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gestört werde. Der Samen, den die strenge Hand des letzteren gestreut und unermüdlich bewacht hatte, war auch in der fröh⸗ lichen, liebevollen und arbeitsamen Einigkeit aufgegangen, welche herzlich und neidlos ihr Scherflein zum Ehrentage der Schwester beizutragen strebte.

Während in solcher Weise die geschwisterlichen Hausgeister still und geschäftig am Herd, in Küche, Stube und Gärtchen walteten, hatte das Gretle Zeit genug, sein Morgengebet recht sorgsam nach Herzenslust zu verrichten. Noch niemals war es dabei so froh und dankbar gewesen wie heute. Ja, als es, die gefalteten Hände auf die Augen gedrückt, auf dem Schemel vor dem Muttergottesbilde kniete, um, als Vorbereitung zur Beichte, nach den kleinen Gewohnheits- und Unterlassungssünden, von denen nun einmal der beste Wille die menschliche Natur nicht freihalten kann, recht scharfe Umschau in seiner Seele zu halten, konnte es vor dem Licht und der Seligkeit darin ihrer gar nicht wie sonst habhaft werden. Fast ängstlich und ärgerlich war das dem Mädchen, denn gerade heute hätte auch nicht ein Stäubchen der Unvollkommenheit dem väterlichen Auge des geistlichen Be rathers entgehen dürfen. Aber er kannte ja des Mädchens Thun und Lassen so genau fast wie der liebe Herrgott selbst. Und dieser verzeiht schon einer jungen Menschenseele, wenn sie vor übergroßer Freude, die doch nur Er ihr geschenkt hat, das Denken verliert und vor Ihm nichts als Demuth und Dank und glückselige Thränen hat. 5

Friedsamer Glanz und Hoffnungsfrische lagen auf dem fromm unschuldsvollen Gesicht des Mädchens, als es, aus dem Hause tretend, die aufgehende Sonne mit frohem Strahl seines Auges grüßte. Doch gleich senkte es dasselbe auf das Gebetbuch in seiner Hand, um eilfertig den Weg zur Kirche einzuschlagen. Hatte ihm doch der Herr Pfarrer gestern Abend noch empfehlen lassen, sich heute besonders zeitig am Beichtstuhl einzufinden.

Schon war die Frühmesse eine gute Weile vorüber und die während derselben fast leere Kirche fing an, sich mit einzelnen Vorsichtigeren der von weit und breit zum Feste herbeieilenden Besucher zu füllen, welche einen guten Platz, auf dem man Alles sehen konnte, gern mit längerem Warten erkaufen wollten. Noch immer aber kniete das Gretle, den Kopf tief gesenkt, das Ge sicht in den Händen verborgen, auf dem Platze, den es ein genommen, nachdem es gebeichtet und den lieben Herrgott em pfangen hatte. Sein andächtiges Beten, seine demüthige, fast gebrochene Haltung fanden unter den sich sammelnden Weibern neue Billigung. Das war schon wahr, so ein frommes, be scheidenes Maidle wie das Gretle gab's in der ganzen Gemeinde nicht. Ob noch ein anderes so bescheiden und Gott und den Menschen dankbar sein möchte für das ihm zugefallene Glück? Endlich aber schaute doch der bei den Vorbereitungen zum Amt hin- und hergehende Vater fast besorgt auf das noch immer unbeweglich dakniende Mädchen. Leise zupfte er es am Arm und bedeutete ihm, es möge doch jetzt schon heimgehen, denn die Zeit schreite vor und nicht allzu lange, so werde man es aus dem Hause abholen kommen. Beim Laut der väterlichen Stimme blickte das Gretle auf. Aus einem todtenblassen, verweinten Gesicht starrte ein fast erloschenes Auge wie geistesabwesend den Mahner an. Erschrocken mußte dieser die Aufforderung wieder holen, der das Mädchen dann sogleich, doch wie mechanisch und mit müdem Gange, Folge leistete. Kopfschüttelnd nahm der Meßner seine Arbeit wieder auf.Daß es auch dem Maidle gar so auffallt,) dachte er dabei sorgenvoll.Aber stark war's halt nie, und die Freud' und Ueberraschung ist auch gar so gach kommen!

Das Häuschen war bei Gretle's Rückkehr schon mit Ver wandten und Bekannten gefüllt, deren jede bei dem Ankleiden der Augräfin mit Hand anlegen oder wenigstens zuschauen mußte. Manche hatten es sich zugleich nicht versagen wollen, die Wir kung des selbst zum Putze Beigesteuerten recht gemächlich in der

den Neid Derer einzuheimsen, die nichts oder minder gegeben hatten.

Einer Bildsäule gleich ließ das Mädchen Alles mit sich ge⸗ schehen. Den Morgenimbiß, welchen die Schwester brachte, be

K) Augreift.

Nähe anzuschauen und neben dem wiederholten Dank etwa auch

rührte es nicht. Blaß wie eine Sterbende saß es da unter den geschäftigen Händen und unwillkürlich füllten sich seine Augen mit Thränen, wenn es sich mühsam zwingen wollte, in seiner gewohnten freundlichen Weise zu lächeln.

Ein Zittern lief durch seine Glieder, als jetzt das dritte Läuten, diesmal mit allen Glocken, das Nahen des ihm be stimmten feierlichen Geleites verkündete. Gesenkten Hauptes hörte es die übliche Ansprache des Augrafen. Kaum auch war es sich dessen bewußt, daß darauf der für den männlichen Tugend⸗ preis erkorene Bursch seine Hand ergriff, um mit ihm auf dem Wege zur Kirche die vom Herkommen bestimmte Stelle im Auf⸗ zuge einzunehmen. Der Augraf, gefolgt von den Vätern oder

Vormündern der zur engeren Wahl gelangten Jungfrauen und

Jünglinge, eröffnete denselben. Nach ihnen kam der Vater der Augräfin. Ein Schatten, den die freudige Gelegenheit nicht rechtfertigte, lag auf der gefurchten Stirn des Meßners. Seine Gedanken weilten besorgt bei der Tochter, die mit ihrem Führer

gleich hinter ihm an der Spitze der übrigen, nach der Anzahl der auf sie gefallenen Stimmen geordneten weiblichen und männ- lichen Bewerber daherschritt, denen, den Zug beschließend, die

Mütter der letzteren folgten.

Trompeten- und Orgelklang empfingen die Augräfin in der gedrängt vollen Kirche. Sie wurde zu dem ihr bestimmten Ehren platz, einem in der Mitte des Chores mit Teppichen geschmückten Betstuhl, geführt, während die beiden mit dem zweiten Preise bedachten Jungfrauen zu jeder Seite Platz nahmen. Rechts im Chor reihten sich die Jünglinge, links die Jungfrauen des Zuges.

Mit allem Pomp, den die Veranlassung erforderte, vollzog sich nun das Seelenamt für die verstorbenen Mitglieder der Familie, welche einst der Gemeinde die Au geschenkt hatten. Konnte es im Fegfeuer größere Qualen geben als die, welche Gretle's Herz durchwühlten? Weiter empfand und dachte dieses nichts während der feierlichen Handlung. Mahnung seiner Nachbarin erhob es sich, um der der Augräfin zustehenden Auszeichnung gemäß den Gang zum Opfer zu er⸗ öffnen, auf dem ihr in der vorgeschriebenen Ordnung zuerst alle Gefährten, dann deren Eltern und schließlich die übrigen Ge meindemitglieder zu folgen hatten. Für das Gretle, auf das sich jetzt alle Blicke richteten, war es ein Kalvariengang.

Mit der Einsegnung der beiden Denkmünzen und des Tugend⸗ kranzes, welche der greise Pfarrherr nach der Beendigung des Amtes vornahm, begann die eigentliche, den allgemeinsten An theil erregende Feier. Burschen, sowie ihre Angehörigen dabei verhalten würden, unter

denen es manche gab, deren Hochmuth, zur Genugthuung vieler Zuschauer, die Theilnahme an der Ehre in zweiter, dritter oder gar letzter Reihe doch nicht so leicht verschmerzte, schon das Doch r f

war für die Augen sattsame Beschäftigung. hafteten dieselben an der Augräfin. Was schaute sie denn au

noch immer gar so traurig und niedergedrückt d'rein? Diese

unbewegliche Hoffnungslosigkeit in den lieblichen Zügen schien

denn endlich doch aus Frömmigkeit, Demuth und Bescheidenheit 1 allein nicht recht ertlärlich. Schon um der Leute willen und

um seine Dankbarkeit zu beweisen, hätte das Maidle sich auf⸗ raffen müssen, wenn's selbst, was ja möglich wäre, krank sei.

Auf eine feierliche

Zu beobachten, wie sich die Maidle und

Aber es hatt' immer so ein apartes Wesen gehabt; ein anderes

möcht' schon besser wissen, wie sich's bei einem solchen Anlaß aufführen sollt'. sammelten verschärften sich, als der Pfarrer sich im weiteren Verlaufe der Feier mit herzlicher Ansprache an die Augräfin wandte. Gar so sehr loben und herausstreichen brauchte er sie dabei doch auch nicht, und daß ihm gar die Stimm zitterte und man hätt' meinen mögen, s Greinen sei ihm nah! a

In der That lag tiefe Bewegung im Wesen des ehrwürdigen Greises und mit besonderer Güte schien sein Blick das vor ihm

kniende und die eben empfangene Denkmünze schlaff in der Hand

haltende Mädchen ermuthigen zu wollen, als er, den Kranz er⸗ hebend, die Zuversicht aussprach, die außergewöhnliche Anerkennung seines bisherigen bescheidenen Wandels werde an demselben nichts

ändern und das Gretle das Ehrenkrönlein in wahrer Demuth nur mit dem Hinblick auf die welterlösende Dornenkrone des Heilandes empfangen.

In diesem Augenblick, dessen mächtiger Eindruck wohl alles

Diese und ähnliche Erwägungen der Ver⸗