zu den
Oberhessischen UMachrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Gießen, den 25. März.
Es war ein bitter⸗kalter Winterabend im Januar.
Auf den Straßen der Stadt lag tiefer Schnee und ein eisiger Nordwind fegte und heulte um die Giebel und Schornsteine der Häuser. Es war ein Wetter, bei welchem man, wie das Sprich— wort sagt, nicht gern einen Hund hinausjagt.
Aber die Sprichwörter werden oft Lügen gestraft.
Denn der kleine, schwarze, halbverhungerte und vor Frost zitternde Wachtelhund, der da in der Küche eines großen herrschaft— lichen Hauses in der Schillerstraße inmitten der Dienstboten stand, mit seinen braunen, treuherzigblickenden Augen Einen nach dem Andern bittend ansah, war trotz des Schnees und der Kälte hinausgejagt worden.
Marie, das junge, blonde Stubenmädchen der Frau Geheim- räthin Götting, hatte spät Abends noch einen Ausgang zu be— sorgen gehabt. Unterwegs war ihr der Hund zugelaufen und hatte sich, obwohl das Mädchen es ihm zu wehren gesucht, mit in das Haus gedrängt.
Nun stand er in der Küche, auf deren Herd noch ein lustiges
Feuer flackerte und ein Topf Wasser siedete, und bat in seiner stummen und doch so beredten Sprache:„Gebt mir einen Knochen oder eine Brodrinde und ein warmes Lager für die Nacht.“ Ach, wenn nur die Frau Geheimräthin nicht eine solche Abneigung gegen die Hunde gehabt hätte! Die Frau Geheimräthin, welche eine ebenso geistvolle, wie gebildete Frau war— wenigstens sagten das ihre Freunde— behauptete, das sei eine Art Idiosynkrasie und ihr Hausarzt, Medizinalrath Doktor Roßberg, bestätigte es.
„Marie,“ sagte der Bediente zu dem Stubenmädchen,„schaffen Sie den Hund wieder fort, ehe die Gnädige kommt. Die Geschichte kann Ihnen das Brod kosten.“
„Aber mein Gott,“ antwortete das mitleidige Mädchen,„ich kann das arme Thier doch nicht hungrig und bei der Kälte in die Nacht hinausjagen. Sehen Sie nur, wie er zittert. Da, du armer Wicht,“ und sie warf ihm ein paar Bissen Brod hin, die der Hund gierig fraß.
„Wenn Sie gegen den Kutscher, der Alles der Gnädigen wieder zuträgt, nicht darüber plappern, Fritz,“ wandte sich die dicke, gutmüthige Köchin gegen den Diener,„so erfährt kein Mensch davon. Heute Nacht schläft der Hund in der Küche, morgen früh läßt ihn Marie, wenn sie das Frühgebäck holt, auf die Straße. Aber, mein Gott,“ und sie warf einen Blick auf die in der Ecke hängende Schwarzwalder Uhr,„es ist schon um Zehn und die Gnädige noch immer nicht da. Das ist ganz gegen ihre Gewohnheit.“
„Wenn sie bei Bankier Schuhmanns ist, kommt sie immer etwas spät,“ meinte der Bediente,„der soll den besten Bur—
Zur rechten Zeit.
Eine Humoreske von Karl Wartenburg.
gunder in der ganzen Stadt haben, und Sie wissen, Sophie, den trinkt unsere Gnädige lieber, wie alles Andere.“
„Meinen Schlummerpunsch ausgenommen,“ schmunzelte die dicke Köchin, sich in die Brust werfend.
„Das ist wahr,“ gab der Bediente zu, sich mit der Zungen— spitze über die Lippen fahrend,„aber das ist auch ein Gesöff, ein Gesöff, sage ich..“
„Still,“ fiel das Stubenmädchen ein, das inzwischen den Hund mit Brod und Suppenfleisch gefüttert hatte,„ich höre einen Wagen, die Gnädige kommt, kusch, Molly,“ und sie scheuchte den Hund in einen dunklen Winkel hinter den Heerd,„aber daß Du nicht bellst, sonst drehe ich Dir den Hals um.“ Molly verstand die Drohung, denn er kroch ängstlich in den Winkel.
Gleich darauf hörte man das Läuten der Hausglocke. Der Bediente flog die Treppe hinab, das Thor zu öffnen, und Marie zündete die Kerze auf dem silbernen Leuchter an, die Gnädige in ihr Zimmer zu begleiten.
Einige Augenblicke später kam die Frau Geheimräthin die breite Treppe heraufgerauscht.
Es war eine große, stattliche Dame von vielleicht achtund— dreißig bis vierzig Jahren, von blühender Gesundheit.
War es die kalte Winterluft oder der feurige Burgunder, der ihre Wangen tief dunkelroth gefärbt hatte? Sie sah heute roth wie eine Klatschrose aus, wie das Stubenmädchen vorlaut und respektwidrig der dicken Köchin zuraunte.
„Ein Glas Punsch, Marie,“ befahl die Geheimräthin, als sie in ihr elegant und behaglich eingerichtetes Schlafzimmer ge— treten war und abgelegt hatte.„Aber recht heiß und in dem Krystallglas,“ fügte sie hinzu. Marie nickte verständnißvoll. Das Krystallglas war ein kleiner Humpen.
Die Geheimräthin setzte sich, nachdem sie ihren Schlafrock angezogen und die große Astrallampe auf dem Tisch angezündet worden, auf das Sopha und dachte über die Gespräche nach, die sie an diesem Abend gepflogen hatte.
Plötzlich hörte sie ein eigenthümliches Geräusch, dessen Ursache sie sich nicht erklären konnte, und zugleich glaubte sie eine sonder— bare Berührung an ihrem Fuß zu fühlen.
Die Geheimräthin galt für eine Dame von Aufklärung, die frei von aller weibischen Furcht war. Aber bei diesem seltsamen Geräusch und bei dieser unheimlichen Berührung sprang sie er— schrocken vom Sopha empor.
Man hatte sich heute Abend bei dem Bankier Schuhmann vom Spiritismus unterhalten. Man hatte von mediumistischen Kräften, von Materialisationen, von jenen geheimnißvollen Er⸗ scheinungen gesprochen, welche selbst Koryphäen der Wissenschaft, wie Professor Zöllner, die englischen Naturforscher Wallace,
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