Ausgabe 
29.7.1848
 
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am 18. d. J.

. u Blattes rer der letzteren,

ug dier mit an

Salzmann Ill.

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Intelligenz- Blatt

für die

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen,

den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke

im Beſonderen.

59.

Sonnabend, den 29. Juli

1848.

Etwas über das Volk, gerichtet an das Volk. (Aus derNeuen Freiburger Zeitung.) Vor dreißig Jahren war nach langen ſchweren Kämpfen Friede

und mit dem Frieden eine große und ſchöne Hoffnung in unſer deut⸗ ſtes Vaterland eingekehrt. Das deutſche Volk hatte das fremde Joch

geworfen und von den Thronen ſeiner Fürſten die Feſſeln befreit,

demit dieſelben der Fremdherrſcher umwunden gehabt hatte. Dafür jͤben die Fürſten dem deutſchen Volk Freiheit verſprochen. Einige hben zur Hälfte Wort gehalten; ſie wollten oder durften nicht mehr. Nie andern, und zwar die mächtigſten, haben gar nicht Wort gehalten,

Darum iſt das deutſche Volk während dieſer ganzen Zeit des diedens nach Außen in einem fortwährenden Kampfe gegen ſeine ei⸗ gien Regierungen gelegen, und es ſeßte ſich dadurch ein unüber⸗ umdliches Mißtrauen, ein tiefer Groll in ihm feſt, welcher nothwen⸗ dig endlich zum Ausbruch kommen mußte. l.

Als daher zu Ende des Februars in dieſem Jahre die Pari⸗ ſe Bevölkerung den Königsthron umſtürzte, ſo wälzte ſich der Sturm die Revolution unwiederſtehlich auch über ganz Deutſchland. Es war gich in Deutſchland nichts Anders, als eine Revolution. Denn die bisherigen Regierungen wichen dem ausgeſprochenen Volkswillen; gde Regierungen mit andern Männern und mit andern Grundſatzen, ſo wie das Volk ſie verlangte, traten an ihre Stellen. Aber das dftſche Volk blieb beſonnen und mäßig in ſeinem Siege. Die Re⸗ ution iſt ſtehen geblieben vor den Thronen. Das deutſche Volk ht ſeine Fürſten nicht angetaſtet und nicht erniedrigt, und die deut ſten Fürſten waren verſtändig und wohl auch hochherzig genug, ihren Plkern nunmehr die Hand zu bieten zum Aufbaue der deutſchen Frei⸗ hät und Einheit.

Was ſeit langen Jahren vergeblich gefordert worden war, trat tet mit einem Male in das Leben: Preßfreiheit, Geſetz über Ge⸗ ſgrvornengerichte, Volksbewaffnung, Es wurde die Einleitung getrof ſer, die großen Laſten des Volks zu erleichtern, die Steuern gerech⸗ e zu vertheilen und den Wohlſtand zu heben. Was für das Vater⸗ land das Größte iſt, die erſte Verſammlung der freigewählten deut⸗ den Volksvertreter wurde zuſammen berufen, damit durch ſie die Emigung des ganzen Volkes begründet, und dadurch die Freiheit es Vaterlandes geſichert und ſeine Macht wieder hergeſtellt werde, E ſchien denn eine neue, ſchöne Zeit für unſer theures Vaterland reicht zu ſein. Unſere ſchönſten Hoffnungen ſchienen mit einem ale erfüllt; um was wir ſo lange gekämpft hatten, mit einem Nale errungen zu ſein. Der Jüngling jubelte der Zukunft entgegen, dälche er vor ſich hatte, und der Greis dankte Gott, daß er den ig der Wiedergeburt ſeines Vaterlandes erlebt hatte.

So war es in den hoffnungsreichen Tagen des Märzes. Und zei Monate ſpäter? da ſehen wir das Vaterland an einem furcht⸗ lawen Abgrunde des Verderbens ſtehen. Statt des allgemeinen Wohl- endes droht eine allgemeine Verarmung, ſtatt der Freiheit eine Shreckensherrſchaft der deutſchen Jakobiner, ſtatt der Einheit ein erheerender Bürgerkrieg, ſtatt des Friedens die Einfälle unſerer mernden Feinde von allen Seiten, denen es nur zu leicht gemacht , über das in ſich ſelbſt zerfallene, arme, bethörte, deutſche Volk e elnzubrechen, es zu beknechten und auszuſaugen. So hat ſich in znigen Wochen das Schickſal des Vaterlandes gewendet; und wie ſt das ſo gekommen?

Durch die fieberhafte Aufregung und die beſtändige Unruhe, in welche man das Volk fort und fort wieder hineinhetzt und immer wieder hineinſtachelt, wenn es einmal zu ſich ſelber kommen will. Das Aufwiegeln wird jetzt von ſehr vielen Leuten als ein eigentliches Gewerbe getrieben; ſie leben davon, und wenn ſie es dahin bringen können, daß es drunter und drüber geht, ſo gedenken ſie auch noch etwas Weiteres für ſich zu fiſchen. Ehrgeizige und herrſchſüchtige Menſchen ſtehen im Hintergrunde und halten die Fäden in den Hän⸗ den. Was kümmert ſie's, wenn das Vaterland darüber in Trümmern geht? Wenn ſie nur ihren Zweck erreichen. 5

So lange das unruhige Weſen fortdauert, kann es nicht beſſer werden; der Händel und die Gewerbe können nicht wieder aufkommen, weil kein Vertrauen da iſt und Niemand ſich in ein Geſchäft einläßt; die Steuern können nicht erleichtert werden, weil die Aufrechthaltung der fort und fort bedrohten Ordnung ungeheure Summen wegfrißt; die wohchhätigſten Geſitze und Anordnungen können nicht in das Lehen treten, weil die ganze Staatsverwaltung gelähmt iſt durch die im⸗ merwährenden Wühlereien und Hetzereien. Das iſt aber Denen, welche das Weſen betreiben, gerade recht; denn ſie wollen es, daß es recht ſchlecht geht. Alsdann, wenn das Volk recht in Verzweiflung iſt, ſo denken ſie, könnten ſie mit ihm machen, was ſie wollen.

Wie machen ſie aber Das? Vor Allem ſuchen fie, auf alle Weiſe zu verhüten, daß das Volk zu der Regierung, oder, was jetzt daſſelbe iſt, zu der Mehrheit ſeiner Abgeordneten Vertrauen faſſe. Denn ſobald Das geſchähe, ſo wäre es zu Ende mit ihrem Hand⸗ werke. Die Zeitungen, welche in ihrem Dienſte ſtehen, dürfen daher von Dem, was die Regierung für das Land thut, ſo wenig als mög⸗ lich bringen, und was ſie bringen, wird entſtellt und verdächtigt. Die Männer aber, welche ſeit vielen Jahren die Vorkämpfer der Freiheit

eweſen ſind, jetzt aber auch in der Zeit der allgemeinen Schwindelei ſich gleich bleibend, und es jetzt ebenſo verſchmähen, Volksſchmeichler zu werden, als ſie vorher es verſchmähten, Fürſtenſchmeichler zu ſeyn, dieſe Männer werden nun als Volksverräther gebrandmarkt, weil ſie jetzt theils ſelbſt die Regierung bilden, oder doch die Regierung in ihren guten Abſichten unterſtuͤtzen. Es geſchieht dies meiſt von Leuten, die vor wenigen Monaten noch ultraſervil waren, und die längſt durch ihre Charakterloſigkeit gebrandmarkt ſind. Hat man nicht in Baden die ſchändlichſten Mittel angewandt, um den Haß des Vol⸗ kes auf Männer, wie Welcker, Baſſermann, Mathy, Soiron und Andere zu wälzen? Und warum? Weil ſte der heilloſen Wühlerei, welche das Volk täglich immer tiefer in's Verderben ſtürzt, das Wort nicht reden wollen. Seit 30 Jahren mußten leider alle Die jenigen, welche es redlich meinten mit der Freiheit des Volkes, eine Oppoſttton gegen die Regierung bilden. Dadurch iſt das Volk ge wöhnt worden, ſich nur im Gegenſatze zu der Regierung zu denken, unh jede Regierung, nicht etwa die frühere freiheitsfeindliche, ſondern überhaupt jede Regierung als ſeinen Feind, und Jeden, welcher gegen die Regierung iſt, als ſeinen Freund zu betrachten. Deßwegen wird es den Unruheſtiftern ſo leicht, ſich bei dem Volke einzuſchmei cheln; denn über die Regierung ſchimpfen und Oppoſition machen iſt keine Kunſt, beſonders jetzt, da keine Gefahr dabei iſt; aber Beſſer machen iſt eine Kunſt.

Das immerwährende Verdächtigen und Hetzen gegen die Re gierung ſchlägt aber doch nicht immer an, und beſonders ſind unter dem Bürgerſtande viele Leute, deren Rechtsgefühl durch ſolches Trei⸗ ben verletzt wird. Dieſe ſucht man daher in Furcht zu halten da⸗

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