Ausgabe 
30.9.1888
 
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Kopf herunterrissen, sagte ich zu mir selber,und zwar gerade so lange, als unser Fräulein Röschen es auch prästirt und aushält.

Und bis jetzt ist's ja gegangen, gute Trine, nicht wahr?

Freilich, freilich, obschon es mich zuweilen Wunder nimmt, daß ich immer noch in meiner Haut stecke; das ewige Schimpfiren und Kujoniren ist hin und wieder schon dazu angethan, daß man am liebsten daraus führe aus der Haut nämlich, Fräuleinchen! Na, an mir ist ja eigentlich nichts gelegen, aber an Ihnen, Fräulein Röschen; um Ihretwillen drückt's mir oft fast das Herz ab! Geradezu niederträchtig ist's, daß man Sie zum Aschen⸗ puttel macht, Sie, die doch aus ebenso gutem Blut stammen, als die Zwei hier im Hause und sind so jung und hübsch dazu, o, viel hübscher als Fräulein Milla, die mit Schminken und Pudern und Kräuseln ihre achtundzwanzig Jahre zudecken muß, um der Welt ein X für ein U vorzumachen.

O, Trine, aber Milla war früher sehr schön und ist es auch jetzt immer noch; hast Du sie denn vorhin nicht gesehen in ihrem prächtigen Ballstaat?

Ich hab' sie mit keinem Auge angeguckt; die Ehr' hätt' ich ihr um keinen Preis angethan.

Röschen lachte.Daß Du ihr den schuldigen Tribut ver sagtest, wird sie kaum besonders drücken, aber es ist schade, daß Du sie Dir nicht ordentlich betrachtet hast. Sie sah wirklich elegant aus, fast wie eine Königin.

Die wie eine Königin! Na, wenn Königinnen so kalte böse Augen haben, wie unser Fräulein, dann danke ich für Königinnen! Uebrigens machen das nur die Kleider, Fräulein Röschen; wenn Sie so prächtige Kleider anhätten, wie ein leibhaftiger Gottes engel thäten Sie aussehen, und ich meine, das ginge noch über eine Königin. Wahrhaftig, eine Mark oder mehr sollte mich nicht reuen, wenn ich Sie einmal so recht geputzt sehen könnte!

Ei Trine, das Vergnügen kann ich Dir ja machen, ohne Dich in Kosten zu bringen, lächelte Röschen;sieh nur, da hängt Milla's letztjähriger Ballstaat, den die Schneiderin für die Gesell schaft bei Hofraths auf übermorgen aufgefrischt und zugleich mit der neuen Robe hergebracht hat. Was meinst Du, wenn ich ein mal da hinein schlüpfte, Trine?

Die Köchin klatschte vor Vergnügen in die dicken Hände. Ach, ja, thun Sie das, thun Sie das, Fräuleinchen! Und ich will Ihre Kammerfrau sein und Sie putzen, daß es eine Art hat!

Sie machten sich scherzend und lachend an's Werk. Nach kurzer Zeit stand Röschen, von schimmerndem weißem Atlas umflossen, vor Milla's hohem Spiegel.

Wie hinein gewachsen, ein Figürchen wie gedrechselt! Unser Fräulein ist der reine Plumpsack dagegen! Gelb vor Neid würde sie, wenn sie's sähe, Fräulein Röschen! frohlockte die Magd, indem sie mit auf die Hüften gestemmten Armen ihre erste Kammer frauenleistung bewunderte.

Röschen hob die prächtig geformten, schneeweißen Arme gegen den Kopf und zog die Nadeln langsam aus ihrem weichen, lichten Haarknoten.

Meine gelbe Mähne muß auch mitspielen, nicht, Trine?

Ach ja, die herrlichen, seidenen Haare, auf welche Ihre selige Mutter so stolz war! So hat sie immer über Ihre Locken gestrichen, so und so und so! Trine fuhr mit der rauhen Hand zärtlich liebkosend über die Haarwellen, die über Röschen's weißen Nacken niederfielen und im Scheine der vielen Lichter, die immer noch sortbrannten, wie flüssiges Gold leuchteten.

Röschen blickte einen Augenblick wie traumverloren in den Spiegel, plötzlich aber drehte sie sich nach der Köchin um.Trine! rief sie mit glänzenden Augen,es ist im Grunde etwas ganz Er bärmliches um die Kleider, aber in solch einem herrlich schimmern den Gewand steckt doch ein wahrer Zauber! Fühle nur einmal, wie mir mein dummes Herz klopft! Und ordentlich gewachsen komme ich mir vor in diesem Feenkleid. Ach Trine, wenn ich doch auch einmal ein Brosämlein haben dürste von dem reich besetzten Tisch der Lebensfreude, an dem die Andern schwelgen. O, wenn ich einmal mit zu Balle dürfte und tanzen tanzen tanzen! Wenn Du wüßtest, wie mir's in den Füßen prickelt beim bloßen Drandenken und ja, ich kann Dir nicht helfen, Trine, einen Hopfer werden Deine Beine mir zu lieb immer noch zu wege bringen. 5

Trallera, trallera, trallera! tönte es übermüthig von Roͤschen's

Lippen, und sie drehte sich wie ein Wirbelwind und riß die lachende, pustende, fortwährend protestirende alte Person mit sich im Kreise herum. i

Sie gewahrten in ihrem tollen Eifer Beide nicht, daß die

5 Portiere, die Milla's Boudoir von dem daranstoßenden Empfangs⸗

zimmer schied, sich theilte, und ein verwundert lächelndes, bärtiges Männerantlitz zwischen den Falten erschien.

Trine war die erste, die das Unheil entdeckte und mit lautem Aufkreischen in die entfernteste Ecke des Zimmers flüchtete.

Röschen blickte sich verwundert nach der Ursache von Trine's jähem Schrecken um, aber was sie sah, mußte nicht minder auf ihre eigenen Nerven wirken, als auf die der Köchin, denn der fröhlich lachende Mund verstummte, und die schlanke Mädchen⸗ gestalt im weißen Atlasgewand sank zitternd in den zunächst⸗ stehenden Sessel.

Doktor Burk! um Gottes Willen, Doktor Burk!

Ja wohl, Burk; dieser schreckliche Doktor Burk, der in tiefster Zerknirschung um Verzeihung bittet, daß er so unerwartet und zu so später Stunde in dies Allerheiligste eingedrungen ist. Aber wenn man sowohl die Haus- als auch die Etagen⸗Thüre sperr⸗ angelweit offen findet und auf mehrmaliges Klopfen keine Antwort bekommt, dafür aber hier im Zimmer solch köstliches, ansteckendes Lachen hört, so

Aber Trine, offen gelassen, so spät am Abend! tönte es vorwurfsvoll aus dem kleinen Lehnstuhl zur hände⸗ ringenden Köchin hinüber.

Ach Fräulein, daß mir das passiren mußte! Aber ich hatte eben, als ich die Herrschaft hinunterbegleitete, gar nichts anderes im Kopf als Ihr abgehetztes, müdes Gesichtchen, und im Eifer, schnellstens nach Ihnen zu sehen, muß ich das Schließen total vergessen haben! Na, du mein gütiger Himmel, wenn das unsere Madame erfährt, und erst das Fräulein! Aber ich nehm's auf mich, Herr Doktor, ganz allein auf mich. Ich bin's auch gewesen, die das arme Kind in das fremde Kleid gesteckt hat, weil na, weil mir's das Herz zerreißt, daß man mein Fräulein zur Magd macht, und ihr keine Freude gönnt und weil ich mal sehen wollte, wie mein Prinzeßchen ausschauen würde, wenn's einmal in die richtigen Kleider käme, und 5

Richard Burk lachte.Ruhig Blut, alte Trine, nur immer ruhig Blut! So schlimm wie ich aussehe, bin ich nicht, und zum Angeber bei Ihrer Herrschaft tauge ich schon keinen Pfiffer⸗ ling! Das sollten Sie doch von früher her wissen, wo Sie mir in Röschen's Elternhaus die Stiefel zu wichsen hatten und es zuweilen im Sturm und Drang Ihres Tagewerks richtig ver⸗ gaßen! Aber für mein Augenzudrücken von damals und jetzt müssen Sie mir schon einen Gefallen thun, Trine, und mich mit Ihrem Fräulein, dem ich kein Haar krümmen werde, allein lassen. Ich bin ja noch kaum dazu gekommen, meine alte, gute Be⸗ kanntschaft mit ihr zu erneuern!

Trine blickte rathlos an dem hochaufgeschossenen Mann empor und dann zu ihrem Fräulein hinüber, das immer noch wie ge⸗ lähmt in derselben Stellung verharrte, dann trollte sie sich kopf⸗ schüttelnd von dannen. 1

Richard Burk schob sich einen Stuhl vor Röschen's Sitz und ließ sich darauf nieder.

Habe ich Sie sehr erschreckt, liebes Fräulein? fragte er, während seine Augen fortwährend auf der schönen Maͤdchen⸗ gestalt mit dem offenen Blondhaar ruhten.

Ja, das weiß Gott, Herr Doktor! Ach, ich schäme mich zu Tode! Was müssen Sie von mir denken: Tante und Milla auf dem Balle und ich statt an meiner Arbeit in diesem Aufzug mit offenem Haar, tanzend und singend! Und hier dieses schreckliche Durcheinander!.

Das Sie wahrscheinlich hätten in Ordnung bringen sollen, während Ihre Verwandten sich auf dem Ball amüsiren, wie?

Er nahm die Spitzen seines Schnurrbartes zwischen seine Zähne und wartete auf eine Antwort, die aber ausblieb.

Es gab eine lange Pause.

Tante und Milla sind schon vor einer Stunde weggefahren! sie hatten jedenfalls keine Ahnung, daß Sie kommen wür

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sie abzuholen; sonst würden sie sicher gewartet haben, bemerkte Röschen endlich.