Intelligenz- Blatt
für die
Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen,
den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke
im Beſonderen.
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M32.
Mittwoch, den 19. April
1848.
Amtlicher Theil. Einladung.
Zu der ſtatutenmäßig Samſtag den 29. d. M., Vor⸗ mittags 10 Uhr, auf dahieſigem Rathhauſe ſtattfindenden General⸗Verſammlung des Mathildenſtifts lade ich die Ver— einsmitglieder hierdurch ein.
Friedberg den 15. April 1848.
Der Gr. Heſſ. Kreisrath als Präſident des Mathildenſtifts Küchler.
Zuruf eines Vaterlandsfreundes an ſeine Mitbürger in Oberheſſen.
Wir leben in Tagen der Freude um den vollſtändigen Sieg der Freiheit über die Knechtſchaft, in einer Zeit, wo halb Europa in wenigen Wochen ſeine Freiheit errungen hat, und wo insbeſondere dem ganzen, ſo Gott will, nun bald innig vereinten und dann mächtigen Deutſchland Gleichheit der politiſchen Rechte, freies Wort und Freiheit der Preſſe, Volksbewaffnung, das Recht der Volks verſammlungen, freie Aus⸗ übung aller religiöſen Culten, völlige Gleichheit aller Bürger vor dem Geſetz, Volksparlament u. ſ. w., nicht allein zugeſichert, nein, liebe Mitbür⸗ ger, feſt garantirt ſind. Keine Macht der Erde wird uns dieſe Güter wieder entreißen können, wenn wir ſelbſt uns würdig der frohen Verhei⸗ nungen zeigen, wenn wir nich durch Störung des in⸗ nern Friedens, durch Ungeſetzlichkeiten, durch Ehrſucht und Eigennutz den guten Fortgang in feſter Begründung all die⸗ ſer Rechte ſtören und hemmen. Wenn aber, was Gott verhüten wolle, durch Parteiwuth, Eigennutz und Ehrſucht das ſchöne Gebäude, das jetzt errichtet werden ſoll, über'n Haufen geworfen wird, dann zeigen wir, daß wir nicht reif und nicht würdig ſind, ein freies Volk zu heißen. Dann würden Anarchie und Bürgerkrieg das erſehnte große Deutſchland im Innern zerfleiſchen, und zur Beute der an allen Grenzen lauernden Feinde machen.
In dieſer frohbewegten, aber ſehr eruſten Zeit erlaubt es mir, liebe Mitbürger, zu Euch ein ernſtes, wohlgemein— tes Wort zu reden.
Einem großen Theile von Euch bin ich durch beinahe vierzigjährige Verwaltung meines Amts als öffentlicher An⸗ walt bekannt geworden, und ich darf ſtolz darauf ſein, mir ſagen zu können, ich habe mir in meinem Wirkungskreiſe durch unausgeſetzte Thätigkeit und durch ſtrenge Rechtlich⸗ keit das Zutrauen vieler meiner Mitbürger, und durch Freimuth und Pflichtbefliſſenheit im ſtrengſten Sinne die Achtung der höchſten Behörden erworben. Euer mir bisher geſchenktes Vertrauen, ſowie die Achtung der Behörden ſtützt ſich aber vorzüglich darauf, daß ich in allen mir anver— trauten Rechts- und andern Sachen, ohne Scheu, auch vor höherer Mißbilligung, ſtets mit der Wahrheit hervortrat, wo manch Anderer ſie verſchwiegen hätte, daß ich, ſo weit mein Wirken nur reichen konnte, ſtets gegen den Druck des Volkes, gegen Beengung der Volksrechte anſtrebte. Im Jahre 1819 beehrten mich meine oberheſſiſchen Mitbür⸗ ger mit großem Vertrauen; ich hatte damals eine Volks- verſammlung durch Deputirte aller Orte zu Grünberg ver— anlaßt, wurde von den damals gewählten ſieben Bevoll— mächtigten der Provinz zu deren Vertreter beſtellt und ſpeciell bevollmächtigt, der am 7. Marz 1819 und an den folgenden Tagen zu Zwingenberg abgehaltenen großen Volks— verſammlung beizuwohnen, welche unzweifelhaft die nächſte Veranlaſſung der bald darauf von unſerm edelſten Fürſten, dem Großherzoge Ludewig dem Erſten uns verliehenen Landesverfaſſung geweſen iſt. Meine Geſinnungen, mein Streben iſt unwandelbar daſſelbe geblieben, und darum er— laubt mir dieſe Anſprache an Euch. Wer meine Anſichten nicht theilen kann, der halte ſich dennoch uͤberzeugt, daß meine Worte aus treuem, deutſchem Herzen fließen und achte ſie, ſo wie auch ich ſeine Anſichten ſtets ehren und achten werde, wenn ſie nur aus gleich reiner Quelle kommen.
Das ſchnell mit 2000 Unterſchriften bedeckte Manifeſt unſerer deutſchen Brüder zu Wiesbaden am 8. April an die Naſſauiſchen Mitbürger(abgedruckt in der zwei— ten Beilage zum Frankfurter Journal vom 9. April) iſt mir aus der Seele geſchrieben. Viele von Euch haben dieſes Manifeſt au Naſſau's Bürger ſchon geleſen; weil jedoch den Wenigſten von Euch die Frankfurter Zeitung zur Hand kommt, ſo will ich daſſelbe hier wörtlich einrücken. Es lautet:
An unſere naſſauiſchen Mitbürger!
„1) Wir halten diejenige Staatsform für die beſte, welche ſich „ohne gewaltſame Zerſtörung der gegenwärtigen Verhältniſſe aus⸗ „führen läßt, die Nechte des Volkes ſſchert, Laſten und Steuern „ſo leicht als möglich macht, Jedem das reichſte Maß der Frei⸗


