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jenem Liede oder Marſche ſpielen ließ, ſingen wollte man die Worte nicht, nur denken wollte man ſie und wollte dabei träumen, aber auch das durfte man nicht,— gewiß übel hätte es die beaufſichtigende Behörde bemerkt, wenn in einer Geſellſchaft einmal die Melodie: Noch iſt Polen nicht verloren ꝛc. geſpielt worden wäre, man ſollte nur Wohl— gefallen haben an den Melodieen: Domine fac salvum regem etc.— God save the King ete.— Gott erhalte Franz, den Kaiſer ꝛc.— Heil unſerm Fürſten Heil.— Der Schreiber dieſes kann der Wahrheit gemäß verſichern, daß er alle dieſe Lieder, insbeſondere auch das letztere, un— zähligemal von Herzen und mit Begeiſterung mitgeſungen hat, aber iſt es nicht eine ſchlimme Zeit, wo man den Men⸗ ſchen drum anſieht, ob er ſo oder anders ſingt nicht allein, ſondern auch ob er dieſe oder jene Melodie anzuhören und ſich ihrer zu freuen einmal die unbegreifliche Dreiſtigkeit gehabt hat? Eine ſolche Zeit war aber noch ganz vor Kurzem in unſerm deutſchen Vaterlande, und ich habe die feſte Peberzeugung, daß ſie drückend, wie ein Alp, auch auf der Seele gar manches braven Fürſten gelegen hat,— namentlich habe ich dieſe Ueberzeugung, von unſerm erha⸗ benen Großherzog und Erbgroßherzog-Mitregenten, und eben weil ich dieſe Ueberzeugung habe, ſo bin ich des zu— verſichtlichen Glaubens, daß unſere Regenten, wie auch Se. k. Hoheit der Großherzog von Baden und Andere, fuͤr ihren Theil gerne dieſer Zeit ein Ende gemacht haben wür⸗ den, wenn ſie nicht in dem verfeieten Kreiſe des, ein ſelbſt⸗ ſtändiges Handeln in ſo wichtiger Angelegenheit nicht ge⸗ ſtattenden, deutſchen Bundes ſich befunden hätten. Endlich aber iſt ein Geiſt gekommen, der ſtärker iſt als der, der Fürſt und Volk im Banne hielt;— der Zeitgeiſt rief mit mächtiger Stimme ſeine Beſchwörung durch die Welt, der Ring, in dem die Fürſten getrennt von ihrem Volke, unnahbar für ihr Volk, ſtanden, ſprang, die beſten Fürſten zuerſt verließen den Zauberkreis und warfen ſich ihrem Volke, dem harren⸗ den, in die Arme und machten mit ihm einen neuen Bund, wie ihn Liebe mit Liebe, Vertrauen und Vertrauen ſchließet. Zu dieſen beſten Fürſten gehört auch unſer Herr, des Erbgroßherzogs⸗Mitregenten K. H.,— und ſein erſtes Wort, das er zu uns ſprach, war und iſt: Die Preſſe iſt frei, die Cenſur hiermit aufgehoben,
— alle jene Beſchränkungen, von denen oben die Rede geweſen iſt, beſtehen nicht mehr und werden auch niemals wieder zum Beſtehen gelangen.
In Gemäßheit dieſes fürſtlichen Wortes haben denn nun unſere verſammelten Stände in ihrer Sitzung vom 7. März folgendes Preßgeſetz angenommen:„Artikel 1. Die Preſſe iſt frei. Die Cenſur iſt aufgehoben und darf nie wieder eingeführt werden. Art. 2. Jede Druckſchrift muß mit dem Namen des Druckers und Verlegers, jede Zeitung mit dem Namen des Druckers und verantwortlichen Redacteurs(Herausgebers) verſehen werden. Art. 3. Gegen⸗ wärtiges Geſetz ſteht unter der Garantie der Verfaſſungs— urkunde,“ und ſo iſt denn zur Wahrheit geworden, was der Artikel 35 unſerer Staatsverfaſſung beſtimmt, wenn er ſagt:„die Preſſe und der Buchhandel ſind im Großher— zogthum frei, jedoch unter Befolgung der gegen den Miß— brauch beſtehenden, oder künftig erfolgenden Geſetze.“
Alſo, wenn ſchon die Preſſe jetzt frei iſt, d. h. wenn du ſchon drucken laſſen kannſt, was du willſt, ohne daß irgend Jemand das Recht oder die Macht hätte, dich daran zu hindern, ſo kann doch auch die Preſſe mißbraucht werden und du bleibſt für das, was du durch den Druck veröffent— lichſt, verantwortlich. Darum darf kein Buch gedruckt werden, ohne daß ſich wenigſtens Drucker und Verleger nennen— der Verfaſſer kann auch bei ganz unanſtößigen Büchern Gründe haben, die ihn beſtimmen, im Hintergrunde
zu bleiben,— darum darf keine Zeitſchrift erſcheinen, ohne daß ſie mit den Namen des Druckers und des Heraus⸗ gebers verſehen iſt, damit die über öffentliche Sitte und Sittlichkeit wachenden Behörden des Staates ſogleich wiſſen, an wen ſie ſich zu halten haben, wenn ein Buch oder eine Zeitung etwas ihnen Hohnſprechendes enthalt. So wie du alſo z. B. die geheiligte Perſon des Staatsoberhauptes (vergl. Art. 4 der Verfaſſung) weder durch geſprochene Worte, noch durch irgend eine hochverrätheriſche That ver— unglimpfen oder angreifen,— ſowie du weder durch auf⸗ ruͤhreriſche Reden, noch durch dergleichen Handlungen zum Umſturz der Staatsverfaſſung, zum Landesverrath auffordern und reizen,— ſowie du weder durch Wort, noch durch That die Religion und die Religionsübung Andersgläubiger ver— ſpotten oder ſtören,— ſowie du die Ehre und den guten Namen keines Einzigen deiner Mitmenſchen durch Wort oder That verdächtigen, keine einzige Perſon unverdient der öffentlichen Verachtung preisgeben darfſt u. ſ. w., ohne den im Geſetze für alle dieſe und jede ähnliche Verbrechen und Vergehen beſtimmten Strafen zu verfallen ſo gewiß, als Recht und Gerechtigkeit im Staate walten und ſo gewiß, als ohne Recht und Gerechtigkeit der Staat, als ſolcher, nicht beſtehen kann—;: ebenſo darfſt du das Alles auch nicht thun mittelſt des geſchriebenen und gedruckten Wortes, mittelſt der Preſſe, ohne dieſelben Strafbeſtim⸗ mungen auf dich angewendet zu ſehen. Wird die Freiheit der Preſſe benutzt zu ſolchen Mißbräuchen, wie ſo eben einige angedeutet worden ſind, ſo iſt die Freiheit zur Frech⸗ heit ſchamlos verunſtaltet, und der, der von der Freiheit, die er erhalten, keinen anderen Gebrauch zu machen ver⸗ ſteht, als daß er frech wird durch dieſelbe, der iſt wahrlich ihrer nicht werth. Es iſt die Aufgabe jedes edeln Mannes, es iſt die Aufgabe des geſammten Volkes, jedem Mißbrauch der Preſſe offen entgegenzutreten, oder wo das nicht moͤg⸗ lich iſt, mit Unwillen den Rücken zu zeigen und ſo das heilige Gut der Preßfreiheit, dieſer Grundbedingung des geiſtigen Fortſchritts der Menſchheit vor jeder Befleckung zu beſchützen*). (Fortſetzung folgt.) ien
Rund ſchrei ben an ſämmtliche Turngemeinden Deutſchlands.
Der von Hanau aus in öffentlichen Blättern berufene und am 2. und 3. April d. J. daſelbſt abgehaltene allge— meine deutſche Turntag, beſchickt von Abgeordneten aus vielen Turngemeinden des deutſchen Vaterlands hat für gut erkannt und beſchloſſen:
§. 1. Die Turnvereine Deutſchlands treten zu einem Bunde„der deutſche Turnerbund“ zuſammen.
§. 2. Der Zweck des Turnerbundes iſt, für die Einheit des deutſchen Volkes thätig zu ſein, den Bruderſinn und die koͤrperliche und geiſtige Kraft des Volkes zu heben.
§. 3. An der Spitze des Bundes ſtehet ein Vorort, welcher jährlich gewählt wird. Der Vorſtand dieſes Vor— orts iſt zugleich Vorſtand des ganzen Bundes.
g) Dem Hrn. Verf des Aufſatzes über Preßfreiheit(in Nro. 33 des
Int.⸗Bl.) erlaube ich mir die Mittheilung zu machen, daß die Cenſur in unſerer Gegend viel alteren Urſprunges iſt, als er an⸗ gegeben, indem ſchon am 4. Januar 1486 der Erzbiſchof Berthold von Mainz, aus Furcht vor dem Mißbrauche der neuerfundenen Buchdruckerkunſt, eine Beputation ernannte, die aus je einem Mit⸗ gliede der vier Facultäten an der Univerſität zu Erfurt beſtand und welche die neuerſchienenen Werke zu cenſiren hatte. Ich habe dieſes ſchon in meiner Geſchichte von Heſſen(S. 125) bemerkt und dort auf den urkundlichen Beweis bei Guden(Cod. Dipl. IV, 469) verwieſen. Hier ſind ſogar die vier Männer namentlich angegeben,
welchen das ehrenvolle(2) Amt des Beſchneidens, reſp. Caſſirens
der Bücher anvertraut wurde. Ph. Dieffenbach.
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