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„Also endlich? Ich finde es nicht galant, mich hier so lange warten zu lassen! Kommen Sie nur näher heran, Graf, ich bin kein Gespenst, sondern ein Weib von Fleisch und Blut. Das sage ich Ihnen aber im Voraus, Sie werden Mühe haben, mich zu versöhnen.“
Der Graf stutzte, denn diese Stimme schien ihm fast fremd. Doch die Erregung hinderte ihn, darüber nachzudenken und, langsam sich nähernd, erwiderte er mit rauher Stimme:
„Allerdings würde ich zu dieser Tageszeit eher einen Geist als Sie, mein Fräulein, hier vermuthet haben, wäre ich nicht bereits vorher von Ihrer Anwesenheit unterrichtet gewesen! Die Ueberraschung wird auf Ihrer Seite sein, wenn Sie sehen, daß Sie sich in meiner Person irren;— mich haben Sie jedenfalls hier nicht erwartet!“
Noch bevor er geendet, war das junge Mädchen hastig auf⸗ gesprungen, und fast schien es, als wolle sie die Flucht ergreifen. Sie mußte aber wohl die Fruchtlosigkeit des Suchens nach einem Ausweg erkennen, denn sie blieb aufgerichtet stehen, kreuzte die Arme über der Brust und wendete das Gesicht von ihm ab, um ihre Rathlosigkeit zu verbergen.
„Doch ich bin Ihnen zunächst die Mittheilung schuldig,“ fuhr der Graf fort,„daß ich allein einem Mißverständniß die Kennt— niß Ihrer Anwesenheit danke. Durch ein Versehen gelangte Ihr Brief in meine Hände und ich öffnete ihn, ohne die Adresse gelesen zu haben.“ i
„Ah!—“ stieß sie zwischen den Zähnen hervor,„und trotz⸗ dem Sie später entdeckten, daß der Brief nicht für Sie bestimmt war, glaubten Sie dennoch die Rolle des indiskreten Lauschers selbst bis zu dieser Stelle ausdehnen zu dürfen? Das ist stark!“ — und plötzlich sich zu ihm kehrend und die Augen mit feind— lichem Ausdruck auf ihn richtend, fuhr sie in befehlendem Ton fort:„Wollen Sie mir sagen, was Sie zu dieser Taktlosigkeit veranlaßt?“
Graf Udo trat bestürzt einen Schritt zurück, denn er blickte in die erregten Züge nicht Nelly Longsword's, sondern—— Irma's von Maien— seiner früheren Braut, die er seit drei Jahren nicht mehr gesehen. Einen Augenblick war er sprach— los, dann aber trat von den Gedanken, welche in wirrer Folge sein Hirn durchkreuzten, zuerst der eine in den Vorder— grund, daß er um jeden Preis seine Ueberraschung unterdrücken, daß er klug und vorsichtig handeln müsse, um Nelly, um die Geliebte seines Herzens vor diesem Weibe nicht zu kompromittiren. Schnell gefaßt erwiderte er daher mit einer förmlich gemessenen Verbeugung:
„Was mich veranlaßt, hierher zu kommen, möchten Sie wissen, mein gnädiges Fräulein? Nun denn! Der Wunsch, diesen Brief — Ihr Eigenthum— persönlich in Ihre Hände zurückzulegen, um zu verhüten, daß irgend wer— und wäre es selbst mein Bruder— von diesem Schritt Kenntniß erhält, den Sie in Uebereilung und ohne reifliche Ueberlegung unternommen haben. Hier, bitte, nehmen Sie!“
Irma hatte in ohnmächtigem Zorn den Brief in Stücke zerrissen.
„Haha!“ lachte sie auf,„wirklich sehr zartfühlend, Herr Graf. Aber ich liebe solche Bevormundung nicht und bin gespannt zu erfahren, durch was Sie sich zu dieser Mentorschaft berechtigt glauben?“
Auch bei dem Grafen regte sich jetzt der Unwille. Ein flammender Blick zuckte auf Irma hernieder, dem sie nicht zu begegnen vermochte.
„Dieses Recht verleiht mir die Pflicht!“ entgegnete er,„meine Pflicht als Haupt des Warren'schen Geschlechts. Im Besitz Ihres Briefes wäre mein unbesonnener Bruder Ihrer Aufforderung gefolgt, und das Bewußtsein meiner Mitwissenschaft würde den Grafen Heinz von Warren nöthigen, den gefährdeten Ruf der Baronesse von Maien durch eine Verbindung, selbst gegen seine Neigung, vor Makel zu retten. Das wäre ein Zwang— nun, sagen wir, der Verhältnisse, vor welchem ich meinen Bruder zu schützen gedenke, zumal ich auch aus anderen Gründen eine Liäson zwischen ihm und Ihnen, mein Fräulein, nicht billige.“
„Genug, Herr Graf! ich durchschaue vollkommen den edlen Zweck Ihrer Anwesenheit. Sie haben den Brief unterschlagen, — absichtlich unterschlagen, um Ihre Rache an mir zu kühlen.
Fürwahr, recht ritterlich! Doch Geduld! Wenngleich ich auch augenblicklich wehrlos bin, die Stunde der Abrechnung wird schon
noch kommen!“
Ihre Lippen zuckten und mit einem Blick unauslöschlichen ö
Hasses wollte sie an ihm vorüber.
Der Graf rührte sich nicht. Mit kalter Ruhe entgegnete er: „Worte der Erbitterung können mich nicht kränken, vorsätz⸗
lichen Beleidigungen oder sonstigen Anfeindungen werde ich zu
begegnen wissen.“
bitte, der Weg ist offen! Ich werde Sie begleiten.“
Schweigend ging er neben ihr her und überdachte, was er 1 soeben erlebt. Sein Gewissen sprach ihn frei von jeder Un⸗
gerechtigkeit, denn alle seine Worte waren seiner innersten Ueber⸗ zeugung entsprungen. Als die Lichter ihres Wagens, welcher am Waldrand harrte, vor ihnen erglänzten, hemmte er seine Schritte und wendete sich mit sanfter, versöhnender Stimme noch einmal zu seiner erzürnten Begleiterin:
„Irma! Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß ich Sie hasse. Ich handelte wie ich uußte, um Unglück von unseren Familien fern zu halten. werden Sie mir Recht geben. Und nun leben Sie wohl!“
Er grüßte höflich und eilte zum Schlosse zurück.
Wie leicht wurde ihm jetzt der Weg, der ihm noch vor Kurzem so mühsam und lang erschienen. Vor ihm schimmerte jetzt ein Hoffnungsstern, dessen Licht den verschlungenen Pfad seiner Ge— danken strahlend erleuchtete und ihn die selbstgeschaffenen Hinder⸗
nisse auf der Bahn des Glücks in ihrer ganzen Nichtigkeit er— 1
kennen ließ. Wohin hatte heute wieder sein Mißtrauen ihn geführt? War
er nicht im Begriff gewesen, im blinden Wahn unbegründeter N
Eifersucht Leben und Glück mit eigner Hand zu zerstören? Er
Dann zur Seite tretend, sprach er:„Jetzt,
Später, wenn Sie ruhiger denken,,
schämte sich vor sich selbst.— Wie aber konnte er das Unrecht
sühnen, welches er der unschuldigen Nelly zugefügt? War er 1
doch, wie häufig in letzterer Zeit, so auch heute beim Familien⸗ diner erschienen,— heute wie ein feiger Lauscher in der un⸗ würdigen Absicht, den Verkehr des jungen Mädchens mit seinem Bruder heimlich zu beobachten. Jeden ihrer Blicke hatte er lauernd verfolgt, jedes Wort deutelnd geprüft, und je weniger er in ihrem gleichmäßig freundlichen Wesen und in ihrem harm⸗ losen Geplauder eine Bestätigung seines Verdachtes finden konnte,
desto verächtlicher und kränkender war er ihr begegnet. Er hatte 15 die Thränen in ihren Augen recht wohl bemerkt, und jetzt fühlte
er, daß er nicht zögern dürfe, den Kummer von ihrer Seele zu nehmen.
Anderes? Mit schnellen Schritten durcheilte er den Park.
und ihr sagen, wie unendlich lieb er sie hatte.
Auf der Garten-Veranda des Schlosses erblickte er Licht, und Sie war allein. Helenens Stickkörbchen stand auf dem Tisch, diese selbst mochte in's Zimmer gegangen sein; die Stühlchen der Kinder waren
— welches Glück— dort saß auch Nelly.
leer; von Heinz nichts zu sehen. Zu Nelly's Füßen lag Pollux und hatte das mächtige Haupt in ihren Schooß gebettet. Udo hatte, als er Abends das Schloß verließ, den Hund eingesperrt, derselbe mußte sich durch einen Sprung aus dem Fenster befreit und— glücklicher als sein Herr— den Weg zu Nelly, seiner
wohlwollenden Freundin, gefunden haben. Das junge Mädchen schien in schmerzliche Gedanken versunken; sie ließ die Hand über den Kopf des klugen Hundes gleiten und Thränen stahlen sich
über ihre Wangen.
Mit klopfendem Herzen und erzwungener Ruhe ersteigt Graf
Udo die Stufen der Treppe. Pollux bewegt freudig wedelnd den buschigen Schweif. Das Mädchen blickt auf und vor ihr steht der Mann, dessen sie soeben gedacht.
„Nelly, Sie weinen? Ich errathe den Grund! Können— wollen Sie mir vergeben?“ spricht er mit bittender Stimme.
Sie ist durch die plötzliche Erfüllung ihres stillen Wunsches zu sehr überrascht und vermag nicht zu reden. Stumm nickt sie mit dem Kopf und sucht ihre Bewegung zu verbergen.
Der Graf zieht einen Sessel zu ihr heran und ergreift ihre
Keine Sühne schien ihm zu schwer, ihre Verzeihung zu erringen. Ihre Verzeihung? Erstrebte er denn wirklich nichts Vielleicht konnte er sie heute noch sehen, konnte sie heute noch sprechen
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CCC 55 8———
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