Ausgabe 
23.9.1888
 
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Beilage

zu den

Ourrhessischen Nachrichten.

Ur. 39. Gießen, den 23. September.

Sanft wie die Tauben. Erzählung von Leonore Werth. (Fortsetzung.)

M.

Mit gesenktem Köpfchen saß das Töchterlein des Lindenwirthes am Fenster ihres zierlichen Salons und hing ihren Gedanken nach. Das hübsche Mädchen fühlte sich gedemüthigt und gekränkt, obwohl keiner ihr ein hartes Wort gesagt hatte; doch hatten die tadelnden Mienen der Andern beredter gesprochen, als Worte dies vermocht hätten. Wer sie am meisten verletzt hatte, war Gisbert selbst gewesen, der ihr gegenüber einen gutmüthig be⸗ lehrenden Ton angenommen, und das bereits angeregte Stunden⸗ nehmen nun auch noch auf weitere Fächer auszudehnen wünschte, als wie nur auf die Musik. Ein bitteres Lächeln zuckte um den kleinen Mund; als seine zukünftige Gattin hatte sie nach X. zu kommen geglaubt, nicht als ein Schulmädchen, das es sich gefallen lassen muß, von allen Seiten korrigirt zu werden. Dabei war sie klug und unbefangen genug, um einzusehen, daß sie nicht auf derselben Bildungsstufe stehe, wie zum Beispiel Gisberts Schwestern. Sie fühlte selbst, daß ihr noch manches fehle, um mit der sichern Eleganz auftreten zu können, wie diese jungen Damen; doch zweifelte sie nicht, daß sie sich dies im Verkehr mit der vornehmen Welt gewiß rasch werde aneignen können. Hatte doch Gisbert ehemals ihren natürlichen Takt, ihre Anmuth, ihr munteres Geplauder nicht genug zu rühmen

gewußt! Und jetzt wollte er sie wohl noch einmal auf die Schul

bank zwingen,um die eine oder andere Wissenslücke auszufüllen, wie er lächelnd bemerkt hatte.

O, wie Käthens ganzer Stolz sich aufbäumte, wenn sie an dies leise Lächeln und zugleich an den höhnischen Blick dachte, welchen Edith ihr darauf zugeworfen! Der Trotz in ihr wallte auf, und ein plötzliches Heimweh nach dem Vater, der sie seinen Stolz und seinen Augentrost genannt, nach dem treuen Freunde, dem sie immer recht gewesen so wie sie war, drängte ihr die Thränen in die Augen. Aber sie wollte nicht weinen, nein, sie wollte ihnen heute noch zeigen, daß sie sein könnte wie die andern Damen auch mit heftiger Bewegung warf sie den dunkeln Lockenkopf in den Nacken, so daß das im Zimmer be schäftigte Stubenmädchen, dem ihre Bedienung oblag, und mit welchem sie sich aus innerstem Herzensbedürfnisse wohl gerne auf ein Plauderstündchen einließ, fragend nach ihr hinsah.

Fräulein haben sich gestern Abend wohl nicht gut unter⸗ halten? fragte das an stete Beobachtungen gewöhnte Mädchen theilnehmend.Fräulein sieht heute Morgen garnicht so gut aus wie sonst. Schade um die schönen, frischen Farben!

Ach, das hat nicht viel zu sagen und wird auch schon wieder vorübergehen, gab Käthe mit einem leisen Seufzer zur Ant⸗ wortich habe mich gestern Abend allerdings nicht besonders

amüsirt, aber sehr, sehr schön war es doch im Theater. Sagen Sie doch, Lina, waren Sie auch schon einmal dort? wandte sie sich mit erwachendem Interesse an das Mädchen.

O, das will ich meinen, letzten Winter bin ich fast jeden Sonntag Abend dort gewesen mit meinem Schatz der ist nämlich hier bei den Dragonern, fuhr Lina redselig fort. Mein Wilhelm ist Bursch bei dem Herrn Leutnant von Minkwitz, der unserm Fräulein so die Kur macht. O, und was der, ich mein' mein Wilhelm, es gut hat bei sein'm gnäd'gen Herrn Leutnant! Garnicht ein bischen bös is er, und so ein frei gebiger Herr! Mit dem wird das Fräulein Edith auch nicht übel fahren! Und wenn der Wilhelm vom Militär frei kommt, über nimmt er sein'm alten Vater sei' Wirthschaft und dann machen wir Hochzeit, denn ich hab' nun auch'nen netten Stüber zu⸗ sammengespart in den vier Jahren, die ich nun schon hier im Haus bin.

Lina hatte ihrer Zunge ungehindert die Zügel schießen lassen und in ihrem Jargon geplaudert, etwas das sie ihren jungen Damen gegenüber nie gewagt haben würde, was sie jedoch glaubte, sich hier erlauben zu dürfen. g

Käthe hatte der Vertraulichkeit denn auch nicht weiter acht; ihr war bei Erwähnung des Leutnants helle Gluth in's Gesicht gestiegen, und wie das Mädchen nun schwieg, fragte sie plötzlich und unvermittelt:

Wenn Sie so oft in's Theater gehen, Lina, dann kennen Sie gewiß auch die Herrn Klassiker, und können mir sagen, was es für eine Bewandtniß hat mit ihnen, und ob die hier so sehr berühmt sind, daß alle Welt sie kennen muß?

Klassiker eh nein, den Namen kenne ich garnicht Sie meinen vielleicht Klassens das ist ein Schauspieler hier, der immer die lustigen Rollen spielt, man muß schon immer lachen, wenn er nur auf die Bühne kommt, so komisch sieht er aus.

Lachen dann ist das wohl erlaubt meinte Käthe, die Lippe trotzig aufwerfend,sagen Sie, Lina, ist es etwas sehr Arges, wenn man im Theater einmal weint?

Was Arges? J nun, gnäd'ges Fräulein, was Sie aber auch allerlei fragen! Warum soll man denn nicht weinen dürfen, wenn einem schon danach zu Muthe ist? Vor vierzehn Tagen noch, da wurde mal so was Schönes, Rührendes gespielt na, ich weiß nicht mehr wie es hieß, aberer sollte todt geschossen werden undsie raufte sich das Haar aus und jammerte, daß es einen Stein hätte erbarmen sollen; auf dem ganzen Olymp hatte alles die Taschentücher an den Augen. War es denn gestern auch so sehr traurig?

O, so schrecklich traurig! seufzte Käthe noch in der Rück⸗

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