Ausgabe 
25.11.1888
 
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2383.

nicht übermäßig gut und nicht übermäßig schlecht und zeugten davon, daß ihr Eigner sich eher im Freien 1 0 Salon 1 zuhalten gewohnt war. Sein gutmüthiges, männliches, von Sonne und Regen gebräuntes Gesicht bestätigte diesen Eindruck. Jedenfalls war dies Fräulein Olga Reimerts Ansicht, wie sie die eben beschriebene Persönlichkeit durch das Fernglas Kapitän Nordahls, das sie sich extra zu dem Zwecke von ihrem Onkel geliehen hatte, musterte. Denn auch nach Fossevang war bald die Kunde von der Verpachtung der Stromschnellen an einen Amerikaner Namens Graham hingedrungen, was auf dem Sommer sitze berechtigte Erregung und Entrüstung hervorgerufen hatte.

Er hat blaue Augen, sagte Olga, durch das Fernrohr blickend.

Laß mich zufrieden mit dem Kerl, brummte Kapitän Nordahl, der an ihrer Seite auf dem Balkon saß und mürrisch seine Morgencigarre rauchte.

.Er ist überhaupt ein recht hübscher Mensch, nur ist sein Schnurrbart etwas zu blond und zu lang.

Werde den Kerl einsetzen lassen, wenn er nicht bald, noch

vor Abend, das Feld räumt, grunzte der Alte. Soll ich ihn pfänden gehen, Onkel? fragte das Mädchen, die Augen noch immer am Fernrohr.Wär das ein Spaß! Kannst ihn meinetwegen darauf aufmerksam machen gehen, daß er sich an fremden Rechten vergreift. Wenn dies dann nicht fruchtet, werden wir energischer werden.. Engländer sind aber starrsinnig, Onkel, das weißt Du! Und Vankees sind noch weit schlimmer. Sie schießen Einen um nichts und wieder nichts gleich über den Haufen. Danach sieht der drüben nun grade nicht aus, erklärte Olga. Und da der Gegenstand ihres Gespräches augenblicklich hinter den Bäumen am Flußrand verborgen war, schraubte Olga das Fernrohr zusammen und gab es ihrem Onkel zurück, der einen Fluch brummelnd sein Cigarrenende über das Balkongitter warf und in das Haus trat. Das junge Mädchen sah ihm mit innigem Mitgefühl nach. Der alte Herr hatte heute wieder ein⸗ mal seine schwere Stimmung; sie sah es ihm an seinen verstörten Zügen an, daß er eine schlechte Nacht gehabt hatte. Nur eine dunkle Sage war ihr, was ihm hauptsächlich seine Ruhe raubte die Geschichte von seinem so sehr geliebten und so hart ver stoßenen Sohn. Sie hatte einst in ihrer kindlichen Ergebenheit geplant, als Mann verkleidet in die Welt hinauszuziehen und es zu ihrer Lebensaufgabe zu machen, den verlorenen Sohn zurück zu holen und ihn mit seinem Vater zu versöhnen. Doch dann hatte sie wieder überlegt, daß der Verstoßene so tief gesunken sein könnte, daß es besser war, der Vater sah ihn niemals wieder. Und so hatte sie, glühenden Temperamentes, wie sie war, mit ährem Selbstaufopferungstrieb beschlossen, ihren Oheim nie zu verlassen, und ihn nach Kräften für den Verlust, den er in seinen Sohn erlitten, zu entschädigen. Was keineswegs eine leichte Auf gabe war, denn der alte Herr war, seit er sich von der See zurückgezogen hatte, der Melancholie in einem Maße verfallen, daß sie fast der Verzweiflung gleichkam. Es hieß, seine Launen⸗ haftigkeit und seine Verbissenheit waren es, die alle seine Töchter Hauptsächlich bestimmten, die erste Gelegenheit, die sich ihnen bot, zu ergreifen, nur um aus dem Hause zu kommen; und als auch die letzte von ihnen dem Manne ihrer Wahl folgte, wäre der Kapitän mit seinen Launen allein in seinem Haus zurückgeblieben, zätte seine Nichte nicht mit ihm Mitleid gefühlt. Hätten mate⸗ elle Rückfichten sie dazu gezwungen, so wäre dies weiter keine Sroßthat von ihr gewesen; allein von ihrem Vater hatte sie geichlich so viel geerbt, um frei leben zu können nach ihrem Be⸗ eben. Und doch hatte sie schon einige der besten Parthien aus er Stadt ausgeschlagen, allein um sich dem mürrischen, alten Mann zu widmen, den viele für halb tobsüchtig hielten. Man Tzählte sich allgemein in der Stadt, dies wäre eine Pflicht der Dankbarkeit, deren sie sich gegen ihn entledigte. Ihr Vater hätte hr auf seinem Sterbebette gestanden, wie der Kapitän während ler letzten Handelskrise ihn allein gehalten und vor gänzlichem uin gerettet hätte.

(Fortsetzung folgt.)

JLose Blätter.

Die schwarzen Blattern raffen nirgends so viele Opfer weg, als bei den Kalmücken. Diese schreckliche Krankheit ist bei ihnen heimisch; sie verschwindet aus einem Aul nur, um sich in einem andern zu zeigen, und zuweilen wüthet sie während des ganzen Winters und des ganzen Sommers in allen Lagerplätzen zusammen. Diese Nomaden haben auch eine schreckliche Furcht vor der Krankheit, die sie als einen Fluch des Himmels betrachten; sie sprechen den Namen derselben nie aus, ja es 115 unter ihnen als eine Sünde, blos davon zu sprechen. Wenn die

rankheit in einer Familie ausbricht, so werden alle Bande des Blutes und der Freundschaft abgebrochen; oft besteigt der Kalmück sein Pferd, verläßt Mutter, Weib und Kinder und flieht weit fort von seiner Kibitka. Man würde keinen Erben finden, um das Zelt anzunehmen; alles, was ein an den Kinderblattern gestorbener Mensch hinterläßt, wird verlassen. Wenn die Geißel im Winter in einem Zelte ausbricht, so sind die jenigen, welche davon befallen werden, fast unrettbar verloren, da sie unter einem leichten Leinwandzelte einer Kälte von mehr als 250 über⸗ lassen sind. Zuweilen sind vierzehn Tage und sogar noch weniger hin reichend, um eine ganze Familie zu vernichten. Das einzige Heilmittel, das sie anwenden, ist heiße, mit Wasser verdünnte Milch; das einzige Präservativ ist bei ihnen Branntwein, dem die Peitsche folgt. Wenn ein Kalmück, am häufigsten gegen seinen Willen, in irgend einer Art mit einem Pockenkranken in Berührung gekommen ist, so trinkt er Brannt⸗ wein, bis er bewußtlos betrunken ist und dann prügeln seine Verwandte und Freunde ihn furchtbar. Und dabei giebt es weder einen Arzt, noch Hospitäler. In dieser Hinsicht ist kein Ulus(Kreis) glücklicher als der andere. Man kann kaum das Dorf Jandik an der Poststraße mit seinem erbärmlichen Hospital mit fünfzehn Betten und seinem Wundarzt erwähnen, welcher letztere weniger für die Kalmücken, als für die Beamten und Verwalter der Straße da ist. Es giebt wohl einen Arzt bei der Verwaltung der Kalmücken, aber weit entfernt von dem Mittelpunkte der Steppen in Astrachan; und dessen ganze Zeit wird durchgewaltsame Todesfälle in Anspruch genommen, so daß ihm keine Zeit für gewöhn⸗ liche Krankheiten bleibt. Uebrigens erhält er als Arzt in den Steppen monatlich nur 20 Rubel(60 Mark) und daraus zieht er den Schluß, daß die Steppen aus seinem eigentlichen Wirkungskreis entfallen. Jeder Kreis hat auch offiziell zwei kalmückische Impfer, aber in der Wirklichkeit befassen sie sich nie mit dem Impfen. Man kann sich daher nicht darüber wundern, daß die Blattern für die Kalmücken eine Geißel ohne Namen sind. M.

Die gelehrteste Frau ihres Jahrhunderts war Anna Marie von Schürmann, geboren im Jahre 1607 zu Köln, aus vornehmer Adels familie stammend. Schon als Mädchen zeichnete sie sich durch Geschicklich keit in mechanischen Arbeiten, Zeichnen, Malen, Bildschnitzen und Kupfer⸗ stechen, auch in der Musik, sowie an Verstandeskräften auffallend aus. Sie sprach mit Leichtigkeit hebräisch, syrisch, chaldäisch, arabisch, griechisch, lateinisch, französisch, englisch, italienisch und skandinavisch, war auch in Astronomie, Geographie, Geschichte, Philosophie, Theologie und in den Naturwissenschaften außerordentlich bewandert. Sie stand mit den größten Gelehrten, wie Vossius, Spanheim, Salmesius, Huygens u. A. in Brief⸗ wechsel, und die berühmtesten fürstlichen Personen beehrten sie mit ihrem Besuche. Sie starb unverheirathet im zweiundsiebzigsten Lebensjahre.

M. II.

Eine Stylleltion in Persien. Subalternoffiziere der Artillerie hatten dem ersten Minister eine von einem Gelehrten verfaßte Bittschrift über⸗ reicht, worin der Sinn durch Komplimente und schwülstige Redensarten so verhüllt wurde, daß derselbe kaum herausgelesen werden konnte. Der Minister ließ dem Gelehrten zweihundert Hiebe auf die Fußsohlen geben, und als der unglückliche blumenreiche Verfasser die Strafe erlitten hatte, mußte er sich zu dem Minister begeben, welcher zu ihm sagte:Ein Großvezier hat andere Dinge zu thun, als Deine schlechten Schmeicheleien zu lesen und den Sinn aus Deinen Schreibereien herauszuklauben. Be⸗ fleißige Dich einer klaren und einfachern Schreibweise, oder schreibe nicht für Andere, sonst lasse ich Dir die Hände abhauen. N.

Der letzte Markgraf von Brandenburg-Schwedt hatte im Jahre 1773 in seiner Residenz ein Liebhabertheater errichtet. Sieben Jahre später ernannte er den Schauspieler Möller zu dessen Leiter, behielt sich aber vor, die zu gebenden Stücke selbst zu prüfen. Möller hatte auch Schiller's Räuber eingereicht. Am folgenden Tage ließ der Markgraf den Direktor seinesfürstlichen Spektakels kommen und sagte zu ihm:Hören Sie einmal, Möllerken, das Stück ist wirklich gut; aber derolle Moor muß leben bleiben, und Karl muß seine Male kriegen. Na, Sie werden das schon machen. Möller versuchte Einspruch zu erheben, da rief der Mark⸗ graf:Der Deubel soll mir holen, wenn der olle Mann und die Male den Tod verbrochen haben, und Karl ist boch en ganz anständiger Kerl, den Jeder pardonniren muß. W. G.

Ciwidale, in der italienischen Provinz Undino, besitzt außer anderen Denkwürdigkeiten auch das Monument der großen Tragödin Adelaide Ristori. Das wäre nun nichts Seltsames, ist doch das Städtchen der Geburtsort derselben; aber das Monument ist aus Adelaides eigener Börse hervorgegangen. Im Jahre 188 beschloß nämlich der Magistrat des alten Städtchens, seiner berühmten Landsmännin ein Standbild er⸗ richten zu lassen, besaß dazu aber nicht die nöthigen Gelder. In dieser Verlegenheit wandte er sich an sie, die auch ihre Chatoulle öffnete.

W. G.