zu den
Obherhessischen Muchrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
XI.
Ochleppend langsam schlich die Zeit für Graf Udo dahin.
Endlich näherte sich der heiße, schwüle Herbsttag seinem Ende. Rothleuchtend stieg die Sonne zum Horizont hernieder und ver— goldete scheidend die grauen Zinnen des Schlosses. Ein kühlerer Wind bewegte die Baumkronen. Verspätete Schwalben schossen pfeilgeschwind über die glatte Fläche des Schloßteiches, Nelken und Rosen spendeten als Gutenachtgruß einen schier betäubenden Duft, und als das Abendroth mit der Sonne versunken, stieg die silberne Scheibe des Mondes aus den Wipfeln des fernen Waldes empor und warf ihr geheimnißvolles Licht in die be— ginnende Dämmerung. g Die frische Waldluft umwehte kühlend die Stirn des stillen Wanderers, welcher auf einsamem Pfade zur Ruine der alten Stammburg der Warrens hinanstieg. Mit düster zusammen— gezogenen Brauen schritt Graf Udo— denn dieser war es— fast zögernd auf dem steinigen Wege weiter. Sein Zorn war
verraucht und hatte einer Weiher Stimmung Platz gemacht. Ign den langen Stunden des Wartens hatte er Zeit gehabt, sein Verhältniß zu der jungen Freundin seiner Schwester einer gerechteren Prüfung zu unterwerfen, als es ihm in der ersten Erregung kurz nach Empfang des unglücklichen Briefes möglich gewesen, und er gelangte zu einem Resultat, welches den Glauben an die Berechtigung seiner Erbitterung ganz gewaltig erschütterte. Ist die Liebe nicht ein freies Geschenk? Hatte er einen begründeten Anspruch auf die Neigung dieses Mädchens? War es nicht ganz natürlich, daß sie sich zu seinem Bruder, dem glänzenden, leichtlebigen Offizier, mehr hingezogen fühlte als zu ihm, dem älteren, ernsteren Manne? Und wahrlich!— er mußte es sich gestehen— sein finsteres Wesen und die durch Unglück und Einsamkeit gesteigerten Härten seines Charakters befähigten ihn wenig, die Neigung eines Weibes zu erwecken. Konnte Nelly denn wissen, daß unter diesen abstoßenden Schlacken RVächstenliebe und Lebenslust in seinem Herzen als unsterbliche Funken glühten, welche nur des erlösenden Hauches wahrer Gegen— liebe bedurften, um zur mächtigen Flamme veredelter Lebens— freude emporzulodern? Aber hafte er ihr denn überhaupt seine Neigung gestanden? Hatte sie ihre Erwiderung ihm verheißen, und gab es daher einen triftigen Grund, sie des Wortbruches zu beschuldigen, da sie doch durch kein Versprechen ihm ver⸗ pflichtet war?——
Rathlos stand er diesen Fragen gegenüber, und fast wäre er auf seinem Wege umgekehrt. Doch als er schwankenden Sinnes stehen blieb, da glaubte er wieder Nelly's anmuthige, edle Erscheinung und ihre offenen, Vertrauen erweckenden Züge
Gießen, den I. Juni W 16886.
Schloß Warren.
Novelle von Georg Harnisch. (Schluß.)
zu sehen, glaubte ihre herzliche, wohlklingende Stimme und die Worte tiefen, wahren Empfindens zu vernehmen, und es wollte ihm nicht gelingen, mit diesem edlen Bilde den leichtfertigen, herzlosen Ton in Einklang zu bringen, welchen jede Zeile des heutigen Briefes so unverkennbar redete. Dieser Widerspruch ihres Wesens, der allerdings einer beabsichtigten Täuschung ähn— lich sah, mußte aufgeklärt werden, und darum mußte er Nelly sehen und sprechen. 5
Mit entschlossenen Schritten erklomm er den steilen Hang des Burgberges und trat aus dem dichten Gestrüpp auf die unbewaldete Kuppe.
Vor ihm lag die Ruine, deren dunkles Gemäuer sich in scharfen Konturen von dem helleren Abendhimmel abhob. Durch die leeren, zerborstenen Fensteröffnungen brach das bleiche Licht des Mondes, aber der Fuß der Mauern lag noch in tiefem Schatten verborgen, und der Graf suchte vergeblich nach einer menschlichen Gestalt zwischen den epheuumsponnenen Trümmern.
Die bestimmte Stunde mußte längst angebrochen sein, denn er hatte sich etwas verspätet. Sollte das junge Mädchen sich doch gescheut haben, allein den einsamen Weg anzutreten? Konnte ihr nicht aber auch ein Unfall zugestoßen sein? Udo fühlte, wie bei diesem Gedanken sein Herz unruhig pochte, wie einige kalte Schweißtropfen von seiner Schläfe perlten, und in ungewöhnlicher Hast durcheilte er die ihm wohlbekannten, fin— steren Gänge.
Nirgends eine menschliche Seele.
Seine Besorgniß steigerte sich zur Angst, und fast laufend strebte er den jenseitigen Ausgang zu erreichen.
Plötzlich stockte sein Schritt;— wie angewurzelt stand er unter dem Thorbogen und starrte auf den schwach beleuchteten Vorplatz. Dort, hart am Rande des Abgrundes, saß auf den Ueberresten der alten Ringmauer die Gestalt eines Weibes. Sie hatte den Kopf in die Hand gestützt und schien hinauszuspähen auf die Straße im Grunde, von der sich der Fußpfad zur Ruine abzweigte. 971
Ein nie gekanntes Gefühl— die Eifersucht— regte sich in Udo's Brust. Also doch hatte Nelly dieses wenig schickliche Wagniß unternommen, war zu dem Stelldichein gekommen und harrte jetzt des Geliebten,— des Andern, dessen Glück er be— neidete. Unmuthig bog er den Ebereschenzweig, welcher ihm den Austritt in's Freie verwehrte, zur Seite. Der Ast brach, und von der Mauer, in deren verwitterten Fugen der Baum wur⸗ zelte, rollten lose Steine polternd zur Erde.
Da hob das Mädchen den Kopf, blickte zu ihm herüber und
rief wit scharfer Betonung:
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