Ausgabe 
23.9.1888
 
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unendlicher Geringschätzung und Mitleiden in den vier Worten. Du, auf einem Ball, Röse? Das ist einstweilen noch nichts für Dich, denn erstens bist Du noch zu jung, zweitens kennt Dich kein Mensch und drittens

Und drittens?

Nun, drittens bist Du eben unser verwaistes Bäschen, das wir aus purer Güte bei uns aufgenommen haben und dessen eigentliches Revier Haus und Küche ist und bleiben wird! Wenn man kein Vermögen hat, Kind, bleibt man am besten hinter den Koulissen, denn man kommt doch zu keiner ordent⸗ lichen Rolle in der Welt. Ueberdies gehören Feld- und Wiesen⸗ blümchen, wie Du eines bist, ihrer Natur nach nicht in den Ballsaal!

Röschen lag auf den Knien vor ihrer schönen, stolzen Kousine und heftete die Seerosen auf das schimmernde Gewand. Sie beugte den Kopf tief herab und fuhr sich rasch über die Augen,

ehe sie ihn wieder erhob.

Bist Du endlich fertig mit den Blumen? Nun flink die Schmuckkassete, Röse! Ich nehme heute die Perlengarnitur, die mir Mama zu Weihnachten geschenkt hat, Armband, Halsband, Ohrringe, alles komplet und fein, sehr fein, nicht wahr?

Perlen bedeuten Thränen, sagte Röschen unwillkürlich vor sich hin, während sie die prächtige Halskette um Milla's Nacken legte. Diese fuhr unwillig herum.

Was faselst Du da von Thränen, kleine Unke? Thränen, ha, ha, ha, wie käme ich zu Thränen? Heute will ich lachen und nichts als lachen, und morgen erst recht! O, sie sollen mich alle beneiden um mein Glück, sie alle, die die Achseln zuckten, weil Milla Almens ein paar Jährchen über die Zwanzig hinaus gekommen ist, ehe sie sich verlobte!

Wirst Du Dich denn verloben, Milla?

Freilich, Röse, und zwar diesen Abend noch! Heute wird und muß er sich erklären; warum hätte er denn sonst so geheimnißvoll anfragen lassen, ob wir auch sicher den heutigen Ball besuchen würden? 5

Wer denn, Milla? fragte Röschen, die eben an der Taillen garnitur der eleganten Kousine noch etwas feststeckte.

Wer? Und Du fragst wirklich noch, kleine Unschuld? Ei, da hätte ich Dir mehrMerks zugetraut, Du mußt doch wahr⸗ genommen haben, daß und wie mir mein Vetter, Richard Burk, seit er von seinen Reisen zurück ist, den Hof macht! Au, au, dummes Ding, wie unsäglich linkisch Du doch heute bist! Du hast mich nicht übel gestochen, Röse!

O entschuldige, liebe Milla, die Stecknadel muß mir ein wenig ausgeglitten sein; ich habe so nervöse Finger heute!

Ja, wahrhaftig, ich habe sie tüchtig zu spüren bekommen, Deine einfältigen, nervösen Finger, ein wahres Glück, daß ich ihnen endlich entrinnen kann! Reiche mir doch das Schmink töpfchen und die Puderquaste noch einmal her; ich habe da zwei so harte Linien über der Nasenwurzel, es könnte sie am Ende jemand für Runzeln ansehen! So, und nun lauf einmal r zu Mama und sieh, ob Du dort noch etwas helfen annst!

Ist meine Tochter fertig, Röse? fragte die Tante, als das junge Mädchen bei ihr eintrat.

Ja Tante, fix und fertig!

Und sieht hoffentlich gut aus?

Die Robe sieht wundervoll aus, Tante.

Sie ist auch theuer genug; die Modistin hat eine haar sträubende Rechnung beigelegt. Nun, wir haben's ja gottlob, und da der heutige Abend sehr wahrscheinlich zu Ludmilla's Verlobungsfest wird, so will ich's gern an sie gewendet haben. Nimm den Pelzmantel mit hinüber, Röse, und gieb mir die e um, wir dürfen meine Tochter nicht warten assen!

Die geschmückte Ballmutter raffte ihre Schleppe zusammen und schritt, erhobenen Hauptes, Röschen voran über den Korridor.

Ah, ah, sagte die Mama bewundernd, als Milla ihr in vollem Staat entgegentrat,ah, süperb, wirklich süperb, ma chère!

Sie ging vorsichtig, wie eine Katze um den heißen Brei, rings um ihre Tochter herum und zupfte mit spitzen Fingern hier und dort noch etwas an ihr zurecht.Deliziös, Du wirst Furore

machen, chere enfant, sagte sie mit mütterlicher Genugthuung, indem sie ein paar Schritte zurücktrat und durch ihre Lorgnette den Effekt des Ganzen prüfte. f

Der Wagen ist da! schnarrte es mitten in die Inspektion hinein, und der Kopf der Köchin tauchte für einen Moment unter der Thüre auf, um eben so rasch wieder zu verschwinden.

Die unausstehliche, grobe Person! schalt die Ballmama ungnädig,wenn sie keine so gute Köchin wäre, die hätte längst ihren Laufpaß!

Damit nachher wieder die frühere Völkerwanderung in der Küche begänne? Bah, Mama, ärgere Dich doch nicht über das einfältige Geschöpf, sondern mache, daß wir fortkommen! Mir brennt der Boden unter den Füßen, der arme Richard wird sich die Augen nach mir ausseh'n!

Du hast Recht, Kind, gieb mir den Pelzmantel lose über, Röse, aber ganz lose! Meinen Sortie de bal, bitte, Röse! Roöse, mein Taschentuch und mein Flacon, drüben im Schlaf⸗ zimmer auf der Console!

Röschen flog davon und brachte die Sachen.

Und meine Kapuze? Wo ist denn meine Kapuze? Die lag ja dicht daneben! Schnell, Röse, wer keinen Kopf hat, muß seine Füße eben doppelt brauchen!

Knöpfe mir die Handschuhe ein, Röse! Röse, meinen Fächer! Mein Bouquet, Röse! Röse, Röse, Röse! So, und nun gute Nacht, sieh überall nach dem Rechten, Röse, nicht wahr? f

Ja, Tante!

Und räume mir meine Sachen hübsch zusammen!

Gern, Milla!

Und sorge dafür, daß wir gut durchwärmte Betten vorfinden, wenn wir heimkommen.

Ja wohl, Tante!

Und daß Du mir meinen Schmuck gehörig einschließest, ich mache Dich verantwortlich dafür!

Gewiß, Milla! Soll ich mit herunterkommen und beim Einsteigen helsen, Tante?

Das kann Trine besorgen; schelle einmal nach Trine, Röse! Hast Du auch Alles, Millchen? Schön, so geh'n wir denn also!

Gute Unterhaltung, Tante, recht viel Vergnügen, Milla!

Danke, Röse!

Die Tante drehte den Kopf noch einmal zurück.Deine Zeit kommt wohl auch noch, Röschen, sagte sie mit einer seltenen Anwandlung von Mitleid und Güte,wenn Milla erst am Ziel ihrer Wünsche ist, so nehme ich Dich vielleicht auch einmal mit auf einen Ball! Adieu denn, und lösche überall pünktlich aus und lege Dich zeitig zu Bett, hörst Du! 0 a

Ja, Tante, gute Nacht!

Sie gingen davon. Röschen stand mit schlaff herabhängenden Armen in Milla's hellerleuchtetem Zimmer und lauschte, bis das letzte Geräusch des enteilenden Wagens verhallt war. Dann flogen ihre Blicke über das grenzenlose Chaos, das sie umgab; es war, als besinne sie sich darüber, wo sie am besten zuerst an⸗ greifen möchte. Aber sie besann sich nicht und sie griff auch nicht an, sondern ließ sich schwer in Milla's weichen Lehnsessel niederfallen, sie war so müde, so müde!

Da saß sie und sann vor sich hin. Was hatte doch Milla vorhin gesagt? Nein, sie hatte in der That keinenMerks gehabt, der Gedanke, daß Doktor Richard Burk der stolzen Milla ernstlich den Hof mache, daß er die Absicht habe, sich mit ihr zu verloben, heute, auf dem Balle zu verloben, war ihr ganz neu, ganz überraschend, so überraschend, daß es ihr wie ein körperlicher Schmerz durch Herz und Glieder gefahren war. Ludmilla Almens Doktor Burk, Doktor Burk Ludmilla Almens, sie sagte es mehrmals laut vor sich hin, um sich die Thatsache fest einzuprägen und dabei hob sich ihre junge Brust in raschen Athemzügen, ihr Kopf sank tief herab, und endlich lun sie die Hände vor das erregte Gesichtchen und schluchzte aut auf.

Warum weinte sie denn? Sie hatte sich doch mit keinem Ge⸗ danken bis zu Richard Burk verstiegen, hatte sich in Bezug auf ihn keinerlei Illusionen gemacht. Aber sie hatte von an mit so grenzenloser Verehrung und Bewunderung, und zug