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Brautvater, ein penſlonirter Feldwebel, der aus den fran⸗ zoſiſchen Feldzügen ein nicht uͤbles Sümmchen mit heimge⸗ bracht hatte, waren die Lieblinge des Ortes; erſterer auf ſeinen ſeit undenklicher Zeit mackelloſen Namen nicht wenig ſtolz, letzterer noch Soldat durch und durch, ſchnell erregt, und wenn das Recht auf ſeiner Seite war, ein unüber— windlicher Trotzkopf, aber im Ganzen ein Ehrenmann. Beide ſaßen im Garten der Schenke, umgeben von ihren Kindern, dem Brautpaare, dem Bruder des Bräutigams, und einem ſtillen ſchuͤchternen Mädchen, Maria genannt, einer Doppelwaiſe, der Braut innig befreundet.
So ſehr die laute, aber doch nicht ungeſtüme Freude auf dem Tanzplatze einen fröhlichen Eindruck hervorrief, ſo wohlthuend wirkte die ſtille Gemüthlichkeit und das trauliche Geſpräch der verſammelten Familie, welche mit inniger Liebe um Anton und Anna, das Brautpaar, ver— ſammelt war.
Schon neigte die Sonne ſich zum Untergange und der Maierbauer erzählte gerade von ſeinem Brautſtande dem aufmerkſamen kleinen Kreiſe, als vom Tanzplatze her ein verwirrtes Getöſe erſchallte. Verwundert darüber eilte Georg, des Maierbauern zweiter Sohn, dahin und traf dort auf einige übelberüchtigte Burſche des Ortes und der Nachbarſchaft, welche als ungeladene Gäſte ſich keck unter die Reihen der Tanzenden gemiſcht hatten.
Auf ſeine Bitte, dieſelben möchten den Platz verlaſſen, und keine weiteren Störungen machen, erhielt er von einem der Burſche eine höhniſche herausfordernde Antwort, der zufolge Georg ihn beim Arm nahm um ihn zur Thüre zu führen. f 9
Dies war das Signal für deſſen Kameraden, welche ſich auf Georg ſtürzten und denſelben zu Boden riſſen. Die Gäſte eilten dem Bedrängten zu Hilfe und es entſtand eine allgemeine Rauferei, welche nur der vom Wirthe ſchnell herbeigerufene Gerichtsdiener beendigte, der zwei der Ruheſtürer, aber auch Georg, welchen jene als Anſtifter bezeichneten, trotz aller Bitten der Feſtgeber verhaftete.
Auf dieſe Weiſe war die Freude des Tages unlieb geſtört; das junge Ehepaar entfernte ſich traurig in Be— gleitung ſeiner Verwandten, die Muſik verſtummte, und ein Gaſt nach dem andern verſchwand ernſt und ſtill von dem erſt ſo lauten, luſtigen Platze.
Der Gerichtsdiener traf mit ſeinen drei Arreſtanten gegen neun Uhr Abends im Oberamt zu Mönchheim ein, führte dieſelben ohne viel Umſtände im Amtsgebäude durch einen langen finſteren Gang, an deſſen Ende er eine Thüre öffnete, ſie eintreten hieß und hinter ihnen geräuſchvoll Schlöſſer und Riegel abſperrte.
Lange waren ſeine Tritte draußen verhallt und Georg ſtand noch immer regungslos auf der Schwelle in einem unbeſchreiblichen Zuſtande. Ein Gedanke, ein fürchterlicher Gedanke ſchwebte beſtändig vor ſeiner Seele: du biſt im Gefängniſſe— unſchuldig im Gefängniſſe!— Endlich warf er einen Blick auf ſeine Umgebung, allein dieſe war nicht dazu geſchaffen, ihm Troſt zu geben. Vagabunden und Raufer lagen in bunten Gruppirungen auf den Ban⸗ ken längs der Wand, ſchnarchend und plaudernd. Mit lautem Lachen erzählten die beiden Burſche, welche Urſache ſeines Unglücks geweſen, einigen andern die Geſchichte ihrer Verhaftung und machten ſich über den dummen Georg, den ſie ſo ſchön dran bekommen hatten, luſtig.
Dieſer ſuchte ſich wiederholt, aber vergeblich zu be⸗ reden, daß alles nur ein böſer Traum ſei, der ihn ſo aäͤngſtige und wünſchte mit Ungeduld den Morgen herbei, um dem Richter das ſchmachvolle Unrecht, ſo er erlitten, vorzuſtellen.
Nicht minder peinlich war ihm die Vorſtellung, wie ſein alter Vater den Schimpf, der nun, wenn gleich wider⸗
rechtlich, auf ſeinem bisher unbefleckten Namen ruhte, auf⸗ nehmen würde! Auf dieſe Weiſe verging langſam, unend⸗ lich langſam, dieſe qualvolle Nacht, und Georg dankte Gott von ganzem Herzen, als es Tag war und er von dem Gerichtsdiener gerufen wurde!
Mit den Worten:„Hier iſt der Maierbauernſohn!“ ſchob der Büttel ihn in ein Zimmer.
„Hierher!“ erſcholl eine Stimme.
Georg trat ſcheu und langſam vor und befand ſich dem Richter gegenüber, der ihn von Kopf bis zu Fuß mit einem Blicke maß.
„Weßhalb biſt du da? fuhr ihn der Richter an. Georg erzählte pochenden Herzens den Hergang des geſtrigen Vorfalls und wurde dann entlaſſen mit dem Bedeuten, daß er ſich ſogleich zu ſtellen habe, wenn er eine Vorladung erhalten würde. 8 f
Unmittelbar nach Georgs Abgang wurden die beiden Burſche vor den Richter gefuhrt. a
„Seit ihr wieder einmal da, ihr Hallunken,“ ſprach der Richter, als ſie eintraten;„dieſes Mal wollen wir euch den Buckel ordentlich durchwichſen laſſen; ich will euch lehren, auf Tanzböden einzudringen und die Leute zu prügeln, wenn ſie euch höflich fortgehen heißen!“
Erſter Burſche.„Ew. Gnaden— ich bitte Sie — ich bin dieſes Mal ganz unſchuldig!“
Zweiter Burſche.„Ew. Gnaden werden ver— zeihen, aber ich habe mich nicht eingedrungen und ich habe Niemand nicht geſchlagen!“
Erſter.„Ich will Ihnen gleich ſagen, wie es war. Ich und der da, und noch einige gute Kameraden haben zugeſehen, wie die Hochzeiter tanzten und da kommt auf einmal der Maierbauerngörgel und ſchlägt mich, daß es mir heut noch weh thut. Auf mein Geſchrei und Hilfrufen kam der Herr Gerichtsdiener und hat ihn verarretirt, aber ich bin ganz unſchuldig.“
Zweiter.„Ich hab' den Maierbauerngörgel nur g'fragt, warum er meinen Kameraden ſchlagt, und da haben uns die Tänzer alle geſchlagen, und die, die ſind nicht verarretirt worden!— Ich bin aber ganz unſchuldig!-
Richter.„Ihr ſeid immer die Unſchuldigen, und... Erſter.„Ew. Guaden, ich laſſ' es diesmal auf die Zeugen ankommen; ich bin ganz unſchuldig, und ge— traue mir jeden Eid auf meine Unſchuld abzulegen!“
Nachdem dieſe Ausſagen zu Protokoll genommen waren, wurden beide Inkulvaten vor der Hand entlaſſen, Tags darauf kam das Zeugenverhoͤr und der Beſchluß wurde gefaßt.
II.
Mit ſchwerem Herzen und kummervollem Antlitz ſaß der alte Maierbauer in ſeinem Lehnſtuhle, ungeduldig die Rückkehr ſeines Georg erwartend. Neben ihm die neuver⸗ mählte Anna, welche ihm von Zeit zu Zeit Troſt zu⸗ zuſprechen verſuchte. Anton, ihr Mann, hatte ſich früh⸗ zeitig aufgemacht, um Nachrichten über ſeinen Bruder einzuziehen. f
Es herrſchte ein trübſeliges Schweigen in der kleinen Stube, durch nichts unterbrochen, als von einzelnen Seuf⸗ zern und Ausrufungen. Zu tief ſchmerzte den Alten der auf ſeinen Namen geworfene Schimpf, als daß er einer ruhigeren Ueberlegung hätte Raum geben konnen. 5
Plötzlich wurde die Thüre raſch geöffnet, und Georg trat ein. 5
Anna flog mit einem lauten Aus rufe, an ſeinen Hals und der Vater ſtreckte ihm beide Hände zitternd entgegen.
„Wie iſt es dir ergangen, Georg?“ waren ſeine erſten Worte.
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