Ausgabe 
29.7.1888
 
Einzelbild herunterladen

5 1. 1 1

1

e

2 3

FF . Sr

ee

J 1 1 4 10

kannst Du noch lange genug sein, wir aber schätzen uns einst⸗ weilen glücklich, daß uns das Wetter hilft, Dich nicht gleich wieder loslassen zu müssen; haben ja den ganzen Nachmittag nur über den Bau geredet, und Du denkst am Ende hinterher, ich hätte blos Deine sachverständige Meinung schinden wollen. Steinwald drehte sich dabei einmal wirbelnd auf dem Absatz herum und schenkte von Neuem ein.Töne soll allein nach Kirchberg fahren, hörst Du, Sophie?

Sophie hörte zwar, machte aber kein sehr frohes Gesicht zu dem Auftrag. Doch genügte ein Wink ihrer Herrin, sie zur sofortigen Ausführung desselben anzuspornen wenn auch schweren Herzens; denn dies Wetter, und Töne ganz allein mit dem Pferde!

Lützel hatte trotzdem noch geschwankt, bis Marie Lau scher, Hedwigs Kousine, ihm ein Wörtchen zuraunte:Blei ben Sie; es ist für Hedwig.

Das Weitere hatte er nicht verstanden, aber er war ge blieben.

Hedwig war nicht glück lich; Erita Graf hatte darin Recht gehabt. Sie konnte nicht glücklich sein; man las das in dem matten Blick ihrer immer noch wunder bar tiefen Augen, man hörte es aus ihrer Stimme, wenn sie sprach, man fühlte das Skelett im Hause, wo man ging und stand, es war, als wehe Einem die Luft, die man athmete, seinen kalten, verdorrenden Hauch in's Ant litz. Und Wolf war gerade feinfühlig genug, ihn zu em pfinden, Steinwald's keckes, sicheres Auftreten, seine ritter lichen Formen, sein lässig freies Sichgehenlassen, seine kalte Herzlichkeit täuschten ihn darüber ebensowenig wie die ängstliche Ergebenheit Hedwig's unter ihren Gatten. Er war ihr zuerst nicht ohne gelindes Herzklopfen genaht er konnte nicht umhin, seines ehemaligen Verhält nisses zu ihr zu gedenken ihr Benehmen gegen ihn verrieth nichts von einer ähn lichen Empfindung; sie schien eine Andere geworden zu sein. Die leichte Gestalt, welche ihm da so lässig entgegengetreten war, die sanfte, matt gleich gültige Stimme, mit welcher sie ihn begrüßte, das bläßliche Gesicht, an dessen Schläfen sich das reiche hellblonde Haar ohne jeglichen Schmuck glatt anschmiegte, der lautlose Gang, mit welchem sie in ihrem schlichten, übereinfachen Gewande über den Teppich des Wohngemaches glitt, bänglich wie eine Diakonissin das war die jugendstrahlende, kecke Hedwig Lauscher von anno dazumal! Und neben ihrer resignirten Duldermiene und dem sorglos-freien Gesicht des Gatten das junge reizvoll-frische der Kousine. Aber auch sie war wohl über ihr Alter hinaus ernsthaft, mit Vorliebe an irgend einem unbeobachteten Fleck, im Winkel des Gemachs, an einem Seitentischchen, mit einer Handarbeit beschäftigt.

Das war die Südhorner Gesellschaft.

Wolf fragte sich mehr als einmal, warum er nicht doch ab gefahren sei. Steinwald hatte seinen Rath gehört, und das bischen Regen? Er hatte schon heftigere Schauer zu Fuß durch wandert, anstatt zu fahren. Es geschah selten, daß er sich über sein Thun nicht Rechenschaft zu geben wußte.

Schwarzköpfchen. Nach einem Gemaͤlde von Rud. E pp.

Spät Abends, auf seinem Zimmer, saß er noch eine ganze Weile, horchte auf den Wind, der heulend an den Dachpfannen rüttelte und versank in stilles Sinnen. Was hielt ihn? Ein Weib? Dann doch nur eines: Hedwig. Unfinn! er hatte ein⸗ mal einen Strich unter das alte Konto gezogen. Steinwald? Niemals; auf ihn hätte er zustürzen können und ihn an der Kehle fassen und ihm sagen:Mensch, was hast Du aus diesem lebensfrohen Wesen gemacht, das Dir vor acht Jahren ein hart⸗ herziger Vater verkauft hat? Er hätte ihn erwürgen mögen, anstatt ihm noch die Hand zu bieten mit einem gleißnerischen Gute Nacht! Er haßte ihn um Hedwigs willen. Also doch!

Als Wolf am folgenden Morgen nicht sehr zeitig das Wohn zimmer betrat, fand er Marie allein. Steinwald sei schon in's Dorf gegangen, die Kousine dagegen noch bei ihrem Kna⸗ ben, sagte sie, während sie ihm den Morgenkaffee ein⸗ schenkte.

Sie können noch schöne Tage in Südhorn verleben wenigstens was das Wetter betrifft. Der Wind weht zwar noch scharf, aber sehen Sie nur, wie die Sonne wieder lacht.

Und mich zur Rückkehr mahnt.

Wir vermögen freilich un seren Gästen wenig zu bieten, und ich verarge es Ihnen nicht, wenn Sie nach Kirch berg zurück wollen, doch zu versäumen haben Sie dort wohl auch nichts? Und hier heißt's von Ihrem Besuch: je länger, je lieber. Sie dürfen mich nicht mißver⸗ stehen, fuhr sie rasch fort, als Wolf etwas Konventio nelles von Gastfreiheit und freundlicher Aufnahme be merken wollte.Wir sind hier egoistisch, ich bin's we⸗ nigstens, Gäste sind hier nur willkommen als

Als was, wenn man fragen darf?

Als Blitzableiter.

Er sah verwundert auf.

Ich habe mich vielleicht schief ausgedrückt, aber Sie konnten meine Kousine ja gestern beobachten sie bedarf der Zerstreuung, der Arzt sagt es auch, und

Und deshalb?

Marie Lauscher nickte.

Deshalb. Wenigstens, so lange Sie es hier aushalten. Ich glaube, Sie erweisen ihr wirklich einen Dienst.

Der gerade Blick, welchen sie dabei auf ihn richtete, wie um seinen Entschluß aus seinen Zügen zu lesen, verfehlte seinen Zweck; er zuckte mit keiner Wimper und rührte gleichgültig in seiner Tasse.

Tante Marie!

Ein niedliches Kindergesichtchen, etwas bläßlich, etwas zart für seine vier Jahre, unterbrach das minutenlange Schweigen der Zwei.

Ich mußte Ihnen doch'mal meinen Jungen vorführen, sagte Hedwig lächelnd zu ihrem Gaste, als sie ihm die Hand zum Morgengruß bot. Der Kleine kam auf einen Wink seiner Mutter zaghaft von Tante Marien's Schooß wieder herab und musterte den Gast mit großem, neugierigem Auge. Dann reichte er ihm sein Händchen hin.

3