Ausgabe 
21.10.1888
 
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Man geht zu Tische. Ich habe meinen Platz dieses Mal nicht am untersten Ende der Tafel. Mein kleiner Liebling ist längst zu Bett gegangen. Assessor L... führt mich. Er unter⸗ hält sich lebhaft mit mir, dabei schweifen aber seine Augen un⸗ aufhörlich zu ihr hinüber. Sie sieht vorzüglich aus und erinnert mich in ihrem kremefarbigen Seidenkleide, den mattgelben Marechall Niel im Haar und ihrem, von sinnlicher Glut leicht angehauchten, orientalischen Gesicht, an die Kleopatra von Hans Makart. Jetzt trifft mich ein Blick des Hausherrn. Er ist scharf beobachtend. Ich fürchte, er hat das Augenspiel dieser beiden bemerkt, und will ergründen, wie viel oder wie wenig ich von ihren Be⸗ ziehungen weiß. Ich weiche dieser stummen Frage aus und ver⸗ meide es ängstlich, seinen Blicken wieder zu begegnen.

Die Tafel wird aufgehoben. Zum ersten Mal tritt der Haus⸗ herr an mich heran. Auch jetzt erwähnt er nicht mit einem Wort meinen Gesang, nicht mit einer Frage die Vergangenheit. Ich fühle, daß er taktvoll, richtig handelt, aber es thut mir doch weh.

Wie ich höre, ist meine Frau ein häufiger Gast bei Ihnen?

Hat er das wirklich gehört? Ich glaube es nicht.

Ein häufiger Gast wohl nicht, aber Ihr Töchterchen besucht mich öfters, sie ist ein liebes, zärtliches Kind!

Das ist es und ich danke Ihnen, daß Sie sich der Kleinen so freundlich annehmen. Sie wird nicht durch Liebe verwöhnt, unscheinbar und häßlich wie sie ist!

Das war ein seltenes Zugeständniß bei einem einzigen Kinde! Schmerzte ihn der Mangel eines hübschen Aeußeren bei seinem Töchterchen? Er scheint diese Frage zu errathen; denn ohne meine Antwort abzuwarten, setzt er hinzu:Manche Eltern beklagen es, wenn ihre Kinder, insbesondere ein Mädchen, nicht hübsch ist. Ich meine aber, ihr bleiben dadurch manche Gefahren, manche Versuchungen fern und sie wird mehr auf ein innerliches Leben hingewiesen, das den Charakter vertieft, und das ist eine bessere Garantie fürglücklich machen und glücklich werden als ein hübsches Gesicht.

Ich bin überrascht. Wenn mich bei aller Blindheit der Liebe etwas an ihm einst schmerzlich berührt, so war es der un⸗ gewöhnliche Werth, welchen er auf äußere Vorzüge legte. Sollte diese Schwäche ihn auch bei der Wahl seiner Frau geleitet und mißleitet haben, so daß sich in ihm diese Wandelung voll zogen? Jedenfalls hat er mit oder ohne Absicht mir einen Ein⸗ blick in sein Inneres gegeben und mich ahnen lassen, daß das Glück an seinem Heerde nicht heimisch ist. Er kommt jetzt auf seine erste Frage zurück und forscht, ob seine Frau bei ihren Besuchen sich mit Assessor L. das Duett eingeübt habe?

Ich bin nicht im Stande zu lügen, und sage ja!

Ob Herr von L. ein sehr eifriger Schüler sei?

Auch dieses muß ich zugeben.

Er fragt nichts mehr, unsere kurze Unterredung ist zu Ende. Als ich mich bald darauf empfehle, geleitet er mich bis zur Thüre und macht es damit seiner Frau unmöglich, mit mir und dem Assessor die nächste Gesangstunde zu verabreden. Kaum aber auf der Treppe, höre ich meinen Namen rufen. Ich wende mich zurück, der Assessor steht hinter mir.Verzeihen Sie, wir vergaßen ja ganz und gar die Stunde für morgen Nachmittag festzusetzen. Sie sind doch zu Hause?

Nein, ich bedauere, ich bin es nicht!

Er sieht mich an, als habe er mich nicht recht verstanden und wiederholt seine Frage ich meine Antwort!

Wann sind Sie denn aber zu Hause? sagt er ärgerlich, ungeduldig, garnicht mehr der höfliche Mann wie vorher.

Indem wird die Thür des Vorsaals geöffnet, Herren und Damen, in Mäntel und Tücher gehüllt, treten heraus. Man blickt erstaunt nach uns hin und einer der Herren ruft lachend: Nun, Assessorchen, die Uebungen werden wohl hier fortgesetzt? Lachend stimmt der Assessor in den kompromittirenden Scherz mit ein und ich eile tief gedemüthigt, zitternd vor Erregung und Zorn, auf mein Zimmer. Hier breche ich zusammen, berge mein Gesicht in meine Hände und weine bitterlich.

Das Maaß ist noch nicht voll. Soeben bringt mir die Stadtpost einen Brief. Ich öffne ihn hoffnungsvoll, er möchte mir eine Schülerin bringen! Trügerische Hoffnung er enthält nichts als die bitterste Ironie, die niedrigste Kränkung.

Sie scheinen unter der Maske der Bescheidenheit, lese ich mit steigerndem Befremden,Hoffnungen genährt zu haben, welche allein die übermüthige Art erklären, mit der Sie Assessor L. im Ungewissen wegen der ersuchten Gesangstunde gelassen. Ich war unbemerkt Zeuge des Vorgangs und muß gestehen, daß, nachdem auch mehrere meiner Bekannten in diesen hineingezogen

worden, ich es für besser halte, unsere Beziehungen zu einander

abzubrechen! f

Erst ganz allmählich dämmert mir das volle Verständniß für diese Zeilen auf, welche lächerliche Eifersucht und lächerliche 5 Verblendung diktirt. Kann sie wirklich dem absurden Gedanken Raum geben, ich rechnete meiner Person den Eifer zu, mit welcher Assessor L. die Stunden besucht? Glaubt sie wirklich, ich sei so beschränkt, so kurzsichtig, nicht das Verhältniß zu durchschauen, in dem sie mit ihm steht? Aber es geschieht mir recht, weshalb hatte ich nicht den Muth, die Stunden aufzugeben, nachdem ich erkannt, zu welchem Zwecke sie dienten. Weshalb schrecke ich noch jetzt zurück, mir klar zu machen, daß unter ihrem Deckmantel seine Frau das höchste Kleinod ihre Ehre, auf's Spiel setzt! Welche Rolle hat sie mir dabei zuertheilt? War es nicht die einer erkauften Kupplerin? Ich schaudere vor dem Abgrund, der sich mir plötzlich öffnet. Daß sein Argwohn bereits erweckt ist, das haben seine Fragen mir gezeigt, wie weit mich dieser mit Schuld belastet, ich wage nicht darüber nachzudenken. Es ware entsetzlich, wenn er glaubte, ich hätte die Hand geboten, seine Frau dem Abgrund entgegen zu führen!

Ich zerreiße den Brief und übergebe ihn den Flammen. Wenn ich es doch auch mit den mich zermarternden Gedanken vermöchte! Aber ich vermag es nicht. Die einzige Beruhigung ist, daß die Stunden ein Ende gefunden, daß ich kein Judasgeld mehr anzunehmen brauche. Ob ich wieder Mangel leiden, mein kümmerliches Leben von Neuem beginnen muß, was kümmert das mich; besser trockenes Brod mit reinem Gewissen essen, als mit belastetem sorgenlos leben. Ich überlege jetzt ernstlich, ob ich mich nicht an irgend eine Musikschule wenden und dort um eine Stelle als Gesanglehrerin bewerben soll. Der gestrige Abend hat mir dazu Muth gemacht, die Zurückgezogenheit, das ruhige Leben der letzten Jahre ist für meine kranke Stimme eine gute Kur gewesen. Wenn sie auch nicht in ihrer früheren Ki zurückgekehrt, so kann ich mir mit ihrer Hülfe doch wieder den durch's Leben bahnen.

Ich bin eben im Begriff, wieder ein Inserat in die Zeitung zu tragen, da begegnet mir die Bonne auf der Treppe. 8 wollte Sie soeben aufsuchen, redet sie mich an.Unsere Kleine ist krank und verlangt nach Ihnen. f

Ich bin in Verlegenheit, was ich antworten soll. Nach dem Briefe der Mutter kann ich nicht kommen und doch, wenn ich die Aufforderung zurückweise, gebe ich mir den Anschein der größten Undankbarkeit und Herzlosigkeit. Indem ich noch zögere, kommt ein elastischer, fester Schritt uns entgegen.Da ist der Herr Rittmeister, er kommt vom Dienst! bemerkte die Bonne. Sie können gleich mit ihm zu der Kleinen gehn, ich muß in der Apotheke ein Rezept besorgen!

Das kann ich thun, ich bin auf dem Wege auszugehen! erkläre ich lebhaft, froh, eine Frist zur Ueberlegung gewonnen zu haben.

Der Rittmeister hat uns erreicht, er gewahrt mich zuerst im Zwielicht nicht und ich wäre glücklich an ihm vorübergeschlüpft, wenn die Antwort der Bonne mich daran nicht gehindert hätte. Nein, ich danke Fräulein, das Rezept besorge ich, lassen Sie nur heute Ihren Ausgang und gehen Sie zu unserer armen Kleinen, damit das Jammern nach Ihnen aufhört.

Jetzt erst wird der Rittmeister aufmerksam. Er grüßt und bemerkt beunruhigend:Ist es mit Elly noch nicht besser?

Der Herr Doktor meint, sie habe starkes Fieber, gnädiger Herr! berichtet die Bonne.

Sicherlich durch die Erkältung, welche sie sich gestern zu⸗ gezogen. Wie konnten Sie das Kind in ihrem dünnen Kleidchen nach oben zum Fräulein gehen lassen!

Ich wußte davon garnichts, es war die gnädige Frau, die das zugelassen, vertheidigt sich die Bonne gekränkt und eilt hastig fortzukommen.