Ausgabe 
20.5.1888
 
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166.

Auch der Wohlthätigkeitssinn war ein Charakterzug Rückerts, der tief in seiner Natur begründet lag, undGiebst du schnell, so giebst du doppelt war der Grundsatz, welchem er der Armuth gegenüber huldigte.

Sein fünfundsiebzigster Geburtstag sollte ihm zu einem wahren Fest⸗ und Ehrentage werden, und dem einsam lebenden Weisen zu Neuses so recht zeigen, daß er draußen in der Welt nicht ver gessen sei. Glückwünsche und Ehrenbezeugungen liefen von allen Seiten ein, und auf's Innigste gerührt veröffentlichte er in der Gartenlaube seinen Dank den zahlreichen Verehrern. War dem geschätzten Dichter ja auch schon vorher manche Anerkennung zu Theil geworden. So hatte ihm z. B. seine Vaterstadt Schwein⸗ furt das Ehrenbürgerrecht verliehen und König Max von Baiern ihn gleich bei der Stiftung des Maximilianorden zum Ritter desselben ernannt.

Gegen Ende des Jahres 1865 begann Rückert zu kränkeln, und am 31. Januar 1866 schloß der greise Dichter, umgeben von seinen tieferschütterten Kindern, für immer die feurigen, geistsprühenden Augen.

Unter ehrenvollstem Geleite, dem sich auch zahlreiche Frauen anschlossen, wurde der Dichter des Liebesfrühlings am 3. Februar 1866 auf dem Friedhofe zu Neuses an der Seite seiner Gattin beerdigt. Seine Tochter Marie aber, seine treue Pflegerin, schrieb über den Eindruck, welchen das Bild des Verschiedenen hinterlassen:

Da war ein erhabener Ernst, eine majestätische Ruhe über ihn gebreitet die rührende menschliche Milde fast ganz zurück getreten, nur die Spuren des mächtigen Geistes lagen auf seinen Zügen. Er sah aus, als habe er einen guten Kampf gekämpft und sei nicht unterlegen.

Rückert selbst aber charakterisirt sich vielleicht am treffendsten, wenn er von sich singt:

Daß mein Leben ein Gesang Sag ich's nur! geworden, Jeder Sturm und jeder Drang Dient ihm zu Accorden.

Schloß Warren.

Novelle von Georg Harnisch. (Fortsetzung.) VII.

Durch wallende Nebelschleier lachte die strahlende Morgensonne siegreich zur Erde hernieder, Alles wach küssend und mit ihrem Licht vergoldend, was noch träumend in nächtlichem Schlummer lag. Die kleinen Vögel zwitscherten ihre Morgengrüße, die zarten Blumen öffneten die halbgeschlossenen Kelche und athmeten süße Wohlgerüche in die thaufrische Luft, und überall regte sich in der Natur das Leben und die Bewegung des jungen Tages.

Nur die Menschen in ihren Häusern von Holz und Stein machen der guten Sonne viele unnöthige Mühe. Durch die Spalten der Läden vor den geschlossenen Fenstern, durch dichte Vorhänge und Gardinen müssen sich ihre Strahlen den Weg bahnen, um die Langschläfer aus den weichen Betten zu verscheuchen. Doch die Boten der Sonne lassen sich keine Mühe verdrießen und früher oder später erreichen sie, was sie wollen.

So lugte denn auch heute einer der ersten Sonnenstrahlen vor⸗ witzig in ein reizendes Thurmzimmerchen des Schlosses Warren und als er in demselben eine holde Mädchenblume noch in festem Schlummer fand, kletterte er vollends über die Fensterbrüstung, huschte über die weißen Kissen ihres Lagers und berührte ihre rothen schwellenden Lippen mit feurigem Kuß. Die Schlä ferin lächelt im Traum, aber sie erwacht nicht. Da ward der Sonnenstrahl dreister, denn er hatte nicht viel Zeit, weil er ja heute noch um den ganzen Erdball wandern mußte und so küßte

er denn nochmals den lächelnden Mund, küßte die rosigen Wangen

und berührte endlich neugierig die zarten Lider der geschlossenen Augen.

Da entflohen die Traumelfen vor dem hellen Licht der Wirklich⸗ keit und nahmen ihren Vater, den Schlaf, mit sich hinfort.

4 Verwundert ließ Nelly, denn sie war die Schläferin ihre

Grün sie sich wunderbar abhoben.

Blicke durch das Zimmer schweifen; war sie wirklich in der Kajüte des schaukelnden Schiffes auf dem endlosen langweiligen Ozean?

Der dumme Traum! lachte sie,ich bin ja in Warren, und fröhlich sprang sie aus dem Bett, eilte an's Fenster und blickte staunend auf den prächtigen bunten Garten, an welchen sich düster die alten stolzen Bäume des Parks anschlossen. Flink war sie mit ihrem Anzug fertig. Ein einfaches graues Morgen⸗ kleid, über den Hüften von einem schmalen Ledergurt zusammen gehalten, schmiegte sich um ihre schlanken Glieder und kleidete sie entzückend; ihr schönes goldbraunes Haar hatte sie kunstvoll auf dem Kopf zusammengeschlungen, und so eilte sie unbedeckten Hauptes hinaus ohne Sorge um die Sonnenstrahlen, die ihre zarten Wangen bräunen werden.

Im Schloß schien noch alles zu ruhen; kaum daß sie einen

schläfrigen Diener sah, der vor Erstaunen über die unvermuthete Erscheinung des gnädigen Fräuleins zu so früher Tageszeit den Mund zu schließen vergaß, den er beim letzten Gähnen ungebührlich weit geöffnet. Nelly lachte hell auf und sprang in's Freie.

O, wie wunderbar schön ist es hier, sprach sie laut vor sich hin,wie prächtig ist ein Sommermorgen auf dem Lande, inmitten der unverfälschten, stillen Natur. Mir ist so wohl, so glücklich im Herzen, wie lange nicht! Wie dankbar bin ich dem Himmel, der mich hier eine zweite Heimath finden ließ.

Das große schlanke Mädchen war vor einem edlen Rosenstock stehen geblieben, ihr glänzendes Auge haftete an der sich entfal tenden Blüthe, sie beugte das schöne Haupt, um den süßen Duft einzuathmen, und in einer Anwandlung von freudiger Rührung hauchte sie einen schwesterlichen Kuß auf die leuchtenden Blätter. Sie liebte in ihrem dankbaren Gemüth schon Alles, was zu Schloß Warren gehörte, wenngleich sie erst Tags vorher von Teplitz hier eingetroffen und beim Scheiden der gestrigen Sonne zum ersten Mal in ihrem Leben die Thürme und Zinnen des stolzen Schlosses erblickt hatte.

Ein Geräusch, wie die gedämpfte Stimme eines Mannes, unterbrach ihre Gedanken. Sie wandte sich um, aber weit und breit war Niemand zu sehen. Nelly ging weiter auf den Wegen des Gartens durch malerisch gruppirte Bosquets, vorüber an farbenprächtigen Teppichbeeten und alten schönen Bäumen, deren dunkel belaubte Zweige sich bis auf die sammet⸗ artigen, großen Rasenflächen niederbeugten, von deren frischem Sie verfolgte einen Pfad, der sich in den schattigen Park verlor.

und der ferne Glockenruf eines Kukuks dieselbe unterbrochen hätte. Am Rande einer kleinen sonnenbeschienenen Lichtung setzte

sie sich auf einen moosbedeckten Baumstumpf und schaute träumend

in die dunklen Kronen der Bäume.

Ihre Gedanken wanderten rückwärts zu vergangenen Zeiten, und sie gedachte der geliebten Mutter, welcher der Abschied von der Welt so schwer geworden, weil sie ihr Kind allein und rathlos unter lieblosen Menschen zurücklassen mußte. Jetzt hatte sie nun ein Heim und eine treue mütterliche Freundin gefunden, und wehmüthig seufzte sie,o hätte doch die Gute dieses Glück noch erleben können. Doch sie wollte der trüben Stimmung nicht Raum geben, auch war es wohl Zeit, den Rückweg zum Schloß anzutreten, denn eine viertel Stunde mochte für sie in stiller Einsamkeit hier verflossen sein.

Eben wollte sie sich erheben, da raschelte es in dem dürren Laub, ein dumpfes Knurren ertönte, und vor ihr stand mit funkelnden Augen ein mächtiger, gelber Bernhardinerhund. Nelly war nicht furchtsam und hatte früher selbst ein ähnlich schönes Thier besessen. Sie streckte ihm daher mit besaͤnftigendem Zuruf die Hand entgegen, um den zottigen Kopf zu streicheln; als sie sich aber erhob, vertrat ihr der Hund knurrend den Weg und zeigte dabei ein so prachtvolles kräftiges Gebiß, daß sie rathlos zögernd ihren Fuß zurückzog.

Da knackten wiederum zu ihrer Seite dürre Aeste.

Pollux, hierher! erklang eine volle, tiefe Stimme; das Gebüsch theilte sich, und aus dem dunklen Hintergrund trat die

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Kühle Waldluft umfing sie, denn nur selten durchbrach ein spärlicher Sonnenstrahl das dichte Blätterdach der mächtigen Eichen und Buchen. Die düstere Stille wäre ihr hier fast unheimlich erschienen, wenn nicht die melodische Stimme des Pirols, das Klopfen des Buntspechts

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