Ausgabe 
22.1.1888
 
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zu liegen, wie über eine ihr widerfahrene Beleidigung. Er fühlte sich dadurch bedrückt, beschämt und wollte unwillkürlich die Augen niederschlagen, allein er konnte sie nicht von der Er⸗ scheinung abziehen, bis dieselbe langsam sich immer dichter in Nebel hüllte und endlich ganz verschwand.

Maxim erwachte aus seiner Betäubung. Er war eine ehr liche gerade Natur und das eben, wenn auch nur im Traum empfundene Schuldbewußtsein machte einen lebhaften Eindruck auf ihn. Er hielt sich dadurch für überwiesen eines begangenen Unrechts und beschloß, Wera künftig kräftiger in Schutz zu nehmen. f

Karpow hatte den Freund still beobachtet und es für das Beste gehalten, ihn nicht zu stören, bevor er die augenscheinliche Uebermüdung selbst überwunden haben würde. Er saß schweigend am Schreibtisch und blätterte in einem Buch.

Durch eine Bewegung Maxim's aufmerksam gemacht, wandte er sich um, und sah ihn sich langsam aufrichten und verwundert umschauen.

Genug, Freund, sagte Karpow im ruhigen Tone,Du bist sehr ermüdet und bedarfst dringend der Ruhe. Ich gehe jetzt und nehme Abschied von Dir auf einige Zeit, da ich ver reise?

Wie? Du willst verreisen? rief Maxim überrascht.So plötzlich? Im Dienst?

Ja, im Dienste des Vaterlandes, erwiderte Karpow, mit, eigenthümlicher Betonung.Lebe wohl!

(Fortsetzung folgt.)

Das Oraßel der Sulvesternacht.

Erzählung von A. Brüning. (Fortsetzung)

Das Brausen der Wasser belehrte mich bald über die Rich tung, die ich einzuschlagen hatte. Es kam näher und näher, während ich, mit Mühe gegen die Gewalt des Sturmes an kämpfend, so schnell als möglich vorwärts eilte, jeden Augen blick in Gefahr, zu Boden geschleudert zu werden. Himmel! wie mochte das zarte Geschöpf, das soeben vor mir diesen Weg zurückgelegt, sich gegen die Wuth des empörten Elementes haben behaupten können! Die Unselige hatte jetzt wohl schon das Ufer erreicht lag vielleicht schon an der Brust jenes toll kühnen Mannes, wenn die Wellen ihn wirklich auf ihrem Rücken hinübergetragen!..... Der Gedanke beflügelte meine Schritte. Endlich war ich am Ufer angelangt, und dort, etwa fünfzig Schritte weiter hinauf, zeichneten auch die drei Pappeln ihre dunklen Silhouetten gegen den von der gerade aus dem Gewölk hervortretenden Mondsichel schwach beleuchteten Himmel. In seinem trüben Dämmerschein sah ich zugleich die Umrisse einer weißen, am Boden knienden Gestalt Wladislava sie war also noch allein, ihr Haupt, von dem der Sturm die Hülle heruntergestreift, lehnte wie in Ohnmacht gegen den Stamm des vordersten Baumes.

Alles vergessend, wollte ich vorwärts stürzen; aber ich be sann mich noch rechtzeitig und schlich, vorsichtig den Schatten des dichten Ufergebüsches benutzend, bis nahe an die Pappel gruppe heran.

Horch, da klang wieder, wie vorhin, jener gedämpfte, dem Schrei eines Wasservogels täuschend nachgeahmte Laut, diesmal in unmittelbarer Nähe. Er brachte allsogleich Leben in die weiße Gestalt: wie elektrisirt zuckte sie empor. Zugleich ver nahm ich deutlich das Schnauben und Keuchen eines wie mit letzter Kraft sich vorwärts arbeitenden Rosses. Jetzt ein an⸗ feuernder Zuruf, ein klatschendes Aufrauschen, verbunden mit einem Splittern und Knacken in dem Weidengezweig, und dann sah ich, gleich einer Geistererscheinung, plötzlich hoch über dem selben das Bild eines Reiters in flatterndem Mantel auf dem Rücken eines schwarzen Rosses, das, in gewaltigem Sprung aus den Wassern emporschnellend, seinen Herrn an das rettende Ufer trug.

Roman!Wladislava! Jauchzend, wie in über quellender Seligkeit, klangen die beiden zu einem Doppellaut

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Die weiße Gestalt stürzte an die Brust des Reiters, der sich wie der Blitz von seinem Rosse geschwungen seine Arme umfingen glühend ihren schlanken Leib.

Einen Augenblick verharrten sie so lautlos in sprachlosem Entzücken. Ich war jetzt bis in unmittelbare Nähe gelangt; im Schein des Mondes, der eben einen vollen Strahl seines weißen Lichtes auf das phantastische Nachtbild herabsandte, er blickte ich das Antlitz meines Nebenbuhlers ein stolzes, edles Antlitz, aus dem ein paar mächtige, dunkle Augen hervorblitzten. Unter sturmzerwühltem schwarzen Lockenhaar leuchtete eine bleiche Stirn in todeskühnem Trotze. Von seiner düstern Erscheinung hob sich doppelt zart und licht Wladislava's weiße Gestalt, deren blumengeschmücktes Köpfchen, einer Kamee gleich, an seinem Herzen lag.

So kurz auch der Augenblick war, der jenes Bild mir ge zeigt, so hat es sich doch meinem Gedächtniß unauslöschlich eingeprägt.

Dank, Geliebte, daß Du gekommen! hörte ich dann eine sonore Männerstimme in polnischer Sprache sagen.Ich wußte ja, daß mein Weib mich nicht vergebens rufen lassen würde...

O, Roman! was hast Du gewagt um meinetwillen! flüsterte sie, das Antlitz von seiner Brust aufrichtend.Wie habe ich gelitten unter der Vorstellung der schaurigen Todesgefahr, in der ich Dich wußte 5

Sie ist vergessen, nun ich Dich in meinen Armen halte! Der Gott der Liebe und mein wackeres Roß haben mich sicher herübergetragen! klang es leidenschaftlich zurück.

Aber noch bist Du nicht wieder drüben o, Roman, mir stockt das Blut, wenn ich denke, daß Du noch einmal den furchtbaren Weg machen mußt..... 1

Ich sah sie in seinen Armen erschauern.

Nichts mehr davon, Geliebte, bat er, sie noch fester an sich pressend.Können wir die kostbaren, schwer erkämpften Minuten nicht besser anwenden? Und soll ich etwa in den Kampf ziehen ohne Abschied? Zehn Leben, wenn ich sie hätte, wagt' ich um diesen Kuß von meines Weibes Lippen!

Er bog das stolze Haupt herab zu dem Blumenantlitz, das sich ihm entgegenhob ihre Lippen glühten aufeinander in heißem Liebeskuß.

Im selben Augenblick hatte ich, meiner nicht mehr mächtig, die Signalpfeife hervorgerissen: gellend schrillte ihr, scharfer Ton durch die Nacht und ließ die beiden Glückversunkenen jäh empor schrecken.

Ha, was ist das?... rief der Pole, indeß Wladislava einen dumpfen Wehelaut ausstieß. Er ließ sie sauft aus seinen Armen gegen den nächsten Baumstamm gleiten und wandte sich blitzschnell zu seinem Rosse, dessen Zügel er vorhin um den Arm geschlungen hatte.

Aber schon hatte ich den Lauf meines Pistols gegen die Stirn des edlen Thieres gedrückt; die furchtbare Aufregung und das Bewußtsein, daß ich es ihm um jeden Preis streitig machen mußte, erstickte jede Regung mitleidigen Bedauerns: ein dumpfer Knall und ächzend verendete der treue Rappe zu seines Herrn Füßen, dessen Lippen sich ein zorniger Schmerzens laut entrang.

Zugleich sprang ich hervor und ihm die Waffe entgegen haltend, rief ich laut:Sie sind mein Gefangener, ergeben Sie sich, oder Sie sind des Todes!

Gnade, Erbarmen, er ist mein Gatte, klang es da in Tönen herzzerreißender Augst von Wladislava's Lippen. Sie war beim ersten Laut meiner Stimme emporgefahren und warf sich mit ausgestreckten Armen schützend vor den Bedrohten.

Zurück, Komtesse! rief ich, außer mir.Sie verlangen Unmögliches!... Noch einmal, mein Herr, Sie sind in meiner Gewalt!

Noch nicht! Wladislava, zurück! knirschte er. Auch in seiner Hand blitzte jetzt ein metallener Lauf. Ich hörte den

Hahn knacken, aber der erwartete Schuß blieb aus; die Waffe,

die beim Passiren des Flusses feucht geworden sein mochte, hatte offenbar versagt. Mit einer Verwünschung'ischleuderte er sie zu Boden. Nun war er wehrlos in meine Hand gegeben; gleichzeitig ließ sich der taktmäßige Schritt einer heranmarschiren⸗

verschmolzenen Namen durch den brausenden Sturm. den Truppe vernehmen. 1 4

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