Ausgabe 
18.10.1848
 
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Mit dieſen Worten ſchob er dem Neulinge im Pha⸗ rao, der ſich über ſeinen urplötzlichen Verluſt noch immer nicht zu tröſten vermochte, die dreizehn Karten in die Hand.

Herward ließ ſich endlich verleiten, zog ſelbſt eine Karte und wagte einen zweiten Thaler. Dießmal wollte ihm das Glück wohler; der Piquekönig, welchen er beſetzt hatte, gewann.

Laſſen Sie ſich den Gewinn nicht auszahlen, flüſterte der Nebenmann von Neuem, drücken Sie ein Ohr, dann erhalten Sie den Satz dreifach ausgezahlt.

Herward hätte für ſein Leben gern den zurückgewon⸗ nenen Thaler eingeſtrichen, und nur mit Widerſtreben be⸗ folgte er den Rath des Nebenmannes. 8

Die Karte gewann abermals.

Immer fortgebogen, flüſterte der Verſucher, die Coeur Zehn muß noch einmal fuͤr Sie ſchlagen.

Der Prophet hatte wahr geſprochen. Noch war die Taille nicht zu Ende, und Herward hatte ſechs Thaler gewonnen. Wer war glücklicher! Dieſelbe Karte aber, die ihm den ſechsfachen Satz eingetragen, hatte dem vor ihm ſitzenden Pointeur den letzten Louisd'or geraubt. Mit einem leiſen Fluche erhob ſich dieſer und verließ das Spiel⸗ zimmer. Herward, von ſeinem Nebenmanne gedrängt, nahm den leergewordenen Stuhl ein. Er ſpielte jetzt ſchon mit größerer Zuverſicht; die ihm zeither unbekannte Lei⸗ denſchaft des Spiels umkrallte ihn leiſe und leiſer unbe⸗ merkt mit ihren Harpienarmen, nach Verlauf einer Stunde, die ihm wie ein paar Minuten entflohen waren, hatte er bereits mehrere Louisd'or gewonnen. Er wollte ſchon mehrere Male aufhören und ſich mit dem fuͤr ihn außerordentlichen Gewinne hinwegbegeben; aber immer ſtand der unbekannte Rathgeber hinter ihm, der es ver⸗ hinderte.

Sie ſind im Glück,, fluͤſterte er unaufhörlich, es wäre unklug, aufhören zu wollen; Sie können die bedeutendſten Summen gewinnen.

Herward ſpielte weiter, gewann, verlor, verlor aber⸗ mals, ward hitziger, den Verluſt wieder beizukommen, ſeine Augen begannen endlich zu ſtarren, ſeine Züge ver⸗ zerrten ſich. Gegen Mitternacht erhob ſich der Unglück⸗ liche geiſterbleich; er hatte nicht nur ſeinen ſämmtlichen Gewinn, ſondern auch ſeine ganze Baarſchaft und ſelbſt den Louisd'or, den er von ſeiner Gattin erhalten und den er ſtets bei ſich trug, verloren. Als er aufſtand und ſich umblickte, war der unbekannte Rathgeber, der ihn in's Verderben gelockt hatte, verſchwunden.

Wer vermöchte Herward's Zuſtand zu beſchreiben! Halb bewußtlos ſchwankte er aus dem Spielzimmer, wie von Furien gepeitſcht eilte er nach Hauſe, wo er ſich in höchſter Verzweiflung auf das Sopha warf. Von ſeinem ganzen Reiſegelde war ihm kaum ein Louisd'or verblieben, der zur Bezahlung der Zimmermiethe nicht einmal aus⸗ reichte. Wüſte Fieberphantaſien durchzuckten ſein Gehirn, böſe, unheimliche Gedanken umſchwirrten ſein glühendes Haupt. Einen ſolchen höllenvollen Zuſtand hatte er noch nie gekannt. Plötzlich ſprang er auf, griff wie wahnſinnig nach ſeinen letzten paar Thalern und rannte damit nach dem Spielhauſe. In wenig Minuten war auch dieſe letzte kleine Summe von der golddürſtenden Bank verſchlungen, und Herward hatte Alles verloren.

Wir erſparen uns dem Leſer die Tortur auszumalen, auf welche der unglückliche Herward von ſeinem Gewiſſen geſpannt wurde: wir erwähnen nur, wie er durch die dunkle, ſtürmiſche, regenſchwangere Nacht von böſen Geiſtern gepeitſcht wurde; wie er erſt gegen Morgen ſeine Wohnung wieder erreichte, wo er vernichtet niederſank und in einen dumpfen, ſchlafähnlichen Zuſtaud verfiel.

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Welch' ein Erwachen, als die Morgenſonne nach der ſturmreichen Nacht freundlich durch die Fenſter leuchtete. Es war der ſchrecklichſte Tag in Herward's Leben; als aber der Abend nahte, da zog es ihn wieder mit tauſend Armen zur Spielbank. Hatte er nicht über fünfhundert Thaler zu gebieten? Konnte er durch einige glückliche Sätze nicht ſeinem ganzen Verluſte wieder beikommen? Aber anvertraute Gelder angreifen! Herward ſchauderte bei dem Gedanken. Es entſtand ein neuer furchtbarer Kampf ſeines guten und ſeines böſen Engels. Gewinne nur ſo viel, fluͤſterte letzterer, um die Wirthshausrechnung zu bezahlen und nothdürftig die Heimath erreichen zu können; wie willſt du außerdem von hier fortkommen?

Das böſe Princip behielt die Oberhand kaum hatte das Spiel begonnen, ſaß auch Herward ſchon vor den unglückſeligen Karten. Aber das einmal treulos ge⸗

wordene Glück wollte nicht wiederkehren, und je leiden⸗

ſchaftlicher der Unglückliche pointirte, deſto ſchadenfroher zog ſich die launenhafte Fortuna zurück. Mehrmals mußte Herward nach Hauſe, um neues Spielgeld von den fünf⸗ hundert Thalern zu holen. Der bis zum geſtrigen Tage auf dem Wege der Pflicht und Tugend wandelnde Mann, deſſen Ruf und Rechtſchaffenheit zeither makellos dage⸗ ſtanden, war gänzlich den Mächten der Unterwelt anheim⸗ gefallen.

Herward ſpielte die ganze Nacht, verlor ununter⸗ brochen und pointirte immer leidenſchaftlicher. Als der Morgen kam war von den fünfhundert Thalern kein Groſchen mehr ſein. 2 8

Wir erblicken den unglücklichen Spieler auf ſeinem Zimmer wieder, wo er kaum mehr kenntlich auf ſeinem Sopha liegt. Er kann ſein Unglück, ſeine Schande nicht ertragen der Selbſtmord iſt bei ihm feſt beſchloſſen. Er kaͤmpft mit ſich nur darüber noch, ob er ſeine Gattin mit der Urſache ſeines* ergangs bekannt machen ſoll oder nicht.

Eine geraume Zeit währt dieſer todtenähnliche Zu⸗ ſtand, während alle Furien der Hölle ſein Innerſtes durch⸗ wüthen da klopft es an die Thür. Herward iſt nicht im Stande, das Herein zu rufen die Thür öffnet ſich, ein Briefträger erſcheint und bringt einen Brief von Emilien. Die liebende Gattin ſchreibt in den zärtlichſten Ausdrücken, ſie wünſcht dem Gatten die froheſten Tage, doch verhehlt

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ſie auch nicht, mit welcher Sehnſucht er in der Heimath

erwartet werde. Doch ſoll er ſich deßhalb nicht beeilen, wenn es ihm im Bade gefalle. In dem Briefe der Mutter iſt noch ein zweites Brieflein Mariens eingeſchloſſen, wo rin die gute Tochter dem Vater einen Sophienducaten mit der Bitte ſchenkt, ſich damit ein paar vergnügte Stun⸗ den im Badeorte zu verſchaffen. Sie wüßte wohl, ſchreibt das Madchen mit kindlicher Naivetät, daß Reiſen viel Geld koſte und daß ſich der gute Vater ja Nichts abgehen laſſen ſolle. Zwei volle Monden hatte Marie mit kunſt⸗ reicher Hand für fremde Leute gearbeitet, um dieſen Schatz zu erringen. Endlich war es auch gelungen, und mit himmliſcher Freude bot ſie dem Vater die Liebesgabe dar.

War Herward's Zuſtand zeither ſchon ein verzweif⸗, lungsvoller geweſen, ſo füllten die beiden Briefe der Liebe den Giftbecher bis zum Ueberlaufen. Mit Haſt riß er Mariens Brief auf, da entgleitete ihm der Sophiendukaten und rollte das Zimmer entlang. Herward ſprang auf um denſelben zu ſuchen; aber ſeine ſtieren Blicke vermochten das Goldſtück nicht wieder zu entdecken; wie ſehr er auch ſich anſtrengte und ſorgſam alle Winkel durchſuchte der Dukaten war und blieb verſchwunden.

(Schluß folgt.)

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