Ausgabe 
27.5.1888
 
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dem ich mich einmal nur schwer trennen würde, paßt sich jedem Alter jedem Wuchs an; es versteht jung wie alt zu sein: nur 975 beschei⸗ den in seiner Aufraffung oder Schürzung, graziös und kokett mit seinen Bändern, seinen Schleifengewogen, ernst und streng in seiner verlängerten Linie, seiner einfachen Anordnung. Die Empireroben sind ihrem Auscheine nach von größter Einfach⸗ heit, aber von einer so kostspieligen Einfachheit, daß man oft schon des⸗ halb genöthigt sein wird, auf dieselben Verzicht zu leisten. Sie werden ganz 1 gefertigt, in enger Form, wie ein Futteral, also ohne die a aue te Draperie vorn und um die Hüften, und nur mit einigen ge⸗ kräuselten Falten im Rücken. Diese gespannten Röcke sollen mit Sticke⸗ reien und anderen Zierrathen einesgroßen Stils bedeckt werden, doch edenkt man auch, namentlich was die jungen Mädchen betrifft, die tickereien durch ganz feine Plisses in Schürzenform zu ersetzen, welche von oben bis unten befestigt und im Uebrigen durch Spangen von ge stickten Galons oder von einem anderen Stoff in abstechender Farbe ge halten werden. Dieses Arrangement würde die Anwendung sehr schmieg⸗ samer Gewebe nothwendig machen. Es versteht sich wohl von selbst, daß derartige Kleiderröcke, um durch die Spannung sich nicht zu ver ziehen, wie unsere modernen Kostüme auf ein Unterkleid oder einen Fond gesetzt werden müssen, den man aus Seide bereitet, wenn der SOberstoff leicht und durchsichtig ist. Eine runde Taille, in krause Fältchen gezogen oder kreuzweise drapirt und durch einen hohen Gürtel, welcher bis unter die Brust reicht, verkürzt, vervollständigt eine solche Toilette Récamier oder Joséphine. Selbstverständlich wird man mit solchen Kleidern, welche Erstaunen erregen müssen, vorläufig nicht auf er Straße erscheinen, sondern sie in Gesellschaften, im Aer und später in den Badeorten zu tragen wagen.

Man will auch zu den drapirten Toiletten vielfach Gürteltaillen annehmen, immer indem man die anderen Leibchen mit Schnebbe und Schooß beibehält. Die Draperien liebt man einfach, nicht mehr auf⸗ gebauscht, und wieder ist es besonders das englische Kostüm, das den größten Beifall genießt. Als alltägliche Toilette, als Reisekleid, zu kleinen Ausflügen giebt es nichts Praktischeres, nichts Hübscheres, umso⸗ mehr, da der pariser wie unser deutscher Geschmack es ganzweiblich, ganz verlockend gemacht.

Wie geschmackvoll ist es z. B. aus Sommertuch in silbergrauer Farbe! Auf einem Fond aus gleichfarbigem Mohair flattert der Tuch⸗ rock mit breitem Steppsaum. Darüber drapirt sich leicht eine lange Tunika, vorn in abgerundeter Schürzenform, unter den Hüften in Falten enommen und im Rücken zu einem mäßigen, eleganten Puff gerafft. as Leibchen ist im SchnittAmazone, knapp anliegend, mit kurzer Schnebbe vorn, gerade herunter geknöpft; im Rücken endet es in einen kleinen Postillonschooß mit Hohlfalte. Als neue und sehr hübsche Gar⸗ nitur dient eine kleine Silber-Passementerie, nicht breiter als 1 CEmtr., welche rings um Tunika und Leibcheu gesetzt ist, hier sich den Knopf⸗ schluß hinauf bis zum Kragen ziehend. Man kann sich nichts Einfacheres und Eleganteres zugleich denken, wie denn überhaupt Toiletten aus ein⸗ farbigen Geweben immer den Stempel der Distinktion bewahren.

5 u den Kostümengenre anglais verwendet man auch vielfach einfarbige Wollenstoffe mit abgepaßter Bordüre, die oft in Seide gleichen oder dunkleren Tones, oder in abschattirter oder gänzlich abstechender Wolle durch Streifen-, Carreaux⸗, Broché- oder Chiné⸗ Arrangements hervortritt. Rock und Tunika oder nur letztere sind von der Bordüre umgeben, die sich dann gleichfalls auf dem Leibchen wiederholt.

An Anomalien in unserer Kleidung gewöhnt, tragen wir kühn zur drapirten Toilette den Direktoirehut, eine Form, welche bei der elegan⸗ ten Damenwelt sich großer Beliebtheit erfreut. f i Die neuen Kleiderstoffe sind reizend, mannigfaltig und, ohne sie bei ihren zahllosen, mehr oder weniger bizarren Namen zu nennen, welche ihnen die Fabrikanten, jeder nach seinem Belieben, geben, wiederhole ich, was ich in meinem vorigen Bericht ausgesprochen, daß die Streifen dominiren und den Sieg über alle anderen Dispositionen: das Karrirte und Brochirte, davontragen. Dies schließt indeß nicht aus, daß man beide Arten sehen wird und daß die Streifenstoffe dieselben sogar in sich aufnehmen und sowohl das eine wie das andere eben in Streifen zur Anschauung bringen. Da es jedoch nun Streifen in allen Breiten⸗ verhältnissen giebt, so findet sich zu jeder Disposition ein einfarbiges passendes Gewebe, mit Hülfe dessen man stets wohlgefällige und elegante Toiletten erzielen kann. Denn was für Geschmacklosigkeiten würde man ohne eine solche Verbindung sehen! Giebt es doch leider immer Damen, welchen der Geschmack fehlt und welche, ohne weiter nachzudenken, eine Taille mit großen Carreaux oder mit 34 Cimtr. breiten Streifen tragen würden! 1 5 2

Die Streifenstoffe haben vollständig ihr Aussehen geändert. Man

det darunter nicht mehr den banalen, eintönigen Streifen, an dem sich as Auge ermüdet. Gegenwärtig wird man gefangen genommen durch die so eigenartigen Gruppirungen und Anordnungen, durch die oft selt⸗ amen Farben, welche sich trotz ihrer Bizarrerie harmonisch aneinander⸗ fügen. Wie wunderbar findet man dieses Eidechsengrau mit feuer⸗ farbenen Streifen oder mit breiten, pfauenfarbenen Brochestreifen, oder jenes verblaßte Altrosa mit seinen kupferrothen und tief grau⸗rothen, in unzählige Linien getheilten Gruppenstreifen! Und ebt es wohl etwas Aparteres als diese leichten, fast durchsichtigen Voiles mit 2 Centimeter breiten Streifen, jeder derselben aus feinen, gleichgetönten oder anders kolorirten seidenen Linien gebildet und umrahmt von zwei abstechenden Linien?! Man gelangt hierbei zu reizenden Effekten. Die marineblauen Voiles sind mit himmelblauen Gruppenlinien und rother Einfassung,

die sandfarbenen mit eréme Linien und rother Einfassung, die ocean⸗ blauen mit schwefelgelben Linien und marineblauer Einrahmung, die

ferner gestreifte oder groß karrirte Wollenröcke tragen mit einem Ueber⸗ gewand aus Changeanttaffet. Ueberhaupt erhält sich das Genre Chan⸗ geant für die Zukunft in Seidenstoffen wie in Bändern, sich in den entzückendsten und kapriziösesten Farbenreflexen ergehend.

Die Farben, welche die Mode gegenwärtig besonders begünstigt und wahrscheinlich auch im Sommer 0 wird, sind: Roth, Leinen⸗ blau(dasselbe drängt das Marineblau etwas in den Hintergrund), das Grau in allen seinen Abstufungen von der hellsten bis zur dunkelsten, ferner Graublau, bleu d'Egypte genannt, das Blaugrau in vielen Tönen und das Grün in seinen blassen Nüancen, wie Meergrün, Apfelgrün, Mandelgrün, Pistaziengrün und vor allem in jenem eigenartigen Grau⸗ grün, das man mitCigale, alsoGrille betitelt, denn man findet, daß dasselbe dem Gewande des niedlichen, so poetischen und melodischen geflügelten Insekts ähnelt.

Die Verbindung von Roth und Weiß wird für die elegante Sommer⸗ toilette sehr gesucht sein, und hat man im Winter, in welchem das Schwarz an der Tagesordnung war, die rothen Kleider mit schwarzen Chantillyspitzen bedeckt, so dürften in diesem Sommer die weißen Spitzen gleiche Erfolge darauf zu verzeichnen haben.

Da ich von Spitzen spreche, so will ich gleich hinzufügen, daß die schwarze Seidenspitzen-Robe nun auch als Straßentoilette in der Zeit von zwei bis fünf Uhr von der Mode genehmigt worden ist.

Man trägt zu einer solchen Robe Phantasie-Jäckchen oder kleine Konfektions, welche das Gepräge der Originalität haben, aber lieber die ersteren. Die reich garnirte Visite würde nicht am Platze sein; nicht etwa, daß sie sich nicht dem Spitzenkleid anpaßte, sondern weil dasselbe, für die Straße, aus einer Caprice der Mode hervorgegangen und da durch zu einemkleinen Kostüm von Chie gestempelt worden, dessen Eigenart gerade auf der Verbindung von Spitze und dem mehr oder weniger reich garnirten Jäckchen aus Tuch oder Sammet beruht. Auch wird hierzu der runde Hut der kleinen Capote vorgezogen, und dies kennzeichnet ebenfalls dasGenre von Kostüm.

Außer dieser sehr seltsamen Phantasie dürfte man die schwarze Spitzenrobe in diesem Sommer noch zu anderen Gelegenheiten vielfach sehen, desgleichen die Kleider aus schwarzem, gesticktem Tüll. Die letz⸗ teren sind ebenfalls von einer angenehmen und graziösen Leichtigkeit. Der untere Rock(Fond) aus Taffet erhält einen sehr hohen Volant oder Puff aus gesticktem Tüll und darüber fällt der runde Tüllrock, welcher im Rücken in krause Falten gezogen, vorn drapirt ist. Der Rand des⸗ selben wird drei Finger breit umgesäumt und mit einem Taffet⸗, Atlas⸗ oder Failleband durchzogen. Gleiche Bandschleifen halten die Draperien. Ein Puff, ebenfalls mit Bandunterlage, garnirt die Oeffnung des Direktoire⸗Leibchens, welches sich unter einem breiten Gürtel mit flat⸗ ternden Enden kreuzt. Der Aermel ist von der Schulter aus plissirt und dicht unterhalb des Ellbogens mit einem kleinen Puff nebst Band⸗ einlage und Schleifchen zusammengehalten.

Mit einem solchen Kleide geht man, wenn die warmen Sommertage eingekehrt, in der Taille spazieren, oder man wirft eine kleine, reife Pelerine aus übereinstimmendem gesticktem Tüll um die Schultern. Hierzu gehören Mousquetaire-Handschuhe aus schwedischem Leder, in schwedischer Lederfarbe, welche bis zum Aermel aufsteigen. Um diese Toilette, deren Stil im Voraus sehr geschätzt wird und großen Beifall gewinnen dürfte, zu vervollständigen, bedarf man eines runden, schwarzen Basthutes mit sehr breiten Krämpen, geschmückt mit einem Panache schwarzer Straußfedern, welche nach vorn überfallen und ein Bouquet gelber Rosen beschatten.

Die Atlasbänder mit und ohne Picols, die Sammetbänder mit gleichgetönter Atlaskehrseite sind wieder zu einer Mode, einer großen Mode erhoben worden und werden auf den Hüten vielfach sichtbar sein. Das Sammetband präsentirt sich in allen gangbaren Farben, doch giebt man ihm in Schwarz den Vorzug, das man dann gern durch Rosen belebt. Eine derartige Garnitur zeigt sich in stets wechselnder Anord⸗ nung auf schwarzen, beigefarbenen, weißen und gelben Strohhüten wie auf solchen Spitzenhüten, wenngleich hier das Gelb durch Rahm- und Rohgelb ausgedrückt wird.

Dann wird man sehr hübsche doppelseitige Phantasiebänder sehen aus Changeantseide, deren eine Seite die vorherrschende Farbe des Changeants in hellem Ton, deren andere Seite dieselbe in dunklem Ton zeigt. Der Fond dieser Bänder ist auch häufig mit Erbsen brochirt, welche ebenfalls im Kolorit wechseln, auf der Oberseite hell erglänzen, auf der Kehrseite dunkel schimmern.

Jef Alätkter.

Sanct Peter und die Fischerin.(Südslawische Sage.) Sanct Peter ging über einen Markt, als die Zeit des Verkaufes beendet war. Da sah er eine bildhübsche Fischerin, die recht finster darein schaute.Was macht Dir Kummer? fragte der Heilige.Da habe ich viele Fische übrig behalten, und ich weiß nicht, was mit ihnen anzufangen.Du möchtest wohl von Deinem Vorrath erlöst sein? fragte Petrus; ich will Dir helfen.Das ist nicht möglich, äußerte die Fischerin, das kann nicht einmal der Polizeimeister.Aber ich! sagte Sanct Peter und schrieb einen Fasttag aus, so daß der Vorrath des hübschen Mädchens bald verkauft war. W. G.

Aus dem Examen. Ein Jurist wurde im Examen gefragt:Aus wie viel Theilen besteht das preußische Landrecht? Ganz unbefangen antwortete er:Das ist Geschmackssache je nachdem der Buchbinder es einbindet. 81

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