Ausgabe 
28.10.1888
 
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Thränen und im Besitz der Zuckerdüte,

zarten Kinderohr fern hält. Wie nothwendig meine Anwesenheit ist, sehe ich sofsort, als ich in die Kinderstube trete. Elly ist in welche ihr die Bonne wahrscheinlich als Beruhigungsmittel gegeben hat. Ich habe Mühe, sie ibr fortzunehmen und sie zu überzeugen, wie schädlich für sie, die noch nicht gesund, solche Süßigkeiten sind. Ich muß ihr wieder eine Geschichte erzählen, so schwer es mir ankommt, meine Gedanken zu sammeln. Der Besuch des Arztes erlöst mich glück⸗ licherweise bald von dieser Aufgabe. Er kommt aus dem Zimmer des Rittmeisters. Der alte joviale Herr sieht ganz verstört aus. Ich sehe, er weiß alles und noch mehr. Als die Kleine auf zustehen und zu Papa und Mama zu gehen verlangt, erklärt er ungeduldig:daraus wird nichts. Elly ist noch krank und bleibt still im Bett. Papa ist beschäftigt und kann nicht kommen. Was, Du willst weinen? Schäme Dich, wenn Du nicht artig bist, geht das gute Fräulein fort und Du bleibst ganz allein und acht Tage im Bett.

Das wird Mama nicht erlauben. Sie meinte schon gestern, ich stelle mich nur so an und wolle nicht aufstehen.

Mama wird überhaupt nicht zu Dir kommen, wenn Du nicht brav bist.

Doch, das Fräulein sagt, sie würde kommen, wenn sie aus geschlafen hat.

So, der alte Herr sieht mich fragend an. Er scheint nicht sicher, ob ich weiß, daß ihre Mutter garnicht im Hause geschlafen hat. Ich senke die Augen, er versteht mich; denn er fährt fort: nun wohl, wenn das Fräulein Dir das versprochen hat, so hast Du auch recht ruhig zu sein, damit sie nicht gestört wird und ausschlafen kann! 5

Bleibt dafür auch das Fräulein den ganzen Tag bei mir?

Gewiß, wenn Du artig bist. Verzeihen Sie, wendet er sich

an mich,wenn ich so sans sagon über Ihre Zeit versüge. Der

Rittmeister meinte aber, daß Sie diese Gefälligkeit haben würden.

Gewiß, erwidere ich,meine Zeit gehört mir, ich versäume nichts. Er giebt mir einen Wink und ich trete mit ihm an das Fenster. g

Sie haben von dem peinlichen Ereigniß in dieser Nacht ge hört? fragt er mit gedämpfter Stimme und droht dem Kinde mit dem Finger, sich ruhig zu verhalten, da er mit mir noch etwas zu besprechen habe.

Dann muß das Fräulein mir erst meine Puppe geben! sagt es.

Ich gebe sie ihr, trete an das Fenster zurück und erkläre, daß ich von diesem gehört habe. 2

So wissen Sie wohl auch bereits, daß er ihn gefordert hat?

Ich habe Mühe, einen Schrei des Entsetzens zu unterdrücken 15 klammere mich krampfhaft an das Fensterbrett, um nicht um zusinken.

Diese Nachricht erschreckt Sie ich sehe, Sie wissen doch nicht alles?

Nein ich ahne nur ich hatte nur Vermuthungen, stammele ich leise, athemlos.

Er war auch lange blind, der arme Mann; erst seit kurzem begann er mißtrauisch zu werden. Er hat mit mir gesprochen, mir alles erzählt. Sie müssen wissen, ich bin so ein Stück altes Inventar von ihren Eltern her. Ich kenne sie von Kind auf. Sie war das einzige Kind reicher Eltern, die ihr allen Willen thaten. Kein Wunder, daß sie etwas wild, eigenwillig wurde. Das paßte zu seiner ruhigen, gewissenhaften Art schlecht. Mir ist es noch heute unklar, wie sich diese beiden Menschen haben heirathen können. Nun, man sagt: die Gegensätze berühren sich, so wird es auch hier gewesen sein. Man munkelte zwar, er hätte einmal eine Liebe gehabt, die er zu heirathen gewünscht, aber seine Eltern wären dagegen gewesen und da habe er sie sich als guter Sohn aus dem Sinn geschlagen.

Es ist gut, daß ich mit dem Gesicht hinter dem Licht stehe, so daß er den Farbenwechsel nicht bemerken kann, den seine ver trauliche Mittheilung hervorruft. Ich vermeide es ihn anzusehen und blicke nach dem Kinde. Er deutet diesen Blick falsch.Be⸗ unruhigen Sie sich der Kleinen wegen nicht. Sie hört nichts und spielt ganz vernünftig mit ihrer Puppe. Ich würde Ihnen, mein liebes Fräulein, dieses alles nicht erzählen, wenn ich nicht Vertrauen zu Ihrer Diskretion hätte. Sie scheinen das Herz

auf dem richtigen Fleck zu haben, verständig und selbstlos zu sein. Das ist hier am Platze. Sie sind ein Segen für das Kind und für ihn. Er weiß die Kleine in treuen Händen. Es wäre hart für ihn, wenn er sie gerade jetzt ungebildeten Leuten überlassen müßte.

Und seine Frau? nahm ich endlich den Muth zu dieser

Frage,wo ist sie? wie ist dieses Alles überhaupt so schnell, 14

so so ich finde nicht gleich das Wort Wo sie ist? nimmt er sich meiner Verwirrung an.Er hat sie zu ihren Eltern zurückgeschickt diese Nacht noch wie sie ging und stand. Denken Sie sich, daß sie nur eine Stunde in der Gesellschaft gewesen und unter dem Vorwande fortgegangen ist, daß sie ihr krankes Kind nicht länger allein lassen möchte. Sie muß sich mit dem Assessor, der garnicht beim Kommandeur eingeladen war, in dem Glauben, daß ihr Mann weder die Ge⸗ sellschaft aussuchen, noch von seinem Pferdekauf so früh zurück⸗ kehren werde, ein rendez-vous verabredet haben. Genug, als der Rittmeister seine Frau beim Grafen W. abholen will, wird ihm der Bescheid, daß sie bereits vor einer Stunde die Gesell⸗ schaft verlassen habe. Natürlich schöpfte er sofort Verdacht und suchte den Assessor in seiner Wohnung auf. Dort fand er sie Beide nun das Uebrige können Sie sich denken. Heute Morgen hat er durch einen Kameraden an den Elenden eine Forderung auf Pistolen geschickt. Auf Leben und Tod! Das fordert, wie er behauptet, seine Ehre! Seine Ehre sich um ein treuloses Weib am Ende selbst todt schießen zu lassen. Ja, mein liebes Fräulein, das ist auch einer jener Ehrbegriffe, über welche man den Verstand verlieren möchte. f

Den Verstand! Hatte ich noch den meinen? Ich drückte die

Hand gegen die Stirn, grauenhaft schlichen wieder jene Gespenster an mich heran, prallten sich an mein Herz und für einen Moment schwanden meine Sinne. Als ich wieder zu mir kam, blickte ich in das gute Gesicht des alten Mannes.Ist Ihnen wieder besser! Ich fürchtete schon, Sie würden ohnmächtig werden!

Es ist nichts! Nur eine vorübergehende Schwäche. Ich habe die Nacht garnicht geschlafen.

Er sieht mich mit einen Ausdruck an, der mich verwirrt. Durchschaut er mein Geheimniß?Ich werde Ihnen etwas Nerden⸗ stärkendes verschreiben, ich glaube, Sie konnen es brauchen! sagt er mitleidig..

Ich senke die Blicke, antworten kann ich nicht.

Halten Sie sich jetzt etwas ruhig. Nein, Elly, das Fräun lein kann nicht kommen, noch weniger etwas erzählen, sie wird sich hier auf das Sopha legen und schlafen, sie hat Deinetwegen die halbe Nacht gewacht. und mit Deiner Puppe weiterspielen.

Das will ich, aber nachher muß Papa auch zu mir kommen. Schlafen Sie nur, Fräulein, ich werde still wie ein Mäuschen sein.

Ich lächelte ihr müde und dankbar zu unfähig, die gütige Fürsorge des Arztes abzulehnen und schließe die Augen. Aber schlafen kann ich nicht, wie im wilden Fieber jagen sich die Ge⸗ danken und kalte Schauer durchrieseln meinen Körper. Ich ziehe mein Tuch fester um meine Schultern und kämpfe gegen ein wildes, leidenschaftliches Aufschluch zen an, welches meinem Herzens⸗ krampf einige Erleichterung bringen könnte.

Hier, trinken Sie das, sagt die Stimme des menschen⸗ freundlichen Arztes.Es wird Ihnen gut thun.

Ich gehorche willenlos; dann ichließe ich wieder die Augen. Lautlose Stille umgiebt mich, die Kleine scheint eingeschlafen und draußen liegt auf der Dienerschaft die Schwüle des furchtbaren Gewitters, welches sich in dieser Nacht drohend über das Haupt ihres unglücklichen Gebieters zusammengezogen hat. Seldst ein geflüstertes Wort dringt nicht in die mich umgebende Stille hinein, keine Thüre geht, kein Schritt wind gevört, jeder scheint zu ahnen, daß man vor einem erschütternden Exeigniß steht.

Mir wird diese leidende Ruhe zur Qual, ich ertrage sie nicht länger. Ich richte mich empor und sehe nach dem Bett des Kindes; es ist eingeschlafen. Glückliches Kind, das schlafen kann, das in ahnungsloser Unschuld das Schreckliche garnicht versteben würde, welches Dich in wenigen Stunden vielleicht zur vaterlosen Waise

macht. N 1 ich wende

mich um, ihr Vater ist eingetreten. Ist er es aber

Ein leises Geräusch läßt mich zusammenfahren ber wirklich,

Du wirst ein gutes Kind dafür sein 1