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Prinzeß. Nicht wahr, der prügelte sie so lange mit Ruthen, bis sie auch gut wurde. f
„Ja, ja!“ antworte ich zerstreut.„Schlafe nur, die Geschichte erzähle ich Dir morgen!
„Aber ich möchte sie so sehr, sehr gerne jetzt hören, ich ver⸗ spreche Dir auch, ich schlafe dabei ein. Gieb mir nur Deine Hand, damit Du nicht fortgehst, wenn ich schlafe. Du mußt bei mir bleiben, bis Mama wiederkommt.“
„Das kann spät werden und ich bin auch müde.“
„Du kannst in diesem Sessel ganz gut neben mir schlafen. Rufe nur die Bonne, daß sie Dir ein Kissen bringt. Da kommt sie mit Deinem Thee. Das ist gut. Da werde ich zusehen, wie Du ißt. Die Bonne muß den Tisch neben mein Bett stellen. Marie, rücken Sie den Tisch hierher.“
„Elly, Du sollst nicht immer kommandiren,“ verweist sie die Bonne,„Du weißt, Papa liebt das garnicht!“
„Aber ich kommandire doch nicht!“ ruft die Kleine weinerlich. „Ich will das Fräulein nur bei mir haben!“
„Beruhige Dich, Elly,“ beschwichtigte ich sie, als sich in den hellen Kinderaugen große Thränen sammeln,„Fräulein Marie stellt mir schon den Tisch an Dein Bett.“ a
„Sie ist kein Fräulein, sie ist nur meine Bonne, Du bist ein Fräulein!“
Die Bonne wirft mir einen ärgerlichen Blick zu, als hätte ich und nicht das Kind diesen feinen Unterschied gemacht und sagt spöttisch:„Du wirst auch wissen, wer von uns ein Fräulein ist oder nicht, kleine, dumme Göre!“
„Ich bin keine dumme Göre,“ und die angesammelten Thränen stürzen über das schmale, blasse Gesichtchen.
„Da haben wir's, gleich heult das kleine Balg los. Ich werde es dem schwarzen Mann sagen, welches ungezogene Kind Du bist.“
„Es giebt keinen schwarzen Mann!“ schluchzt das Kind.„Nicht wahr, Fräulein?“
„Nein, es giebt keinen. Wie können Sie dem Kinde solche Thorheiten einreden, sie machen es nur furchtsam.“
„Das schadet nichts. Mit etwas muß man ungezogene Kinder schrecken!“ Damit schlägt die Bonne die Thüre hinter sich zu, daß die Kleine mit den Händchen nach ihrem Kopf fährt.“
„Thut Dir Dein Köpfchen weh?“ frage ich besorgt.
„Ja, es hämmert und brennt darin!“
Ich bin niedergeschlagen. Die kurze Szene hat mir einen Einblick gewährt, welchen Händen man die erste Erziehung des klugen, frühreifen Kindes anvertraut hat. Die erste Erziehung, welche den Keim zu allem Guten und Schlechten in das empfäng⸗ liche, weiche Kindergemüth legt. Ob seine Eltern sich die Trag— weite der Vernachlässigung bewußt sind, in welcher ihr Kind auf— wächst? Ihr Vater scheint sie zu erkennen, aber die Mutter, sie hat kein Verständniß dafür.— Arme Kleine! Du wirst unter den Folgen dieser Vernachlässigung einst am meisten zu leiden haben, in dieser auf Bahnen gelenkt werden, welche Dein zeit— liches und ewiges Wohl gefährden können.
Mehr dem Kinde zur Beruhigung, das mich unausgesetzt zum Essen auffordert, genieße ich von dem Gebrachten einige kleine Brodschnitte mit Fleisch und trinke eine Tasse Thee. Dann ordne ich ihr Bettchen und ermahne sie, nicht mehr zu plaudern, sondern zu schlafen, dann nur würde ihr Köpfchen wieder gesund werden.
Sie gehorcht, ohne auf ihre Bitte, zu erzählen, zurück⸗ zukommen. Ihr Gesichtchen ist wieder stark geröthet und sie wirft sich unruhig hin und her.— Die Bonne kommt, um das Thee⸗ geschirr wieder zu holen. Sie sieht ihre Röthe und Unruhe und sagt reuevoll:„es war recht dumm von mir, zu vergessen, daß Elly krank ist, meinen Sie, daß sie wieder Fieber hat? Soll ich zum Doktor geh'n?“
„Besser ist es. Ich fürchte, das Zuckerwerk hat ihr geschadet. Hat sie viel davon gegessen?“
„Ich habe darauf nicht geachtet, die gnädige Frau war dabei — und er— na, Sie wissen schon, ihr Galan, der hübsche Assessor!“ setzte sie im Flüsterton hinzu.
Ich bin sprachlos.— So also waren diese Beide bereits in der Leute Mund.
1„Ihr sollt nicht leise zusammen sprechen!“ ruft aufgeregt das Kind.—
„Aber, Liebchen,“ beruhigt ste die Bonne,„es ist doch nicht Alles für kleiner Kinder Ohren!“
„Warum nicht. Fräulein, nicht wahr, ich kann alles hören?“
„Jetzt nicht, wo Du schlafen sollst,“ umgehe ich eine direkte Antwort, die ihren Widerspruch reizen könnte.
„Ich kann aber nicht schlafen, wirklich, ich kann nicht, mein Kopf thut mir so sehr weh!“
„Es wird am besten sein, Sie gehen zum Arzt.“——
(Fortsetzung folgt.)
Jose Blätter.
Sappho.(Siehe Illustration.) Wir wüßten zu dem Bilde des Malers nichts Passenderes beizufügen, als die Worte Grillparzer's in seiner„Sappho“(Vers 6):
Vollendet hab' ich, was ihr mir geboten, Darum versagt mir nicht den letzten Lohn!
Die euch gehören, kennen nicht die Schwäche, Der Krankheit Natter kriecht sie nicht hinan,
In voller Kraft, in ihres Daseins Blüthe Nehmt ihr sie rasch hinauf in eure Wohnung— Gönnt mir ein gleiches, kronenwerthes Loos!— Die Flamme lodert, und die Sonne steigt,
Ich fühl's, ich bin erhört! Habt Dank, ihr Götter!— Nun hin! Dort an der Liebesgöttin Altar Erfülle sich der Liebe dunkles Loos
So zahle ich die letzte Schuld des Lebens,
Ihr Götter—— nehmt mich auf! (Stürzt sich vom Felsen in's Meer)
Dr. Haus' Gutachten. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts lebte Dr. Haus in Bayreuth; ein Herr, der nicht nur in der Medizin, besonders der Chirurgie, sehr erfahren war, sondern sich auch auf Alles verstand, was dem Menschen gut und nützlich in Speis' und Trank ist. Weit verbreitet war sein Ruf; er reichte über seine Vaterstadt hinfort durch ganz Bayern und Franken bis nach Schwaben und in das Böhmische hinein. Da wandte sich denn auch der Rath von Regensburg a. D. 1483 an ihn und ließ anfragen, ob Bilsenkrautsamen, Anis, Petersilie und Nußlaub, wie weißes Pech und Buchenasche in das Bier gehöre; denn die Brauer nähmen zu diesen und anderen Ingredienzien ihre Zuflucht, um das Bier, wie sie sagten, schmackhaft zu machen. Die Brauer in Regensburg hatten das vernommen, und sie, wie ihre Kollegen in München, Ingolstadt und Augsburg sandten sogleich im Geheimen zwei vertraute Männer zu dem gelehrten Arzt; die hatten einen vollen Säckel bei sich. Dr. Haus sprach mit ihnen und vertröstete sie, daß er ihre„Kunst“ nicht schädigen werde. Als nun die Abgesandten mit dem Briefe des Rathes von Regensburg erschienen, lautete sein Gutachten:„Die Biere, welche obengenannte Ingredienzien oder andere Arcan z enthalten, sind medizi⸗ nische Biere, während das gewöhnliche Bier einfach nur aus Wasser, Gerste und Hopfen zu bestehen hat.“ Uebrigens thue die Färbung nichts, ob sie licht wie der Himmel oder dunkel wie das Höllenloch sei, fügte er hinzu. W. G.
Eine komische Scene. Das Schwurgericht zu Darmstadt war vor Zeiten der Schauplatz einer höchst komischen Scene. Vor dem Gericht erschien ein Individuum, beschuldigt, von der Main-Neckarbahn Schienen abgerissen zu haben. Der Vertheidiger des Angeklagten hatte, um seine Vertheidigung schlagend führen zu können, eine kleine Lokomotive und eine tragbare Eisenbahn verfertigen lassen, vermittelst welchen Apparates er darthun wollte, daß eine Lokomotive, wenn die Schienen aufgerissen würden, nicht gezwungen sei, die Bahn zu verlassen und daß man den Angeklagten mithin nicht eines Kriminalverbrechens, sondern nur einer Eigenthumsverletzung beschuldigen könne. Der Advokat tritt in den Gerichtssaal, begleitet von einem Manne, der den Apparat trägt; die Miniaturlokomotive ist seit zwei Stunden bereits geheizt. Die Bahn wird, als der Advokat in seiner i e ee zu der von ihm ge— machten Behauptung kommt, auf die Tafel gesetzt. Die Lokomotive geht ab, kommt an die Stelle, wo die Schienen abgerissen sind, stürzt auf die Erde und läuft den Umstehenden und den Geschworenen unter dem Ge— lächter des Auditoriums zwischen die Beine; die Richter verlieren ihren Ernst, die Geschworenen müssen sich vor Lachen den Bauch halten und selbst der Angeklagte und die Gensdarmen brechen in Gelächter aus. Der Advokat allein behauptet seinen unzerstörbaren Ernst, läuft seiner Maschine nach, erwischt sie glücklich und setzt sie abermals auf die Schienen, um seine Beweisführung nochmals zu beginnen, welche indessen dasselbe Resultat wie das erste Mal lieferte. Die Beweisführung war also miß⸗ lungen.. a M.
Treffender Text. Eine Frau von sechszig Jahren heirathete einen jungen Mann von fünfundzwanzig Jahren. Der Prediger, der dies Paar trauen sollte, wählte die Textesworte:„Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun.“ M.


