Ausgabe 
22.1.1888
 
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eine Ewigkeit verlassen, und bahnte mir stumm einen Weg

Ergeben Sie sich! rief ich zum dritten Mal. Nimmermehr! Mit einer Bewegung wilden Trotzes schüttelte durch die tanzenden Paare. er das Haar in den Nacken.Laß mich los, Geliebte, bat er Bei meinem Anblick wich Alles entsetzt auseinander.Um

in krampfhafter Hast, Wladislava's Hände lösend, die in Todes angst seinen Nacken umklammert hielt.Dort er wies nach dem Flussewinkt mir noch Rettung oder ein freier Tod! Noch diesen letzten Kuß Du siehst mich nie oder nur als freien Sohn des befreiten Vaterlandes wieder!

Ich setzte die Pfeife nochmals an die Lippen. Ein Signal antwortete mir, diesmal aus unmittelbarer Nähe, und da blitzten auch schon Helme und Waffen durch das Dunkel.

Jetzt gilt's, es ist die höchste Zeit! Wladislava laß mich oder ich bin verloren! rief der Pole verzweifelt.

Nicht ohne mich, mein Romau! klang es da mit der Be⸗ geisterung todtgetreuer Liebe von Wladislava's Lippen.Dein Weib verläßt Dich nicht lebend oder sterbend wir bleiben zusammen!

Wladislava! Jauchzend rief der Flüchtling ihren Namen. Nun willkommen, Tod! Er riß sie in seine Arme, Brust an Brust stürzten sie, nicht achtend eines drohenden Haltrufs, an mir vorüber, der ich kraftlos die erhobene Waffe sinken ließ jede Kugel, die nach seinem Leben zielte, hätte ja zugleich auch sie durchbohrt.

Soldaten heran, hierher! verlegt ihnen den Weg! schrie ich mit Aufgebot aller Kraft der jetzt im Laufschritt heranstür⸗ menden Truppe zu. Zu spät schon knackten, von dem Polen mit starken Armen getheilt, die Büsche am Ufer. Noch einmal sah ich Wladislava's weißen Mantel silbern hindurchschimmern, dann stürzten sie sich hinab in todesmuthigem Sprunge.

Hoch Polen und die Freiheit! klang es durch den heulen⸗ den Sturm.

Eine knatternde Salve gab die Antwort. Ich wollte, von wilder Angst durchzuckt, Halt gebieten, aber das eiserne Pflicht⸗ gebot schloß mir die Lippen. Ich durfte ja den Soldaten nicht wehren lebend oder todt sollten wir den Rebellen in unsere Gewalt bringen, so lautete die Ordre.

Wie gelähmt starrte ich hinab in den fluthenden Graus, macht⸗ und willenlos gegenüber dem Verhängniß, das mir mein Liebstes vor meinen Augen entriß. Brennender Neid erfüllte mein Herz gegen den Mann, der da unten mit seiner theuern Last den fast hoffnungslosen Kampf gegen die wilden Wasser kämpfte mußte er auch sterben, so starb er doch vereint mit ihr, die ohne Schwanken und Zagen ihm gefolgt war in den sichern Tod, vor dem nur ein Wunder sie retten konnte, und während eifersüchtiger Haß meine Brust durchglühte, sehnte ich doch mit jeder Fiber dieses Wunder herbei.

Da eine gewaltige Woge hob eben die beiden Eng umschlungenen auf ihrem Rücken hoch empor und zeigte mir noch einmal die Heißgeliebte mit den magisch aus dem dunklen Haar hervorleuchtenden Blüthensternen. Aber weh, sie zeigte den Soldaten zugleich ihr Ziel: eine neue Salve krachte und sandte einen Hagel von Geschossen auf den Flüchtling hinab, der mit dem linken Arm mühsam sein Weib über Wasser hielt, während er mit dem rechten die Fluthen theilte. Plötzlich sank derselbe schlaff herab, eine der zahlreichen Kugeln schien getroffen zu haben. In gleichen Augenblick rollte wieder eine mächtige Woge heran. Sie wälzte sich brausend hinweg über das un⸗ selige Paar, das in ihrem Strudel verschwand, um nicht wieder aufzutauchen. Der Flußgott hatte zwei heißen, stolzen Herzen gewährt, was sie in seinem Schooße gesucht ein freies, ge meinsames Grab.

Von dem, was weiter in jener Nacht geschah, habe ich nur eine dämmernde, undeutliche Erinnerung.

Ich glaube, ich wollte mich den Verunglückten nachstürzen und bin von den Soldaten gewaltsam zurückgehalten worden. Wie ein Schlafwandelnder kehrte ich mit deuselben dann zum Schlosse zurück, mechauisch den Befehl zur Besetzung desselben ertheilend. Mein Aussehen dabei mag wohl befremdlich gewesen sein, denn ich fühlte dunkel, wie sie mich heimlich mit scheuen Blicken betrachteten.

Wie im Traum betrat ich dann den hellerleuchteten Tanz saal, den ich vor kaum einer halben Stunde mir schien es

Gott, Herr Kamerad, Sie sehen ja aus wie ein Gespenst! hörte ich einen der Offiziere rufen. Ohne darauf zu achten, schritt ich weiter bis zu jenem Kabinet, wo mein Chef und Graf Szariszow miteinander plaudernd saßen. Wie im Traum stand ich endlich den beiden Herren gegenüber, durch die schwarzen Nebel, die vor meinen Augen wogten, hindurch undeutlich wahr nehmend, wie der Graf sich heftig entfärbte.

Mit schwerer Zunge vermochte ich noch eben meinen erschüttern den Rapport zu erstatten, dann brach ich zum ersten Mal in meinem Leben ohnmächtig zusammen.

(Schluß folgt.)

Lose Blätter. 5

Ein beabsichtigtes Duell zwischen Fürsten des siebzehnten Jahrhunderts. Im Jahre 1611 forderte König Karl IX. von Schweden den König ene IV. von Dänemark in folgendem Schreiben zu einem Due heraus:

Du hast nicht als ehrlicher und christlicher König gehandelt. Du hast den Stettiner Frieden gebrochen, Blutvergießen veranlaßt und Kalmar durch Verrätherei eingenommen. Gott wird Dich strafen. Da keine andere Mittel helfen, so biete ich Dir einen Zweikampf an, nach der alten Gothen löblichem Brauch. Du kannst zwei von Deinem Adel mitnehmen, rittermäßige Leute. Ich will Dir ohne Küraß und Harnisch begegnen, blos mit der Sturmhaube auf dem Kopfe und dem Degen in der Hand. Wenn Du Dich nicht auf dem Platze einfindest, so halte ich Dich nicht für einen ehrlichen König, noch für einen Kriegsmaun.

Risby, den 11. August 1611. Ga

Die Antwort auf diesen Brief lautet folgendermaßen:

Dein leichtfertiger und unbescheidener Brief ist uns durch einen Trompeter geworden. Wir merken, daß die Hundstage in Dein Gehirn wirken. Was Du sagst, daß wir den Stettiner Frieden gebrochen, das lügst Du wie ein machtloser Hund, der sich mit Bellen wehren will. Du sollst einmal vor Gott Rechenschaft geben, sowohl für diesen Krieg, als für alles unschuldig vergossene Blut, und für die Tyrannei, die Du an Deinen eigenen Unterthanen verübt hast. Daß wir Kalmar, wie Du vorgiebst, mit Verrätherei genommen, ist auch nicht wahr. Wir haben es als ein ehrlicher Kriegsmann genommen. Du mußt Dich schämen, daß Du es Dir vor der Nase hast wegnehmen lassen. Was den Zweikampf anbetrifft, so bist Du schon von Gott geschlagen. Ein warmer Ofen wäre Dir dienlicher, und ein Arzt, der Dir den Kopf in Ordnung setzen könnte. Du solltest Dich schämen, Du alter Geck, einen ehrlichen Meuschen so anzugreifen, was Du gewiß von alten Weibern gelernt hast, die sich mit dem Munde vertheidigen.

Kalmar, den 14. August 1611. Christian.

Es scheint, als habe sich der König von Schweden bei diesem Be scheide seines Herrn Bruders beruhigt, denn die Geschichte hat von einem zwischen den Herrschern der beiden nordischen N in Person ausgefochtenen Zweikampfe nichts zu melden. 1 5

Was nützt mich der Mantel, wenn er nicht gerollt ist? Dieses ge⸗ flügelte Wort vom Kasernenhofe hat wohl Vielen, die es aussprechen hörten oder selbst aussprachen, ein Lächeln abgewonnen; meinem Vetter E. ist aber in der Schlacht von Beaumont vom 30. August 1870 durch den gerollten Mantel das Leben gerettet worden. E. erhielt, als das J. Armeekorps die Divisionen de Failly's aus dem Gehölz von Givodeau warf, einen Schuß in den linken Theil der Brust, der unter den Trag⸗ riemen des Tornisters zu liegen kommt. Die Kugel hatte aber, da sie den Weg durch den gerollten Mautel und den Tragriemen nehmen mußte, an Kraft verloren und schlug nur oberflächlich in das Rippen fleisch ein, ohne die Rippen selbst zu treffen. Ja sie war, als sie später entfernt wurde, dem Gesetze der Schwere folgend, ein Stück zwischen Haut und Fleisch abwärts geglitten. Vetter E. durfte nun als Leicht⸗ verwundeter auf einige Wochen nach seiner deutschen Heimath reisen. Hier zeigte er den aufgerollten Mantel, der nicht weniger als sechzehn Löcher durch die Kugel erhalten hatte, seinen Freunden und.

Auf mehr als fünf Milliarden Francs oder vier Milliarden Mark. wird der Gesammtverlust veranschlagt, den Frankreich durch die Ver wüstungen der Reblaus in seinen Weinbergen erfahren hat. Treffen auch diese Verluste den Staat nur insofern, als dadurch die Steuerkraft eines ganzen Dritttheils von Fraukreich auf lange Zeit hinaus entsprechend zurückgegangen ist, so schädigen sie aber in ganz einpfindlicher Weise den Volkswohlstand. Es werden noch Jahre vergehen, ehe die Weinerzeu gung Frankreichs wieder eine Höhe erreicht, die sie vor dem Auftreten der Reblaus erstieg. 2

Ein neuer Dichter. Bei Beginn der Theatersaison wird in einem Theekränzchen von den aufzuführenden Stücken und den betreffenden Dichtern gesprochen.Von wem, fragt eine junge Blondine,sind Die lustigen Weiber?Von Windsor! antwortet schlagfertig, wie immer, die Präsidentin des Kränzchens. 2

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