſturz zu Stande zu hringen. Wie wurde die Nationalverſammlung geſchmaͤht! Wie wurde die Wahl ſelbſt begeifert und verdächtigt! Und jetzt in dieſem Augenblicke leſen wir an den Straßenecken theils verſteckte, theils offene Aufrufe zur Empörung, und es fehlt zum Losſchlagen nichts als der Muth.

Und was wollen ſie? Seht nach Paris; iſt noch irgend wo ein Menſch ſo blödſichtig, daß er noch immer nicht begreift, wohin man

Es iſt eine