Ausgabe 
21.10.1888
 
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Bitte, treten Sie ein! Damit machte er meiner Unent schiedenheit ein Ende und tritt zurück, um mich in's Entree zu lassen.

Wäre es aber doch nicht besser! wage ich noch einmal einen schwachen Versuch,wenn ich die Kleine nicht mit meinem Besuch aufrege!

Im Gegentheil, ich hoffe, Sie werden mit diesem das Kind beruhigen, Sie scheinen es ihm angethan zu haben. Es ver langte schon heute Morgen nach Ihnen, meine Frau fürchtete aber, wir könnten Sie so früh belästigen! Ist meine Frau bei der Kleinen? fragt er den Diener, welcher ihm den Mantel ablegen hilft.

Nein, die gnädige Frau sind noch im Salon, vor wenigen Minuten ist der Herr Assessor fortgegangen. Die Jungfer ist bei dem Kinde.

Unwillkürlich muß ich nach ihm hinsehen. Wie Wetterleuchten geht es über seine hohe Stirn, er drückt die Zähne in die Unter lippe und in seinen Augen lodert ein Feuer auf, das mich er schreckt. Bei alledem bleibt er der höfliche, ruhige Mann. Er offnet die Thüre des Kinderzimmers und bittet mich, einstweilen allein hinein zu gehen, da er erst seine Frau begrüßen möchte. Die Kleine liegt mit hochrothem Gesichtchen in ihrem weißen Bettchen und jauchzt hell auf, als sie meiner ansichtig wird. Die Jungfer räumt mir bereitwillig den Platz an ihrem Bettchen ein und verläßt das Zimmer. Ich setze die kalten Umschläge auf seiner Stirn fort und erzähle ihm das sinnige Märchen von dem häßlichen, jungen Entlein.

Wurde wirklich aus ihm ein schöner Schwan? fragte die Kleine nachdenkend, als ich geendigt.

Natürlich, ein großer, schöner Schwan, mit blendend weißem Gefieder!

Meinst Du, daß ich auch einmal so hübsch werden kann? Mama nennt mich oft ihr häßliches Entchen ach, ich wollte, ich wäre hübsch, sie würde mich dann gewiß auch lieber haben!

Wie kannst Du so etwas reden, kleine Maus, Deine Mama hat Dich doch sehr lieb und fragt nicht darnach, ob ihr Töchterchen hübsch oder häßlich, wenn sie nur recht artig ist.

Glaubst Du? Aber ich möchte doch lieber hübsch sein.

Das wirst Du werden, wenn Du gut und brav bist! tröste ich,vor Allem aber gehorsam und gesund. Wenn Du aber wie jetzt, unausgesetzt Deine Beinchen bloß machst, kannst Du nicht gesund werden.

Mir ist so sehr, sehr heiß.

Versuche zu schlafen, dann vergißt Du es.

Wenn Du mich einsingst, dann will ich es versuchen!

Ich singe mit leiser Stimme das Brahm'sche Wiegenlied:

Guten Abend, gute Nacht, Mit Rosen bedacht,

Mit Nelklein besteckt,

Schlupf unter die Deck'. Morgen früh, wenn Gott will, Wirst Du wieder geweckt.

Sie ist während des Singens wirklich eingeschlafen, hält aber mit ihren kleinen Fingern meine Hand so fest, daß ich sie ihr, ohne sie zu erwecken, nicht entziehen kann. Mit kummer vollem Ernst blicke ich auf ihr schmales, heißes Gesichtchen. Eine tiefe Entmuthigung beschleicht mich. Wie grausam hart sind oft die Führungen des Himmels. Weshalb, wenn wir nun einmal auf ewig getrennt werden mußten, führte er uns wieder zusammen, gewährte mir nicht einmal den Trost, mich an seinem Glücks erstarken zu lassen, sondern stellte mir die Versuchung in der Untreue, Gewissenlosigkeit seiner Frau förmlich in den Weg! Wenn ich mir diese zu Nutzen mache, wenn Die gefährliche Richtung meiner Gedanken wird durch einen leisen, aber erregten Wortwechsel im Nebenzimmer unterbrochen. Einzelne Worte in dem hellen Diskant seiner Frau fange ich wider Willen auf.

Ich sage Dir, ich ertrage Deine Tyrannei nicht länger ich will mich nicht hofmeistern lassen. Ich lege Deinen Passionen nichts in den Weg nun wohl, so lasse mich auch meinem Vergnügen nachgehen. Du drohst Du sprichst von Pflichten von Deiner Ehre, welche ich bei diesem Leben preis gebe! Als wenn Deine Ehre so ganz was besonders Kost

bares ware! Weshalb denkt ihr Manner denn niemals an Eure

Ehre, wenn Ihr reiche Frauen heirathet und von ihrem Gelde

Euch ein sorgenloses Leben bereitet! ö Es ist mir unmöglich, noch länger die unfreiwillige H

zu bleiben. Ich suche vorsichtig von meiner Hand die kleinen

Finger zu lösen. Der Versuch mißglückt.

Das Kind wacht auf und weint, als es meine Absicht bemerkt, daß ich das Zimmer verlassen will. Darüber wird es im Nebenzimmer still Thüren werden heftig geschlossen und nach

wenigen Minuten tritt ihr Vater ein.

Papa, das Fräulein will fortgehen, jammerte es ihm ent⸗ gegen. Er sieht entsetzlich blaß aus und sagt ungeduldig:Be⸗ ruhige Dich, das Fräulein wird morgen wiederkommen, ich werde jetzt bei Dir bleiben.

Du willst, Papa! O, dann kann das Fräulein geh'n! er⸗ klärt es schnell getröstet.Aber morgen, da muß sie wieder⸗ kommen!

Wenn Fräulein Manfred Zeit hat, wird sie vielleicht die Güte haben

Aber, Papa, das Fräulein heißt ja garnicht so sie heißt Fräulein Marina!

Richtig, verbessert er sich hastig,Fräulein Marina, ich versprach mich. Dabei trifft mich ein Blick, der mein Blut schneller pulstren läßt.Also morgen auf Wiedersehen! sagt er und reicht mir die Hand.

0Fräulein soll mir auch noch eine Hand geben! bittet das ind.

Ein schwaches Lächeln huscht über sein ernstes Gesicht.Ich glaube, Elly ist eifersüchtig! versucht er zu scherzen und giebt nach flüchtiger Berührung meine Hand frei.

Elly küßt mich zärtlich. Er ist wieder der kühle, höfliche Mann, begleitet mich bis zur Thüre und verabschiedet sich dort mit einer so förmlichen Verbeugung, als wenn unsere Vorstellung soeben erst geschehen.

Ich finde heute nicht den Muth, ungerufen die kleine Kranke zu besuchen, halte mich aber zu Hause, um da zu sein, wenn nach mir geschickt wird. Gegen Abend erhalte ich zu meinem Erstaunen von Frau v. S. die schriftliche Bitte, ihr Töchterchen zu besuchen. Die Zeilen sind überaus freundlich gehalten, als wenn die ersten garnicht an mich gerichtet gewesen. Nur flüchtig berührt sie dieselben mit der Bemerkung, daß ich ihre übereilten Zeilen wom vergangenen Tage, als nicht geschrieben betrachten möchte!

Ich gehe hinunter. Sie begrüßt mich, als sei niemals der geringste Mißton zwischen uns getreten. Sie ist in einfacher Gesellschafts-Toilette und erzählt mir, daß sie für diesen Abend eine Einladung zum Kommandeur ihres Mannes, Graf W., er⸗ halten, welche sie nicht refüstren könnte. Ihr Mann sei wegen eines Pierdeankaufs über Land gefahren und würde wahrscheinlich erst spät zurückkehren, sie hoffe bis dahin bestimmt zurück zu sein. Will sie mir damit einen Wink geben, gegen ihren Mann nichts von ihrer Abwesenheit zu verrathen?

Ich bleibe mit der kleinen Patientin allein. Es geht ihr besser als den Abend vorher. Das Fieber hat nachgelassen und sie plaudert so lebhaft, daß ich gar keine Zeit finde, über den Leichtsinn ihrer Mutter nachzudenken.Bitte, hole mir doch die Zuckerdüte, die mir heute Nachmittag Onkel Assessor gebracht hat, Mama hat sie dort auf das Schränkchen gelegt.

Wo sie auch liegen bleiben wird; denn Du darsst keine Süßigkeiten essen.

Du bist garnicht gut, schmollt die Kleine und verzieht ihr Gesicht zum Weinen.Onkel Assessor und Mama sind viel besser. Bei ihnen durfte ich Chokoladenplätzchen essenn

Das mag sein. War Onkel Assessor heule Nachmittag hier! kann ich nicht unterlassen zu fragen.

Ja, als Papa fortgefahren war, hat er Mama zum Spazieren gehen abgeholt. Was ist Dir, Fräulein, Du siehst ja so be trübt aus. Bist Du traurig, daß ich Onkel Assessor lieber 1 wie Dich, weil Du mir seine Zuckerdüte nicht geben 1 7

Durchaus nicht. Ich sorge mich nur, daß Dir die ußig · keiten geschadet haben möchten.

Das brauchst Du nicht, mir ist ganz wohl bitte, erzähle mir jetzt die Geschichte von dem guten Johannes und

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der bosen

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