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det Irma vor dem großen Spiegel, in welchem sie ihren ge⸗ wählten Anzug mustert und einige widerspänstige Löckchen ihres vielbewunderten Haares zierlich zurechtlegt.
„Da bin ich!“ wendet diese sich lachend um und streckt ihrer zukünftigen Schwägerin die mit perlgrauem Handschuh bekleidete Rechte entgegen.„Beinahe wäre ich heut zu Hause geblieben, denn Wallheims kamen ganz unerwartet und brachten ihren Curt mit, den die Husarenuniform entzückend kleidet. Außerdem führ⸗ ten sie uns einen Neffen vor, der, braun wie ein Hindu, gestern aus Indien eingetroffen ist. Sehr interessanter Mensch, sage ich Dir,— hübsch, unvernünftig reich und auf der Suche nach einer deutschen Jungfrau, um derselben sein Herz und seine Brillanten zu Füßen zu legen.— Aber sage mir, Helene, was bedeutet denn wieder Deine wahrhaft tragikomische Kassandra-Miene?— Udo geht es doch besser?— Ich glaube, Du opferst Dich! Ich an Deiner Stelle würde mich durch die Wärterinnen häufiger vertreten lassen.— Nun, nun, runzle nicht die Stirn! Ich weiß, was Du sagen willst:„Die Pflicht!“— Abscheuliches Wort, das sich wie ein kalter Ring um das warme Menschen— herz legt.— Aber Du mußt mich loben. Auch ich kenne die Pflicht!— Du schüttelst den Kopf?— Na, höre, Du erzürnst mich!— Wäre ich hier, wenn ich ihr nicht ebenso folgte, wie Du?“
„Irma, laß den Scherz!“ entgegnete Helene mit vorwurfs⸗ voller Miene.„Du weißt, weshalb ich zu Dir schickte; Udo ist bereit, Dich zu sehen. Ich bitte Dich, Kind, sei vorsichtig und versuche Dich zu beherrschen;— vergiß nicht, wie schwach er noch ist und wie schädlich Aufregungen ihm werden können.“
„Kommst Du denn nicht mit, Helene?— Weißt Du,— ich fürchte mich fast vor diesem Wiedersehen! Kranke sind häufig so sentimental und langweilig, und ich fühle mich sremd und beengt, wenn ich mich solcher Stimmung anpassen soll.— Sei gut, Helene,— begleite mich!“
Diese blickt fast erschrocken auf die Sprecherin. Bittere Worte drängen sich zu ihren Lippen, aber sie unterdrückt den Unmuth.
„Nein, Irma,“ spricht sie mit ernstem Kopfschütteln,„dies⸗ mal mußt Du allein gehen! Sehnsüchtig hat Udo Deiner An— kunft entgegengeharrt, denn es ist ihm nicht leicht geworden, sechs Wochen auf Deine Gesellschaft zu verzichten. Heute endlich die erste Begegnung nach so langer Zeit— Du siehst ein, daß meine Anwesenheit dabei überflüssig und störend sein würde.“
Irma zuckt die Achseln.„Uebertriebene Rücksicht,“ denkt sie und geht.
Bald steht sie in dem verdunkelten Raum, und ihre an das Sonnenlicht gewöhnten Augen blicken suchend umher. Da be— wegt sich etwas;— sie schrickt zusammen.
„Irma, meine einzig geliebte Irma, komm her zu mir; laß' mich in Deine Augen sehen, laß' mich Deine Hand küssen und Dir danken für Deine Liebe und Treue!“
Jetzt erst sieht sie das Lager hinter dem Schirm und die Gestalt, die sich aus den Kissen aufrichtet und ihr die Arme sehnsüchtig entgegenstreckt.
Einen Augenblick packen sie Mitleid und Rührung;— Thränen treten in ihre Augen und das Schuldgefühl versäumter Liebespflicht treibt sie, sich neben dem Ruhebett niederzuwerfen und reumüthig das Haupt an der treuen Brust des Geliebten zu bergen.— Da fällt ihr Blick auf sein hageres Gesicht, dessen Blässe die schwarze Binde über der Stirn und der dunkelgelockte Vollbart noch gespenstiger erscheinen lassen,— ihr Schritt stockt, — sie schaudert zurück und nähert sich zögernd dem Harrenden, mit scheuer Miene nach den Narben forschend, von denen Helene ihr erzählt.
Sie fühlt, daß sie etdas sagen müsse,— aber die Worte, welche sie spricht und welche den Kummer über sein Unglück und die Freude über seine Genesung ausdrücken sollen, klingen ihr
und ihm ihre Hand, welche sie zu kühler Begrüßung gereicht, stumm und willenlos überläßt. Zärtlich ruht Graf Udo's Auge auf dem schönen Mädchen. „Wie habe ich mich nach Dir gesehnt,“ spricht er mit weicher Stimme,„wie schwer fiel es mir, Dich so lange entbehren zu 1 Was bedeuten körperliche Leiden, verglichen mit dem
Lebens stürzen wird, sie soll, an einen mißvergnügten, eifersüch⸗
selbst so nichtssagend und gefühllos, daß sie verlegen abbricht
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55 Seelenschmerz, der mich in den langen Tagen und in den noch längeren Nächten folterte, wenn ich an Dich und Deine Schön⸗ heit dachte und mir dagegen ausmalte, wie mich meine Wunden N entstellen würden. Bald fürchtete ich, Deine Liebe zu verlieren, bald quälte ich mich mit Vorwürfen über mein grundloses Miß. trauen.— Jetzt aber ist Alles gut;— mein Lieb ist wieder bei mir und vergiebt, bald verlasse ich das Bett, flüchte mit Dir in einen entlegenen, sonnigen Erdenwinkel und vergesse in stillem Glück an Deiner Seite die vergangenen Leiden.— Du blickst zu Boden?— O, wende Dich nicht von mir, sieh mir in's Auge und sage mir, ob Du mich noch lieb hast, ebenso lieb wie früher in den unvergeßlichen Tagen, als unsere Herzen sich fanden?!“ „Udo, warum erregst Du Dich so?“ spricht Irma mit zucken? den Lippen;„Helene sagt, jede Aufregung könne Dir schaden!( — Sei hübsch artig,“ fügt sie mit dem Versuch eines Lächelns hinzu,„ich setze mich zu Dir und plaudere mit Dir von etwas Anderem.“ f Graf Warren's Blick hängt erschrocken an ihrem Munde. Eine kurze bange Pause, dann drückt er krampfhaft ihre Hand. „Du willst mir ausweichen, Irma! Habe ich denn wirklich Deine Liebe verloren?“ Sie schüttelt unwillig das Haupt. g „Doch, doch, Irma; ich fühle es!— Aber sage mir den Grund; was habe ich gethan, Deine Zuneigung zu verschersen? — Du schweigst?— Irma, habe ich das verdient?— Bin ich denn nicht derselbe geblieben, der ich früher gewesen? Bin ich nicht noch stark genug, Dich auf Händen zu tragen und sicher durch's Leben zu führen?— Oder sollte wirklich das Undenk⸗ bare zutreffen,— sollte mein Aeußeres Dich abstoßen,— sollte Deine Liebe nur meiner verlorenen Schönheit gegolten haben?“ Irma hat sich in einen Sessel geworfen und schluchzend das Gesicht in die Polster gedrückt. 1 Sorglos war sie heute hierher gekommen. Um ÜUdo's Aus⸗ sehen hatte sie am wenigsten gebangt. Hatte denn nicht ihr Vetter Egon aus seiner Burschenzeit Stirn und Wangen voller Narben, welche jetzt den flotten Assessor nicht übel kleiden und seinem männlichen Gesicht einen höchst interessanten Reiz ver⸗ leihen?— Gerade so hatte sie sich auch Udo gedacht.— Und nun?— Dort der bleiche, gebrochene, entstellte Mann soll ihr Verlobter sein, und sie— die bewunderte Schönheit— soll ihn Zeit ihres Lebens als Gatten neben sich sehen?— Schon sieht sie die mitleidigen Blicke der Herren, schon hört sie das hämische 0 Geflüster der Damen über das ungleiche Paar,— da fällt ihr 1 ein, daß auch Udo Aehnliches empfinden, daß er die Welt fliehen und sich mit ihr in die Einsamkeit des Landlebens vergraben wird. Hat er nicht soeben davon gesprochen?— Ihre Gedanken wirbeln.— Sie, die mit allen Fiebern ihres Seins an den Vergnügungen der Großstadt hängt, die kaum die Zeit erwarten kann, in der sie sich mit entfesselter Lust in den Strudel des
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tigen Gatten gekettet, ihr Dasein in trostloser Langeweile ver⸗ trauern?— Nein, nie!
„Irma! Willst Tu mir kein einziges liebes Wort heute sagen?“
Sie fährt empor und wirft einen ängstlichen Blick zu ihm hinüber.
„Udo, quäle mich nicht! Du weißt nicht, wie sehr Du Dich verändert hast; ich muß mich erst an Deinen Anblick gewöhnen. — Zürne mir nicht, aber laß mich jetzt gehen! Ich will ja morgen wiederkommen und, wenn ich ruhiger bin, alle Deine Fragen beantworten.“
Sie hat sich erhoben. Auf ihren Wangen befinden sich noch die Spuren der letzten Thränen, aber die Regung des Schmerzes und des Mitleids ist kalter Entschlossenheit gewichen. Sie hat nur noch einen Gedanken:„fort aus dieser bedrückenden Atmo⸗ sphäre, hinweg aus dem Bannkreis der vorwurfsvoll forschen⸗ den Blicke dieses Mannes, den sie nicht mehr zu lieben im Stande ist.“——
„Ich ahnte, daß es so kommen würde!“ seufzt Udo.„Ich Thor wähnte mich geliebt, weil ich selbst liebte, treu und ehr⸗ lich, mit der ganzen Kraft meines Herzens.— So sei es denn!
— Es wäre ein Unrecht, Dich an Dein Versprechen zu 1 8 das Du einst in ganz anderer Erwartung gegeben hast;— ich!
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