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Sie wollte auch seine Mutter nicht mehr sehen, auch dann nicht, als jene kränker wurde. So hatte Ernst allein den letzten Seufzer der alten Frau gehört, allein ihr die müden Augen zu⸗ gedrückt.—
Und nun? nun sollte sie in dem Hause wohnen, sollte ihr schönes, freundliches Heim verlassen, um sich in die epheu⸗ umsponnene Einsamkeit zu vergraben? Nein, nein, nur das nicht, dort würde sie sterben in den langen, bangen Stunden des Allein⸗ seins. Das durfte Ernst nicht von ihr verlangen, das nicht; und im tiefsten Mitleid mit sich selbst, fing die junge Frau wieder an, sassungslos zu schluchzen. Sie weinte, und weinte,— und weinte sich endlich in den Schlaf. Bald kündeten ihre regel—⸗ mäßigen Athemzüge, daß sie Ruhe gefunden hatte, und nur ein schmerzliches Zucken der Mundwinkel verrieth noch den eben durch⸗ lebten Kampf.
Leise öffnete sich die Thüre, und Ernst trat in das Zimmer. Er war sehr bleich.
Als er sein junges Weib so still zusammengesunken vor sich sitzen sah, hilflos in die Kissen des Lehnstuhls geschmiegt, überkam ihn ein Gefühl der Rührung. Zärtlich streifte sein Auge das bleiche Gesichtchen, doppelt bleich in den Trauerkleidern, um das sich die blonden Löckchen ringelten,— die kleinen, im Schoße verschlungenen Hände,— den rosigen Mund, der so herbe, böse Worte gesprochen. 25
Die Sonnenstrahlen strichen über sie und zauberten ein leises Roth auf ihre Wangen. Sie seufzte im Traum:„O Ernst, Ernst,“ klang es klagend von ihren Lippen.
Da konnte er nicht widerstehen. Sanft beugte er sich zu ihr nieder und hauchte einen Kuß auf ihre Stirn. Nein, nein, das junge Kind, das da so gramversunken vor ihm lag, sollte nicht aus dem schönen, glücklichen Leben gerissen werden, lieber — und er seufzte tief auf,— lieber wollte er verzichten und das traute, theure Elternhaus verkaufen.
Lilli schlug die Augen auf, und sah in das ernste, bleiche Antlitz ihres Gatten. Eine Purpurwelle überfluthete heiß ihr Gesichtchen im Gedenken an die vergangene Stunde, aber schon fühlte sie sich warm umschlungen und mit erstickter Stimme sagte er ihr:„Ich will Deinen Wunsch erfüllen, Lilli, das alte Haus soll keinen Zwist in unsere Ehe bringen.“
„Ernst, Herzensmann, ich wußte ja, daß Du das nicht von Deiner kleinen Lilli verlangen würdest; o ich wäre gestorben da draußen in der weltverlassenen Einsamkeit.“
Er schob sie sanft von sich.
Eine halbe Stunde später wanderte die junge Frau dem Thore zu; nun, da sie nicht hineinziehen brauchte, hatte das Haus seinen Schrecken für sie verloren, und sie wollte es sich nun doch einmal, zum letzten Mal, im Sonnenschein betrachten.
Sie schritt durch den kleinen Garten, in dem die Veilchen dufteten und die Vögel zwitscherten. Wie freundlich schauten die Fenster heut' unter den Linden hervor, über deren Wipfel es wie ein zarter, grüner Schleier lag; wie anmuthig rankte sich der frischglänzende, bräunliche Epheu an dem alten Mauerwerk empor. Aber die junge Frau hatte keinen Blick dafür; hastig zog sie die Klingel.
Schritte nahten; die schwere Hausthür öffnete sich, und wieder stand Lilli in dem dämmrigen Hausflur, wieder wie damals kam ihr die alte Marinka, der seligen Schwiegermutter Faktotum und treue Pflegerin, in blendendweißer Schürze entgegen.
„O die Frau Assessorin,“ sagte sie freudestrahlend. Fast verlegen fragte Frau Lilli, ob sie wohl einmal die Räume sehen dürfe, in denen Mama gewohnt habe.
„Gewiß, o wie gern, habe ich doch Tag für Tag auf der Frau Assessorin Erscheinen gewartet.“
Marinka holte ein Schlüsselbund und schritt voran.
Es ist alles noch, wie Frau Doktor es verlassen haben, der junge Herr hat es so gewollt.
„Sehen Sie, gnädige Frau, das ist die Küche; wie manches frohe Festmahl haben wir hier zubereitet! Zu Ernstchens,— Verzeihung, zu des jungen Herrn Taufe ging es gar hoch her; Sie hätten nur sehen sollen, wie die Frau da strahlte,— der erste Junge!
Dort in der Ecke steht noch das kleine Schemelchen, darauf er als kleiner Bube immer saß und der Mutter bei der Arbeit
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zusah; dort auf dem Tischchen hatten wir ihm einen weißen Bogen aufgelegt, da durfte er Chokolade reiben, die er so gern mochte, Zucker klopfen und Rosinen lesen. 3 Hier drüben stehen die Wäscheschränke. Da haben wir einst zusammen die Brautwäsche eingeräumt, während das junge Paar seine Hochzeitsreise machte.„Marinka,“ sagte die Mutter der seligen Frau zu mir,„steh meiner Lotte mit Rath und That bei; Du bist zwar auch noch jung, aber es ist doch ein Stückchen Heimath für sie, darum gebe ich Dich ihr mit.“ 4 Ach gnädige Frau, da ist gar manche Thräne auf das Linnen gefallen, und manches Gebet um Gluck und Zufriedenheit mit in den Schrank gebettet worden. Ja, es gab viel Freude, doch anch viel Leid in unserm stillen Hause.— 5 Da hatte der Ernst den Fuß gebrochen; hier in seinem Stübchen mit den braunen Tapeten hat er gelegen und vor Schmerz laut aufgejammert. Hier hat die Mutter unermüdlich bei ihm gesessen und vorgelesen, während sein Blick sehnend an dem Grün vor seinem Fenster hing; hier hat er die Nächte hindurch gearbeitet, ehe es zum Examen ging, und hier,— sehen Sie, gnädige Frau, hier im Erker saß seine Mutter, als er ihr jubelnd verkündete:„Bestanden, bestanden.“ Da haben sie sich lange, lange umschlungen gehalten, und sie hat ihn geküßt und gesegnet, — es war ja ihr Einziger. N Dort wo der Epheu zum Fenster hereinnickt, war der Eltern Schlafzimmer; auf diesem Bett hat unser Herr fast ein Jahr lang krank gelegen; er hatte eine Herzkrankheit und war doch so lieb und gut dabei. Dort drüben in der großen Stube haben wir ihn aufgebahrt, unter Grün und Blumen, die er so gern hatte. In den Räumen, wo er gelebt hatte, wurde er auch eingesegnet, dann— trug man ihn hinaus, und seine schmerg⸗ gebeugte Gattin, sein armer Sohn wankten hinter dem Sarge her. Hier auf der Fensterbank hat unser junger Herr als Knabe gar oft gesessen, während die Mutter am Arbeitstischchen nähte. Wie viele Märchen mußte sie ihm da erzählen, wie glänzten seine Augen, und wie stürmisch verlangte er immer nach mehr. Und hier,“ Marinka wischte sich die Augen und fuhr zärtlich über den weichen Stuhl,„hier hat unste gute Frau Doktor so viele, viele Wochen gelähmt gesessen,— hier ist sie auch gestorben, am offenen Fenster, just als die ersten Schneeglöckchen auf dem Beete draußen blühten.„ Sie rief mich zu sich:„Marinka, hole mir meinen Sohn, in seinen Armen will ich sterben; und grüße seine junge Frau; bringe ihr meinen Segen und sage ihr, sie solle meinen Ert recht glücklich machen.— Sie wird kommen, sie hat ein gutes Herz, aber sie ist noch ein Kind! Und wenn sie je das alte Haus betritt, dann gieb ihr,— aber nur ihr,— diesen Schluͤssel; Du weißt, er führt zu dem Stübchen, wo unser Junge in der Wiege schaukelte, dort wird sie meine letzten Grüße finden.“ Marinka schwieg und weinte still; auch Frau Lilli seufzte tief. „Hier ist der Schlüssel, Frau Assessor, es hat Niemand die Stube geöffnet.“ 5 „Ich danke Ihnen, Marinka.“ 3 Die junge Frau trat zaghaft auf die Thür zu. Sie steckle den Schlüssel ins Schloß und öffnete. Sie war allein. Goldenes Sonnenlicht fluthete durch das Epheugrün d Fenster und zitterte in hellen Ringen auf dem Fußboden. zog schimmernde Fäden über eine zierliche Wiege, die in Mitte des Zimmers stand, halb verborgen von den blauseidenen Vorhängen. Daneben lehnte eine Truhe, nur leicht durch ein Tuch verdeckt; Frau Lilli zog es hinweg und wunderniedliche Sachen lachten ihr entgegen: Juppen und Kissen, Mützchen um Lätzchen, alles so klein und fein, wie für eine Puppe; und dort auf dem Tischchen vorm Fenster lag ein versiegelter Brief. Lilli.“ Mit bebenden Händen erbrach sie ihn: 5 Mein theures, vielgeliebtes Kind, Die Erde soll sich nicht über mir schließen, ohne
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daß ich einen Abschiedsgruß, ein Segenswort für Dich zurückgelassen hätte. Tu sollst nie und nimmer glauben, ich sei ohne Lebewohl von It gegangen.— 1 Du bist noch jung und liebst das Leben, wie konntef Dich da an eine alte, kranke Frau anschließen. Aber bede — diese Frau war auch einst jung und glücklich wie Du fühlte sich reich mit ihren Lieben;— und von all' diesen Schäß


