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Einzeldenken der Versammelten in einem Gefühl höherer Weihe untertauchte, unterbrach plötzlich, zum allgemeinen Entsetzen, ein [Schrei die lautlose Stille. hatte das Gretle aufgeschrien, als es die Berührung seines Hauptes durch den Kranz gefühlt und war, denselben mit bei⸗
„Nicht mir, ich bin nicht würdig!“
den Händen abwehrend, ohnmächtig umgesunken. Die Aufregung, welche nach dieser jähen Unterbrechung der
Feier den Ort durchlief, schien sich nicht legen zu wollen. Kaum je waren die Gassen so belebt gewesen. Niemand litt es in der
Stube. In sich bildenden und lösenden Gruppen vor der Kirche, unter den Hausthüren, am Brunnen, überall wo zwei Menschen aufeinandertrafen, wurde bis spät am Abend der unerhörte Vor— fall besprochen. Da war es also offenbar geworden, ein leib—
haftiges Gottesgericht! Dahin führte es, wenn die Herren klüger sein wollen als andere Leut'.
Wie Viele im Dorfe hatten es nun auf einmal längst gewußt und vorausgesehen, daß so eine Stille, wie das Meßnermaidle, die Allerschlimmste sei. Und auf den Joseph hatt' es also spekulirt,— er war gesehen wor— den, wie er am Sonntag z Nacht ins Haus schlich, wo er und mancher Andere vielleicht gar wohl Bescheid wissen mocht'! Indem man sich immer weiter in Erbitterung und Schadenfreude hineinredete, schossen Gerüchte wie Pilze auf, wurden die un⸗
begründetsten Annahmen und Voraussetzungen im Nu zu ver⸗
bürgten Thatsachen. Schließlich war an der ganzen Familie des armen Mädchens kein gutes Haar mehr und es galt nur noch die Frage zu entscheiden, was größer sei, die Schlechtigkeit
f der scheinheiligen Meßnersleute oder die närrische Verblendung
der Obrigkeit, welche die Wahl in dieser Richtung geleitet hatte.
Wie nun Alles in der Welt keine von den geschäftigen Hän⸗ den, welche sich vor zwei Tagen herzugedrängt hatten, das Gretle aus seinem bescheiden gewahrten Dunkel zu ziehen, in der Kirche das bewußtlos daliegende Mädchen angerührt haben würde, so auch mied man nun das Häuschen, welches betreten zu können vor wenigen Stunden noch als eine Art Gunst erschienen war. Selbst die brennendste Neugier, welche sich endlich doch, wie auch die wenigen ruhiger denkenden Köpfe, sagen mußte, daß ja eigentlich durch den Ausruf des Mädchens noch nicht das Mindeste vom Grund seiner Weigerung bekannt geworden sei, wagte nur scheu und in weiten Kreisen um die Stätte möglicher Aufklärung zu schleichen.
Dort sah es traurig aus.
Finster und schweigend, den Kopf in beide Hände gestützt, saß der Meßner an derselben Stelle, wo der Pfarrer ihm, um seinen durch der Tochter öffentliches Geständniß maßlos auf⸗ flammenden Zorn zu beschwichtigen, ein inhaltsschweres Wort gesagt hatte. Die Wirkung desselben war zauberisch, aber furcht⸗ bar gewesen. Man sah es dieser gebrochenen Gestalt an, daß alle innere Sehnen ihres Seins zerrissen seien.
Auf dem Bett in seiner Kammer lag ebenso still und laut— los das Gretle. Etwas wie Befreiung und Frieden war über das zarte Gesicht verbreitet, doch die blauen Augen blickten starr und ausdruckslos. Wenn auch das körperliche Dasein zurück⸗ gekehrt, war doch das geistige entflohen für immer. Vergebens hatten Thränen und Bitten der Geschwister um ein einziges Er⸗ kennungszeichen gerungen. Jetzt saßen sie wie betäubt und schmerzensmüde um das Lager. Die Buben aber ballten dabei die Fäuste wie im Grimm. Es sollt' sich nur noch Jemand trauen, was auf's Gretle zu sagen, sie wollten's ihm weisen! Hatten sie doch genug der Unbill, die ihnen, wo sie sich blicken ließen, in den wenigen Stunden bereits reichlich genug zu— gemessen worden war.
Das Stasele konnte diesen schweigenden Jammer hier und den des alten Mannes unten in der Stube endlich nicht mehr mit ansehen. Leise schlich es zum Vater und legte sein thränen— überströmtes Gesicht auf den grauen Kopf.
„Vater, Vater,“ sagte es schluchzend,„'s Gretle hat gewiß nimmer was Schlechtes than!“
Er sah zu dem Mädchen auf. Wie alt und verhärmt war er in der kurzen Zeit geworden!
„Nein, Stasele,“ antwortete er,„'s büßt wahrlich nit für sich!“
„So kommt mit!“ i
Sie zog ihn zum Lager derjenigen, welche gestern noch ihrer
doch gestorben war. Der Vater legte die Hand auf das regungs— lose Haupt. Es durchzuckte ihn, als er das weiche Haar be— rührte, und der ihm bis dahin versagt gewesene Segen der Thränen erleichterte auch seine stumme Qual. i
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Fast gleichzeitig empfing Joseph von dem sterbenden Vater mit der Erklärung des auch ihm Unbegreiflichen seinen reichlichen Antheil an diesem leichentuchartig niedergesunkenen Jammer. Es war die alte, ewig wiederkehrende Heimsuchung des Fehls der Eltern am Glück der Kinder, von der ihm Kunde ward.
Einem Liebesverhältniß, welches sein Vater mit Gretle's Mutter vor deren Verheirathung unterhalten hatte, verdankte er das Dasein. In der nahen Schweiz, wohin sie von den Eltern zu Verwandten geschickt worden war, um die Annäherung des damals armen Burschen abzuschneiden, und wohin das Schicksal diesen dann selbst im Dienste seines auch dort begüterten Herrn führte, hatten sich Beider Freude, Fehl und Leid vollzogen, doch ohne daß irgend welche Kunde davon in die Heimath gelangte. Später dahin zurückgekehrt, hatte das Mädchen dem Drängen der die Werbung des damals vermöglichen Webers Klein begün⸗ stigenden Eltern nachgegeben. Nach ziemlich freudloser, mit stiller Pflichterfüllung getragener Ehe war sie gestorben, ohne daß selbst ihr Mann eine Ahnung ihrer geheimen Schuld ge— habt hätte. Standhafter als sie, hatte der Verwalter, welcher sich nie entschließen konnte, eine Andere zu heirathen, sein ganzes Herz an das Kind seiner Liebe gehängt. Jahren, vom Glück begünstigt, die Schloßverwalterstelle in Blotz⸗ heim erhielt, begleitete ihn der erwachsene Knabe, welcher, wie alle Welt, von seinem Ursprung nichts anderes wußte, als daß er nach dem frühen Tode seiner Mutter bei einer Muhme auf⸗ gezogen worden war, bis die Verhältnisse des Vaters diesem gestattet hatten, diesen zu sich zu nehmen.
Voll aufrichtigen Schmerzes schloß Joseph mit heißem Kusse das stammelnde Bekenntniß des bleichen Mundes. Sein Blick begegnete voll kindlicher Liebe dem des brechenden Auges, das flehend auf ihn gerichtet war. Welches Recht hätte er auch ge— habt, einem so treuen Vaterherzen zu zürnen?
Nachdem sich aber das Grab über demselben geschlossen hatte, da fühlte er, daß sein ganzer bisheriger Mensch in dasselbe ge— sunken sei. Aus dem frohherzigen Jüngling war ein finsterer Mann geworden, welcher streng und ruhelos die Pflichten des ihm zugefallenen Amtes vollzog.
So lange die warme Sommersonne schien, verbrachte er oft ganze Stunden im Schloßgarten an einer Stelle, die ihm er— laubte, unbemerkt nach der Bank vor des Meßners Häuschen zu starren, wenn auf derselben das Gretle saß, welches mit aus— druckslosem Blick sich niemals zum Kranze fügende Blumen und Blätter in den Händen bewegte.
Als aber mit dem fallenden Laub des Jahres auch dieses müde Herz im kühlen Schooß der Erde Ruhe fand, verließ Joseph das Dorf für immer.
Jose Blätter.
A. Valladier, ein trefflicher Kulturhistoriker, nennt die Werthschätzung des Alten achtbar und gut, sofern die Gebräuche gut sind, an denen der Mensch hängt, aber der Stillstand ist nach seiner Ausicht ebenso un⸗ möglich, wie das Bemühen heillos, denselben zu erzielen. Ein Volk sei außer Stande, unbeweglich zu bleiben, wenn ringsum Alles fortschreite. Nach Valladier existirt ein allgemeines, unwiderstehliches Gesetz, dem Niemand sich entziehen kann und das früher oder später die Einzelnen, die Nationen und ihre Regierungen mit sich fortreißt.„Indem es, sich auf neue Bedürfnisse beziehend, von der Wissenschaft und dem Gewerb⸗ fleiß geleitet wird, bildet es alles Bestehende um. Es rottet Unwissen⸗ heit, Vorurtheile und Schlendrian aus, vermindert die Zahl der Kriege, zerstört das Elend und wird die Menschen dereinst zu einer einzigen, friedlichen Familie vereinigen, das Glück und den Frieden der Nationen begründen. Dies ist das Gesetz des Fortschritts, welches wie alle gött⸗ lichen; in die Natur des Menschen gelegte Gesetze, keine Ausnahme zu⸗ läßt. Vergleichen wir unser Jahrhundert mit den Zeitaltern der Barbarei. Das Geschlecht der Zeitgenossen hat bereits köstliche Früchte des Fort⸗ schritts geerntet— unsere Nachkommen werden sie noch vollständiger ge⸗ nießen, denn die Welt strebt unablässig ihrer Vervollkommnung zu.“
Th. Bd.
Als er in späteren
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Aller Freude und Stolz gewesen, jetzt, obgleich lebend, für sie


