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Gestalt des Grafen Udo von Warren, der sie prüfenden Blickes
musterte, indem er höflich seinen Hut lüftete.
Sie hatte den Schloßherrn noch nie gesehen und doch zweifelte sie nicht, daß dieser es war.— Frau von Haldern hatte ihr den Roman seines Lebens erzählt, und sie hatte sich längst in ihrer Phantasie ein Bild dieses Mannes gemacht, dessen Muth sie bewunderte und dessen Geschick sie innig bemitleidete. Nun stand er in Wirklichkeit vor ihr, die schwarze Binde über dem
Auge beseitigte jeden Zweifel.
„Verzeihung, Herr Graf, für die unbeabsichtigte Störung, doch ich bin hier noch fremd und glaubte nicht, zu so früher Tageszeit Jemandem zu begegnen. Mein Name ist Nelly Longs⸗ word, ich bin Gesellschafterin bei Frau von Haldern, mit welcher ich erst gestern hier eingetroffen. Die Sonne hat mich früh geweckt, ich konnte den Lockungen des schönen Morgens nicht
widerstehen und bin hinausgelaufen, Garten und Park in der
Nähe zu bewundern.“
„Und nun haben Sie sich verirrt, mein Fräulein? Sie sind weit vom Schloß entfernt!“ erwiderte seine ruhige, etwas kalte Stimme.
„Ich hoffe, ich werde den Weg, den ich gekommen, wieder
finden; ich bin daran gewöhnt, mich an einem fremden Ort
leicht zu orientiren.“ Sie sagte dies ein wenig schüchtern, aber mit so lieblichem Ausdruck in der Stimme, daß Graf Udo inter⸗ essirt auf das junge Mädchen blickte. Ihre Augen schauten nach
dem schmalen Waldpfade, und ein reizendes Lächeln umspielte
ihren Mund.
„Nicht wahr, Herr Graf, der Weg dort führt in den Schloß—
garten; wenigstens glaube ich bestimmt, ihn vorher gegangen ann sein? „Sie haben allerdings Recht, mein Fräulein! Doch da wir uns in gleicher Absicht befinden, denn auch ich will zum Schloß zurück, so gestatten Sie mir, Sie zu begleiten, bis sich unsere Wege trennen. Hoffentlich zürnen Sie nicht wegen des Schreckens, den Ihnen mein Hund verursacht hat. Pollux ist eben, wie sein Herr, an Begegnung mit Fremden wenig gewöhnt; wir lieben Beide die Einsamkeit.“
Das junge Mädchen erröthete. Sie entsann sich, von Helene gehört zu haben, daß Graf Udo sich einen Theil des Parkes reservirt habe und es nicht gerne sähe, dort bei seinen Spazier⸗ gängen belauscht zu werden. Erschreckt durch den Gedanken, dieses Verbot überschritten zu haben, fühlte sie das Bedürfniß, sich zu entschuldigen. Bittend schlug sie die Augen zu ihm auf:
„Herr Graf, ich fürchte, meine Gegenwart ist Ihnen lästig,— bitte, verzeihen Sie mir, daß ich Sie, ohne es zu wollen, gestört habe; ich werde mich in Zukunft nie wieder so weit in den Park hinein wagen.“
„Weshalb, mein Fräulein? Der Park ist für Jedermann geöffnet,— auch bin ich kein Wehrwolf, vor dem Sie sich fürchten müßten. Wenn ich sagte, daß ich die Einsamkeit liebe, so muß ich dies allerdings bestätigen. Ich halte nicht viel von den Menschen, von deren Unwerth mir das Leben genügende Beweise geliefert hat. Nur die Natur ist unwandelbar, denn sie wird nach ewigen Gesetzen regiert.“
Auf seinem Gesichte lag ein wehmüthiger Ausdruck; lieb— kosend strich seine Rechte über das zottige Fell des Hundes, der bei diesen Worten, als verstünde er ihren Sinn, schmeichelnd den großen Kopf an seine Hand gelehnt hatte.
Das junge Mädchen hatte stumm seiner Rede gelauscht; inniges Mitleid erfüllte ihr weiches Herz, und der Ausdruck desselben verbreitete sich über ihre ofsenen Züge.
„O, Herr Graf!“ rief sie,„da muß ich Ihnen widersprechen! Auch der Mensch, die Krone der Schöpfung, folgt den ewigen Gesetzen jener unerforschlichen Macht, welche Thierreich und Pflanzenwelt, den Wechsel der Tages- und Jahreszeiten, Erde und Himmel— mit einem Wort die ganze Natur leitet und regiert. Giebt es denn nicht auch verkümmerte Pflanzen, reißende und giftige Thiere; unterscheidet man nicht auch bei ihnen zwischen edel und unedel? Kann es da unter den Menschen anders sein? Es mag wohl viele schlechte und verdorbene
auf den Grafen, der sie fast verwundert betrachtete und leise den Kopf schüttelte. N
„Ich sehe,“ fuhr sie enttäuscht fort,„daß meine Gründe Sie nicht überzeugen, aber ich vermag nicht zu glauben, daß Sie wirklich an der Tugend zweifeln. Sie lieben die Natur— so sagten Sie; den Menschen aber, das vollkommenste unter allen Geschöpfen, wollen Sie verachten? Und warum? Weil sich unter den vielen Ebenbildern Gottes auch einige unähnliche finden?“
Um Udo's Lippen zuckte es bitter.„Wohl Ihnen,“ sprach er rauh,„daß Sie noch glauben und vertrauen dürfen! Ich, nun, ich habe die Lust verloren, nach Menschen zu suchen, weil ich Enttäuschungen nicht liebe.“
Sie waren unterdessen in den Schloßgarten gelangt. Vor der Rose, welche Nelly vor Kurzem geküßt, blieb er stehen.
„Sehen Sie hier diese wunderschöne Rose!“ sprach er. „Nicht wahr, mein Fräulein, Sie lieben die Blumen?“
Nelly nickte stumm und erröthete bei dem Gedanken, daß er vorhin ihr kindisches Gebahren beobachtet haben könnte.
„Ja, sie ist sehr schön, diese Rose,“ fuhr er fort;„auch duftet sie prächtig, und dennoch, wenn ich jetzt ein Messer hervorzöge und durchschnitte den Kelch der reizenden Blume, so würden Sie im Herzen derselben einen hohlen Raum finden und darin einen winzigen Wurm, der mit der Rose lebt und wächst und sie nicht verläßt, bis sie todt ist. Nicht wahr, das hätten Sie nicht erwartet und Sie finden es häßlich? Mich stört diese Entdeckung nicht, denn ich weiß, es ist ein Natur- gesetz, daß die Made sich von dem Herzen der Blume nährt, wie eben jedes Thier, jede Pflanze auf Kosten des anderen Thieres, auf Kosten der anderen Gattung lebt. Anders ist es beim Menschen, mein Fräulein! Auch in seinem Herzen findet sich ein hohler Raum, durch nichts ausgefüllt, als durch einen häßlichen Wurm. Dieser Wurm heißt Eigennutz! Sie ahnen nicht das Vorhandensein diefes widerwärtigen Schmarotzers unter der schönen Hülle, wer aber, wie ich, tiefer sieht, der findet ihn überall, bei dem Armen und bei dem Reichen, bei dem Ungebil— deten und bei dem Gebildeten, bei dem Häßlichen und bei dem Schönen. Dieser ekelhafte Parasit verleidet mir den Menschen, denn kein Naturgesetz entschuldigt dessen Existenz. Freiwillig züchtet er den Eigennutz und darum verachte ich ihn.“
(Fortsetzung folgt.)
fe Blä lter.
Die Marmor ⸗Klamm.(Siehe Illustration.) Arizona(das trockene Land) ist ein ungeheures Netzwerk von Bergen, aufgesetzt auf ein gegen Südosten abgedachtes Tafelland, das von Flüssen durchfurcht wird. Die Wasserläufe, welche im heißen Sommer arg zusammenschrumpfen, haben während der Jahrtausende ihr Bett tief eingewühlt und der Colorado beispielsweise hat Schluchten in dem Tafelland gebildet, die an manchen Stellen 2000 Meter tief sind. Wer die Sprache des Universums studiren will, der suche diese Klamme oder Canons auf. Das Becken des Colorado ist ein wahres Labyrinth der Natur. Der Strom fließt bisweilen in un— zugänglichen Tiefen und auf der Höhe der einschließenden Felsmauern liegen die trockenen, baum- und strauchlosen Ebenen. Eine der im— posantesten Felsscenerien des Colorado ist der Marble-Canon oder die Marmor⸗-Klamm. Hier erblickt man im Hintergrunde der bronceartigen, steil aufsteigenden Uferwände eine ungeheure Rückwand, welche sich mit jeder Abstufung heller färbt, bis der äußerste Rand blendend weiß er— scheint wie Marmor. Ueber diesem gewaltigen Felskessel aber bildet der lichtblaue Himmel eine wundervolle Kuppel, die in der Nacht tiefblau wird und mit der goldfunkelnden Sternensaat geschmückt ist. R. E.
Gilbert von Nogent fällt von den Hof- oder Edeldamen zur Zeit des französischen Königs Louis le Gros(11001137) folgendes, nicht eben schmeichelhaftes Urtheil:„Es giebt unter ihnen keine Frau oder Jungfrau, die sich nicht für das unglücklichste Geschöpf halten würde, wenn sie die Bewunderung eines Kreises von Anbetern entbehren sollte. Ihr Ruhm besteht in der Zahl der Verehrer, die bei ihrem Lächeln sich überglücklich preisen und bei ihren finsteren Stirnen seufzen und zu sterben meinen.“ Man sieht, die alten Zeiten waren nicht besser als die nach⸗ folgenden, und wir haben nicht nöthig, sehnsuchtsvolle Blicke hinter uns zu werfen. W, G.
Werth der Verschwiegenheit. Ein junger Edelmann bat den Herzog von Marlborough um seine Protektion und sagte:„Bekomme ich die Stelle, so gebe ich Ihnen tausend Guineen und spreche zu keinem Menschen,
ee en, aber ebenso gewiß giebt es noch mehr gute J und edle! 5 5. N zweitausend, und erzählen sie es aller Welt,“ lautete die Antwort. Bittend richtete sie ihre vor Begeisterung leuchtenden Augen 1. 60


