Ausgabe 
25.11.1888
 
Einzelbild herunterladen

3 2382 1

der anderen Seite war aber ihr Fehlen ein Glück für ihn und er brauchte nicht mehr zu befürchten, daß ihre scharfen Augen vorzeitig sein Inkognito durchschauten. Sein voller, kurzgeschnit⸗ tener Backenbart und der lange, blonde, schneidige Schnurrbart, dazu eine Gestalt von acht Zoll und kluge, gereifte, männliche Züge, das war für gewöhnliche Augen Maske genug. Höchstens die Augen der Liebe oder des Hasses hätten dahinter zu sehen vermocht.

Während seines Lagerlebens in Kalifornien hatte sich Ewald stets mit Wonne die Scene ausgemalt, wie er mit zwei gold⸗ betreßten Lakaien daheim landen würde. Doch als er dann in London anlangte, wo er die betreffenden Persönlichkeiten zu en⸗ gagiren gedachte, erlebte er bei seinen Versuchen, seinen Haus⸗ stand zu gründen, eine Reihe drolliger Abenteuer, die für sich allein ein langes Kapitel füllen würden. Wohl zwanzig oder dreißig Bewerber um den Posten stellten sich ihm vor; bei den einen aber mißfiel ihm ihr kritischer Blick, bei den anderen fühlte er sich gedrückt vor ihrer majestätischen Persönlichkeit, so daß er schließlich, so schwer es ihm ward, seinen so lange mit so viel Liebe gehegten Plan aufgab, allein und ohne Bedienung nach Norwegen fuhr und ohne Aufsehen zu erregen als schlichter Passagier, der sein Ränzel in eigener Hand trug, eintraf. Nach seinem Hotel fuhr er in einem primitiv genug aussehenden Gefährt, der einzigen Droschke an dem Orte, und schließlich saß er mutter⸗ seelenallein in dem Speisezimmer des Hauses, das den Gasthof seines Heimathortes repräsentirte. Ewald kam sich wie ein Ein⸗ dringling vor, als er mit dem Wirth und seiner Frau an dem altmodischen, dreieckigen Tisch Platz nahm und fast fühlte er sich beleidigt wie über eine unziemliche Frage, als nach der Mahl⸗ zeit der Hausherr ihm das Fremdenbuch vorlegte und ihn bat, sich einzuschreiben. Es war ihm fast ganz entfallen, daß er wie ein verkappter Prinz inkognito reiste, und wie er die Feder zur Hand nahm, hätte er beinahe seinen richtigen Namen eingetragen. Dann fiel es ihm aber noch zur rechten Zeit ein, daß es doch Thorheit wäre, am Vorabend seines Triumphes sich selber so um seine Genugthuung zu bringen, und entschlossen kritzelte er den ersten besten Namen, der ihm in den Sinn kam, in das Buch hinein. Für seinen Zweck war der eine Name so gut wie der andere. Seine Eintragung lautete:

William Graham, aus Chicago, Illinois.

William Graham William Graham, wiederholte er ein paar mal leise, um sich den Namen einzuprägen. Uebrigens war es ihm, als wäre er in seinem Leben einmal mit einem Mann dieses Namens zusammengetroffen, allein, so sehr er auch nachsann, konnte er nicht darauf kommen, wie der Betreffende ausgesehen und wo er ihm begegnet sein konnte.

Wie geht die Schifffahrt? fragte er seinen Wirth und reichte ihm eine Cigarre über den Tisch.

Kein Geld mehr dabei zu verdienen, Herr. Die Engländer unterbieten uns auf allen Märkten.

Wer hat die größten Schiffe in der Stadt?

Oh, das ist schwer zu sagen. Da ist zuerst die Firma Reimert& Co., die noch immer ein großes Geschäft macht, dann Berg& Martensen, die in den letzten Jahren mit großem Glück operirten, und endlich auch der alte Nordahl, der ein schönes Vermögen besitzen müßte, hätte er nicht so viele Töchter aus zustatten gehabt. Im letzten Jahre hatte er kurz hintereinander drei Hochzeiten auszurichten gehabt. Und das kostet Geld, Sie können es glauben.

Allein der Kapitän wird es wohl auch aushalten können, warf Ewald ein, um die Gesprächigkeit des Wirthes von neuem anzustacheln.

Nun, da er keine Söhne hat, fuhr der ahnungslose Wirth fort,braucht er wohl bei seinen Töchtern nicht zu sparen. Einst hatte er übrigens auch einen Sohn, das war aber ein Tauge nichts. Und Gott weiß, wo er jetzt stecken mag ich halte ihn längst für todt. Es heißt, der Verlust des einzigen Sohnes, auf den er fersönlich große Stücke gehalten, ging dem alten Herrn sehr nahe. Als Nikolaus Reimert, der Bruder seiner zweiten Frau, starb, nahm er auch die beiden Kinder von ihm in sein Haus. Den Neffen hat er nach England geschickt, das Geschäft zu erlernen und die Nichte na, die Nichte, heißt es, wickelt den alten Brummbär um ihren kleinen Finger.

Der junge Mann bemerkte aus der Dampfwolke heraus, das Erröthen seiner Wangen verbarg, daß er wobl Lust hätte während seines Aufenthaltes in dem Ort ein paar von Honoratioren, besonders den Kapitän, kennen zu lernen, def Verhältnisse ihm der Wirth so interessant geschildert hätte.

Dazu ist's zu spät, Herr. Schon vor zwei oder drei! ist er nach Fossevang auf seinen Landfitz übergesiedelt, d den Reimerts abgekauft hat.

So, so, murmelte Ewald, holte aus seiner Tasche Bädecker hervor und fing an, den Dampfer⸗Fahrplan zu stud Und nach einem kurzen Rundgang in der Stadt löste er gleich für den folgenden Tag ein Billet für das nordwärts Fossevang abgehende Boot.

II.

Dunkel, hell und silber⸗grün wechselte in Flecken, groß und klein, auf dem südlichen Abhang des Thales ab. Die dunkle Schattirung gehörte dem Föhrenwald, der besonders am Fuß der Bergseite, mit der frischeren Farbe von Erlen und Birken untermischt, die allmählich ansteigende Höhe hinanklomm. A der Mitte der Berglehne lag ein großes, zweistöckiges, u getünchtes Gebäude, das mit seinem Ziegeldach und seinen h Schornsteinen aus einem dichten Obstgarten herauslugte. war Fossevang. Hinter dem Gebäude erstrecken sich breite 5 Roggen und Gerste. Und unten durch das Thal schoß der d mit Strudeln, tosenden Gefällen und gelber Gischt. Nach hin hatte man einen Ausblick auf den Fjord und ein Pa himmelhoher Berge, die bei klarem, schönen Wetter im A blau zu schwimmen schienen.

Ewalds Herz schlug unbehaglich, wie er von dem Dam Landeplatz nach der Stromschenke hinanfuhr. Er überlegte seine Lage und beschloß, als er hörte, daß der Strom um sei Lachsreichthum bekannt war, ihn, koste es was es wolle, Saison zu pachten. Syvert Gimse, der Besitzer der besten fälle, ward zu ihm berufen, Ewald trug ihm sein Anliegen und schloß mit ihm einen Pakt, über den der glückliche Besi des Flusses, als er sich wieder draußen im Freien befand, r Freude hoch in die Luft sprang. Er hatte gleichfalls die pflegung des Amerikaners übernommen, und er hoffte ein g Stück an dem reichen Mann zu verdienen. Von dem ew Streit, der seit Jahren zwischen ihm und dem Kapitän? bestand, der Anrecht auf die Stromschnellen zu besitzen glaub hatte er klüglich geschwiegen. Der händelsüchtige Kapitän, d er, würde wohl wissen, daß jeder Amerikaner sich bis an Zähne zu bewaffnen gewohnt war, und es sich zweimal 1 legen, ehe er ihn belästigte. Die Leute standen und star neidisch und verwundert, als Syvert sein Fang in einem klap den, grün und roth angestrichenen Karren davonfuhr, der jed Augenblick seine Insassen auf den Pony vorne hinausschleuder zu wollen drohte. Sie kamen jedoch ohne Unfall über Fluß hinüber und in Gimse an, wo Ewald in einem großen, niedrigen Zimmer untergebracht wurde, in dem ein mächt Himmelbett mit geblümten Kattunvorhängen stand, u Dutzend fette, faule Fliegen wohnten, die, ärgerlich zu werden, surrend an die Fensterscheiben heranflogen. N dumpfen Geruch aus dem Raume zu treiben, ließ sich Ewall auf einen Kampf mit den Fensterflügeln ein, die sich, nacht sie ihm eine Weile ihre Widerstandskraft bewiesen hatten, end in das Unvermeidliche fügten und die frische Luft in das Zimm einließen. Der Ueberblick über das Thal auf und nieder wa so zauberisch schön, daß ihm das Herz aufging. Und ihm gegen über, grade vor Augen, lag das Ziel seiner Pläne, das f Fossevang!

Sich mit der Familie drüben bekannt zu machen, w seine erste Aufgabe. Allerdings ein komisches Beginnen mit dem eigenen Vater bekannt machen zu wollen. auch am nächsten Morgen, als er sich mit seinem Angel an den Fluß begab, zu keinem rechten Entschlusse geke Er sah recht schneidig aus, wie er Angel und Fischkorb in der und den schleierumwundenen Helm-Hut auf dem Kopf mit lange Schritten über die Felder hinschritt. In seiner Haltung etwas, was an die Prairien gemahnte. Die Kleider pe

T. U U

r