1
ile, N c,
e feige
fe Ne i
eee
311.
mit der innigsten Dankbarkeit zu dem schönen, geistig bedeutenden Mann emporgeblickt. Er war immer so freundlich gegen sie ge⸗ wesen, früher schon, und auch jetzt wieder, da er sie in fremdem Hause traf, wo man sie sonst übersah, wie man eine nicht Mit⸗ zählende, Dienende, zu übersehen pflegt.— Wenn sie stumm am Theetisch ihres Amtes waltete, hatten seine Augen oft forschend auf ihr geruht und er hatte zuweilen versucht, sie in's Gespräch zu ziehen. Es war aber immer nur beim Versuch geblieben, denn Milla ließ sich nicht leicht bei Seite schieben und wußte stets einen wahren Sprühregen von Geist und Witz über ihn zu ergießen, bis er sich ihr wieder ausschließlich gewidmet hatte.
Eigentlich war es recht garstig von Milla, daß sie dem armen Bäschen das bischen Verkehr mit Richard mißgönnte, hatte doch Röschen älteres und näheres Anrecht auf seine Freundschaft als. sie, trotz Milla's Verwandtschaft mit ihm, denn Richard Burk war ja ihr Hausgenosse gewesen zu der schönen Zeit, da ihre arme Mama noch lebte. Als die Vermögensverhältnisse von Röschen's Mutter sich durch den Sturz eines Bankhauses un⸗ glücklich gestaltet hatten, trat diese, aus finanziellen Rücksichten, einige möblirte Zimmer ihrer Wohnung an den jungen Rechts— gelehrten ab, welcher in der Folge der vom Schicksal hart mit— genommenen Frau sehr nahe trat und ihr, wie ein treuer Sohn, in schwerer Zeit mit Rath und That beistand. Röschen war damals noch ein Kind gewesen, aber mit der ganzen Herzens⸗ wärme eines Kindes hatte sie für ihren Hausgenossen, für den jugendlichen Berather ihrer Mutter geschwärmt. Sie erröthete über und über, als sie an diese ihre glühende Backfischschwärmerei dachte, die dem jungen Mann wohl kaum ein Geheimniß ge— blieben war.
Und dann, dann war das Schreckliche über sie gekommen! Die Mutter war plötzlich gestorben, sie selbst in das Haus der gestrengen Tante versetzt worden, wo viel Arbeit und Plage, aber wenig Liebe ihrer wartete. Und gerade zu jener Zeit war es gewesen, als auch Richard Burk die Stadt verlassen hatte, um sich als Sekretär einer Gesandtschaft nach Japan anzuschließen. Sie wußte es heute noch, wie unsäglich weh ihr zu Muthe ge— wesen, als sie, die damals Vierzehnjährige, im knappen, schwarzen Kleidchen, zum letztenmal seine Hand gedrückt hatte in bitterm Trennungsschmerz! Ach, mit ihm ging ja der letzte Freund aus bessern Tagen von ihr und sie blieb allein zurück in frostiger, liebeleerer Umgebung.(Schluß folgt.)
Joe lätter. Der Lieblings⸗Autor.(Siehe Illustration.) Die Sonne flimmert am Firmament, Der Hofhund schläft auf der Schwelle,
Es schlummern Prior und Konvent Süß träumend in dämmriger Zelle.
Da schreiten Drei zur Bücherei, Den leidigen Schlaf zu bannen. Der Pater Kellner ist auch dabei, Belastet mit Bechern und Kannen.
Es mustert Pater Hilarius Die Bücher in Leder gebunden Und hat den Römer Ovidius Gar bald herausgefunden.
Dann liest er, was das Heidenbrevier Vom Jäger Aktäon verkündigt, Und was einst Vater Zeus als Stier Und goldener Regen gesündigt.
Die Mönche schauen vergnüglich drein, Ihr Antlitz lächelt in Falten.— Es geht doch nichts über gutes Latein; Hoch leben die klassischen Alten!
—
Eine merkwürdige Sitte. Im Devouly, einem von hohen Gebirgs⸗ zügen im Departement Dauphinse umgebenen Plateau, herrscht folgender Brauch. So oft ein Ehrengericht gehalten werden soll, wird eine feier⸗ liche Prozession angestellt. Voran schreitet ein Mann mit großem Horn, aus welchem er die widrigsten Töne hervorzubringen bemüht ist. Hinter ihm kommt, rücklings auf einem Esel sitzend, ein in einen weiten groben Mantel gehülltes Weib geritten, welches statt eines Zaumes den Schwanz des Thieres hält. Neben ihr gehen, als Spottehrenwachen, mit Maulthier⸗ halftern und vielen Schellen angethan, zwei Begleiter, um sie gegen
Rudolf Baumbach.
etwaige ihr zugedachte Beleidigungen in Schutz zu nehmen. Diese Gruppe umgiebt ein großer, lärmender, tanzender und zischender Haufe von Leuten jeglichen Alters und Geschlechtes. An gewissen Stellen hält der Zug still, der Vordermann stößt dreimal in das Horn, worauf alles schweigt, und einer der Seitenmänner von einem Zettel nachstehendes Urtheil ver— liest:„N. N., aus dem Dorfe N. N., beschuldigt und überwiesen ihren Gatten geschlagen zu haben, ist verurtheit auf dem Esel zu reiten.“ Hier⸗ auf füllt der andere Begleiter eine Schale mit Wein. Die Frau muß sie leeren und es dulden, daß ihr der Ehrenwächter mit dem Eselschwanze den Mund abwischt, welches dann stets ein lautes, gellendes Gelächter erregt. Dann wird wieder getanzt und gesungen, und der Zug rückt bis zum nächsten Ruhepunkt weiter, wo sich dasselbe Schauspiel wiederholt.— Man will behaupten, daß sich diese Sitte mit den alten Bachanalien in Verbindung bringen lasse, die aus Phocäa nach Massilia(Marseille) ge⸗ bracht worden und dann bis in die Dauphinse gedrungen sind. Trotzdem die französischen Behörden diesem eigenmächtigen rohen Urtheil entgegen⸗ treten, ist dieser aus sehr alter Zeit herrührende Brauch nicht zu beseitigen gewesen. M. I.—I.
Der königliche Stammbaum. Die Höflinge Ludwig des XV. stritten sich oft über die Reinheit ihrer Abkunft. Der König, dieser Zänkereien überdrüssig, erzählte ihnen eines Abends, daß er zu seinen Ahnen einen Notar von Bourges zähle. Die Anwesenden wagten Zweifel zu erheben; der König aber nahm ein Blatt zur Hand und las:
„Unter der Regierung König Ludwig XI. um das Jahr 1470 lebte zu Bourges ein er Notar, den man Balou nannte; sein Vater war Barbier gewesen. Von ihm selbst findet man noch in den Archiven viele Akten, die von seiner Hand geschrieben, oder wenigstens unterzeichnet sind. Balou verdiente viel Geld, er konnte seinem Sohne Philipp Balou die Würde eines Schatzmeisters von Frankreich kaufen; später wurde Philipp Haushofmeister Karl's VIII.
Philipp's Sohn, Herr von Bourdaissieure, war Großmeister der Artillerie. Seine Tochter wurde Mutter von Gabriele von Estrees, deren natürlicher Sohn, Cäsar von Vendome, 1609 die reiche Erbin von Mer⸗ cour ehelichte. Er wurde Vater von Elisabeth von Vendome, welche an Karl Amadeus von Savoyen, Herzog von Nemours, der später im Duell von der Hand seines Schwagers, des Herzogs von Beaufort fiel, vermählt wurde. Aus dieser Ehe entsprang Marie von Nemours, welche Karl Emanuel, Herzog von Savoyen, heirathete. Ihr Sohn Viktor Amadeus, Herzog von Savoyen, bestieg den Thron Sardinien's. Die Tochter dieses Fürsten, Marie Adelaide von Savoyen, wurde die Gattin Ludwig's von Burgund, dessen Sohn zu sein ich die Ehre habe. x.
Historische Erinnerung. Der Rückzug der Griechen von Babylon nach ihrer Heimath hat viel Aehnlichkeit mit dem der Franzosen im Jahre 1812 aus Rußland nach Frankreich. Die Ersteren hatten sowie die Letzteren einen gleichen Kampf mit der Natur zu bestehen. In den armenischen Gebirgen wurden sie von einem so entsetzlichen Schneegestöber befallen, daß sie darüber alle Kunde des Landes und der Wege verloren, und da sie sich überall eingeschneit befanden, mußten sie einen ganzen Tag und eine ganze Nacht ohne Nahrung zubringen. Der größte Theil ihres Viehs kam um; viele von ihnen selbst starben; welche erblindeten von dem Hagel⸗ gestöber und dem Glanze des blendenden Schnee's; andere erlahmten an Händen und Füßen; eine große Zahl verklammten und erstarrten bei vollem Bewußtsein vor Frost. M.
Die Hexenwage zu Oudewater. In der Mitte des siebzehnten Jahr⸗ hunderts folgte man in Oudewater in Holland amtlich einem Gebrauche, der an die barbarischen Zeiten erinnert und von Karl V. eingeführt worden war, um, wie man sagt, eine Menge Opfer dem Tode zu ent⸗ reißen. Man wog nämlich auf der Stadtwage die der Hexerei Ange⸗ klagten, um sich zu überzeugen, ob sie das erforderliche Gewicht eines guten Christen hätten. Die Meisten gingen selbst dahin. Man ließ sie entkleiden und eine Hebamme diente nebst den beiden Wiegern als Zeuge. Die Schöffen und der Schreiber theilten mit jenen drei Personen die sechs Gulden, welche die Gewogenen zu bezahlen hatten, und gaben diesen dafür eine Bescheinigung, daß ihre Schwere mit ihrer Größe in richtigem Verhältnisse stehe und sie nichts Teuflisches an ihrem Körper hätten Diese Bescheinigung war nicht zu theuer erkauft, denn sie errettete von dem Feuertode. Man machte dabei die Bemerkung, daß die meisten dieser angeblichen Zauberer und Hexen aus Westfalen kamen, wo dieser Aber— glaube sich noch länger aufrecht erhalten haben soll. NM.
Der Heirathsmarkt zu Suwalki in Russisch⸗Polen. Zu den inter⸗ essantesten Ueberbleibseln früherer Zeit gehört der vorbenannte Markt, welcher sich eines sehr regen und umfangreichen Besuches erfreut und jährlich zweimal stattfindet. Von weit und breit finden sich heiraths⸗ lustige Mädchen ohne besondere Scheu daselbst zusammen und erwarten den ihnen vom Schicksal bestimmten Gatten. Die Männer, welche eine Frau nehmen wollen, suchen und wählen oft lange, denn Wahl bringt Qual, bis endlich gegenseitiges Wohlgefallen eine Annäherung herbeiführt. Der Freier erscheint mit seiner Auserwählten bei den gleichfalls anwesenden Eltern der Braut, legitimirt sich, weist sein Besitzthum nach und wird fast stets acceptirt. Gegen Abend herrscht ein tolles Treiben, zahlreiche Wagen fahren, von gluͤcklichen Brautpaaren besetzt, nach Hause. Die⸗ jenigen Mädchen, welche keinen Mann gefunden, kehren nach Hause und rechnen auf eine glückliche Parthie während des nächsten Marktes. Ob⸗ gleich man meinen müßte, daß diese auf so originelle Weise zu Stande gekommenen und ohne vorherige Bekanntschaft geschlossenen Ehen nur
als ein fragliches Glück erscheinen, hört man selten von Ehescheidungen. M. I.—I.
2


