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einem jährl. Einkommen von 1521 fl.; 2) die Stelle eines Fiscalan⸗ walts für die Pr. Rheinheſſen, womit etatsmäßig ein Gehalt von 1800 fl. und eine Büreaukoſten⸗Vergütung von 200 fl. jährlich verbunden iſt; concurrenzfähige Bewerber um dieſe Stelle haben ſich innerhalb 14 Tagen bei dem Großh. Miniſterium der Finanzen zu melden.— 8) Sterb⸗ fälle. Geſtorben ſind: am 15. Aug. der evang. Pfarrer Heberer zu Leeheim, R. B. Darmſtadt; am 20. der evang. Pfarrer Heddäus zu Ensheim, R. B. Mainz.
Der So hie n dun e.
Herward, der Beamtete aus einer kleinen deutſchen Stadt, war auf einer Berufsreiſe nach dem ſchön gelegenen und zahlreich beſuchten Badeorte N. gekommen. Er hatte daſelbſt im Auftrage ſeines Chefs die Summe von fünf⸗ hundert Thalern zu erheben. Wider Erwarten wurde ihm das Geld ſogleich ausbezahlt, und er beſchloß, die paar Tage, welche ihm noch vergönnt waren, als kleine Ferienzeit zu benutzen und ſich das bunte Badeleben in aller Muße in Augenſchein zu nehmen. Man kann ſich wohl denken, daß Herward die Zeit in N. nicht lang wurde. Dieſes bunte Menſchengewühl, aus allen Gegenden Euro— pa's herbeigeſtrömt, dieſe glaͤnzenden Equipagen und Livreen dieſe reichen Toiletten des Luxus und der Faſhion mußten für den mäßig Beſoldeten, der in ſeinem Leben nicht zehn Meilen über den Grenzſtein ſeiner Vaterſtadt herausge— kommen war, von beſonderem Intereſſe ſein.
Herward, welcher ſich ein ganzes halbes Jahr auf dieſe Reiſe gefreuet hatte, verſaumte daher nicht, an allen den weniger koſtſpieligen Ergötzlichkeiten Theil zu nehmen, welche das Badeleben darbot. Noch nie hatte er ein ſo trefflich zuſammengeſpieltes Orcheſter gehört, noch nie eine ſo vollendete Schauſpielertruppe geſehen, gegen welche die ambulanten Hiſtrionen, welche alljährlich nach dem Kartoffelmarkte ſeine Vaterſtadt auf ein paar Wochen heimſuchten, allerdings nicht in Vergleich kommen konnten. Freilich geſtand ſich Herward oft, wenn er in dem pracht⸗ vollen, kerzenerhellten Salon beſcheiden in eine Ecke ge⸗ drückt ſaß, daß ihm alle dargebotenen Vergnügungen erſt dann den wahren Genuß bereiten würden, wenn er mit ſeinem geliebten Welbe und ſeinem holdaufblühenden Toch⸗ terlein, Marie mit Namen, dieſelben theilen könne. Bei ihnen, den Geliebten in der Heimath, waren ſeine Gedanken, wenn er des Abends einſam durch die blühenden und mit bunten Lampen erhellten Lindenalleen des Kurgartens ſchritt und die Sterne der Heimath über ſeinem Haupte leuchteten.
Ohne Aufwand zu machen, lebte doch Herward in Vergleich mit ſeinem Leben zu Hauſe auf großem Fuße; er ſah einen Groſchen weniger an, als es wohl ſonſt der Fall war, denn er ging von dem nicht unrichtigen Grund⸗ ſatze aus, daß man ſich eine Erholungsreiſe, wozu ſich die Gelegenheit vielleicht nie wieder ſo günſtig darbot, nicht durch allzuängſtliche Oekonomie verbittern duͤrfe. Um dies ausführen zu können, hatte er bereits ſeit einem halben Jahre durch Extraverdienſt ein paar Thaler zurückgelegt; auch hatte ihm bei'm Abſchiede ſeine Emilie mit einem Kuſſe einen erſparten Louisd'or in die Hand gedrückt. Feſt ſtand es aber bei Herward, dieſe Gabe der Liebe nicht anzugreifen; im Gegentheil ſann er hin und her, was er wohl aus den reichen Bazars der Galanterieläden ſeiner Gattin und Tochter mitbringen ſolle. Bei der Maſſe der glänzenden Artikel war ihm die Auswahl ſchwer.
Herward, nachdem er alle freundlich gelegenen Ort⸗ ſchaften der Umgegend beſucht, und all' die geſchmackvollen Kunſtanlagen in Augenſchein genommen hatte, wurde an einem trüben Regentage, theils aus Langeweile, theils aus Neugier nach der berüchtigten und privilegirten Raub⸗ höhle des Badeortes— dem Spielſalon— geführt.
Wie ſich im Leben die Gegenſätze häufig vereinigen, ſo iſt dies auch mit den Spielhäuſern in Bädern der Fall.
Hier, wo alle Anſtalten getroffen ſind, für das Wohl des Körpers zu ſorgen, die zerrüttete phyſiſche Geſundheit wie— der herzuſtellen, erlaubt man gleichfalls, die Geſundheit der Seele zu untergraben; neben dem Heiltranke, welchen ſprudelnd eine gütige Natur ſpendet, wird von erbarmungs— loſen Menſchen Gift gereicht.
Mit unwillkürlichem Schauer trat Herward in die unheiligen Hallen, wo ſich um die grünen Tiſche ein ge⸗ winnſüchtiges Publicum gruppirt hatte. Trotz der zahl— reichen Verſammlung herrſchte ein Todesſchweigen, und man vernahm nur das Klirren des Goldes, das theils von den Bankhaltern eingeſtrichen, theils ausgezahlt wurde, und das einförmige, dumpfe Anſagen der Verluſt- und Gewinnkarten. Mit verhaltenem Athem, geiſterbleichem Antlitz, ſaß hier und da ein Pointeur, der ſeine ſämmtliche Baarſchaft bereits verloren und ſein letztes Geld auf eine Karte geſetzt hatte. Convulſiviſch waren die Hände geballt und der Blick ſtarr auf den Abzug des Bankiers gerichtet, an welchem Tod und Leben hing. Der große Goldhaufen, der inmitten der ovalförmigen Tafel lag, war die Central⸗ ſonne, welche die Goldſtücke der Spieler mit magnetiſcher Kraft nach und nach anzog. Wie mancher der letzteren verließ als ruinirter Mann dieſen Tempel des Fluches.
Herward ſah, wie der vor ihm ſitzende Pointeur nach und nach eine große Geldrolle verlor, ohne daß der Ver— luſt den Spieler ſehr zu bekümmern ſchien.„Ach,“ dachte er,„wie glücklich wärſt du, nur zwei oder drei ſolcher Goldſtücke zu beſitzen, die hier zu Hunderten in die Bank ſtrömen, welch außerordentliche Freude könnteſt du Emilien und Marien dadurch bereiten!“
Nachdem Herward noch eine Zeitlang dem Spiele zugeſchaut, verließ er wieder den unheimlichen Ort und eilte wieder in's Freie. Der Himmel hatte ſich aufgeklärt, und die vom Regen erfriſchte Landſchaft lag in pracht⸗ voller Beleuchtung der Abendſonne. Welch' ein Kontraſt, dieſe reine Luft, dieſes Arom der Blumen- und Pflanzen⸗ welt, dieſer Frieden und dieſe Liebe der Natur gegen die ſchwüle, fluch⸗ und ſeufzergeſchwängerte Atmosphare des Spielzimmers. ö
„Welch' ſchreckliche Leidenſchaft,“— ſprach Herward für ſich, während er in dem blüthenreichen Thale dahin⸗ wandelte,—„nein, nimmer ſoll es einem böſen Genius gelingen, mich zum Hazardſpiele zu verlocken. Warnend für mein ganzes Leben werden jene bleichen, verzerrten Geſichtszüge vor mir ſtehen, welche ich heute im Spiel⸗ hauſe erblickte. Der Goldhaufen in der Mitte, auf welchen die Blicke lüſtern und mit Gier gerichtet waren, ſchien eine wahre magnetiſche, ja eine infernaliſche Gewalt aus⸗ zuüben. Sollte denn das Gold wirklich eine ſolche unaus⸗ ſtehliche Anziehungskraft beſitzen?
Herward hatte die letztere Frage etwas laut geſprochen.
„Warum nicht?“— antwortete eine Stimme,„be trachten Sie zum Beiſpiel dieſe zierlich gearbeitete Damen⸗ uhr, die Sie mir gewiß abkaufen werden.“ a
Der dieſe Worte ſprach, war ein Tabulettenkrämer, der plötzlich hinter einem blühenden Fliederſtrauch hervor⸗ trat und dem erſchrockenen Herward eine herrlich funkelnde, goldene Damenuhr hinhielt. a 5
Die Blicke unſeres Freundes hafteten einen Augen- blick auf der Uhr, welche ſo augenblendend blitzte, daß ſie ihm bis in's Herz hineinleuchtete.
5„Nicht Beh als fünf Louisdꝛor,— fuhr der Ver⸗ käufer fort, indem er das goldene Deckblatt zurückſchlug und eine reizende Emaille arbeit ſehen ließ,„ein Lumpengeld.“
„Fünf Louisd'or,“ dachte Herward—„das iſt eine Summe, die meine Kräfte bei Weitem überſteigt, wiewohl ich mir keine größere Seligkeit denken könnte, als dieſes
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