Ausgabe 
16.12.1888
 
Einzelbild herunterladen

406.

für den Herrn Major, hörte sie sagen. Nun war wohl auch der Augenblick da, in welchem sie sich ihm mit ihrer duftigen Gabe nähern mußte. Die Eltern würden nun mit dem Ge⸗ feierten um den Kaffeetisch in der Veranda versammelt sein. Ihr war seltsam beklommen zu Muth, als sie die Treppe hinabstieg. Vor der Zimmerthür des Majors angelangt, zögerte sie unbewußt einen Moment, und als ob er, mit dem sich ihre Gedanken unausgesetzt beschäftigten, eine Ahnung von ihrer Nähe hätte, öffnete sich plötzlich seine Thür, und er stand vor ihr in dem dämmerigen Flur. Beide Hände streckte er ihr entgegen. Hedwig!

Sie reichte ihm wortlos den Strauß. Unter heißem Erröthen sah sie, wie er seine Lippen darauf preßte.

Welche Schlüsse darf ich aus dieser Gabe ziehen? fragte er leise, die Augen über die Blumen fort auf sie gerichtet.

Daß ich Sie liebe! lag es ihr auf den Lippen. Aber es war, als ob eine unsichtbare Hand ihr den Mund schlösse.Daß heute Ihr Geburtstag ist, sagte sie nach einer Weile.

Zu dem artige Leute einen Vers aufsagen, fiel er ein. Sie sind mir denselben noch von neulich her, dem mir unver⸗ geßlichen Mondscheinabend, schuldig geblieben.

Sie athmete schneller. Nun lag es in ihrer Hand, ihn für immer festzuhalten. Nicht wieder durfte sie sich den Augenblick entgehen lassen! Ein kokettes Lächeln kräuselte ihre Lippen, ihm nähertretend, sah sie ihn mit einem schimmernden Blick an.Soll ich eine Gewissensfrage an Sie richten?

Er nickte stumm.

Besitzen Fünfundvierziger noch die Fähigkeit, eine aufrichtige Zuneigung aus Herzensgrund zu erwidern? Belehren Sie mich!

Ueber Alles geliebtes Mädchen! Dieser Raum ist zu

prosaisch, um mein Zugeständniß zu vernehmen Heut' Abend dort im Mondschein, im Garten Wollen Sie kommen? Er fragte es dringend, und sie legte betheuernd

die kleine Hand in seine dargebotene Rechte, welche sich fest um die ihrige schloß. Und Hand in Hand betraten die Beiden die Veranda. Die Frau Bürgermeisterin, welche an der Spitze der Ihrigen am Kaffeetisch saß, öffnete ihre Augen weit bei diesem Anblick. Eine leichte Röthe trat in ihr Antlitz, sie schüttelte mißbilligend, vielleicht nur für Hedwig bemerkbar, das Haupt. Sie konnte sich nicht überwinden, in die Glückwünsche ihres Gatten einzustimmen. Sie sagte:

Ist meiner Tochter nicht wohl, Herr Major? sie so sorgsam.

Er verneigte sich tief.Nur ein verlängerter Händedruck, gnädigste Frau, als Geburtstagsgabe erbeten. Ueben Sie Nachsicht mit dem Frevler! Er ließ sich an ihrer Seite nieder, und streifte flüchtig mit den Augen die Adressen der Briefe, welche neben seiner Kaffeetasse lagen. Etwas wie Befremden glitt über seine Züge: Der erwartete Brief von Hause war nicht eingetroffen.

Nun, ein längeres Hinhalten spannt nur die Erwartung, tröstete er sich, mit einem Aufblick zu Hedwig hinüber. Zugleich befestigte er eine ihrer Rosen in seinem Knopfloch.

Hedwig wußte nicht: war ihr wonnesam wie einer Braut, oder traurig zu Muth. Ein unerklärliches Etwas schien in der Luft zu schweben, noch fern, aber es rückte näher und näher, je weiter der Tag vorschritt. Der Major war im Familienkreise geblieben. Eigenhändig packte er die Apfelsinentorte, welche ihm, wie er lachend sagte, eine gute, alte Tante geschickt, aus dem Korbe und teilte sie in große Stücke, die bei den Kindern leb haften Zuspruch fanden. Eines der kleinen Mädchen legte zu traulich ihre Arme um seinen Hals und erklärte ihm, der heu tige Tag wäre der schönste ihres Lebens. Ob er denn nicht immer bei ihnen bleiben könnte? Und der Major streichelte zärtlich den blonden Lockenkopf des Kindes, von welchem er be hauptete, es wäre auffallende Aehnlichkeit mit Schwester Hedwig vorhanden. Es wurde nun über Aehnlichkeiten im Allgemeinen und Besondern hin- und hergesprochen.

Hedwig fand dies Kapitel weniger interessant, als die Andern. Sie trat an die Brüstung der Veranda und schob die lang her niederfallenden Ranken des Weinlaubs bei Seite, um einen freieren Blick zu gewinnen. Vor ihr lag die breite Straße im Mittagssonuenschein, welcher Georgs langsam sich nähernde Gestalt J grell beleuchtete. Nun kam eine feine Equipage dahergerollt,

Sie stützen

um gleich darauf, in seiner Nähe angelangt, zu halten und scheinlich irgend welche Erkundigungen bei ihm ein Hedwig sah Georgs Handbewegung nach ihrem Hause hin. bekommen Besuch, Herr Major, wandte sie sich rückwä Er war schon aufgesprungen und hatte das Augeng geklemmt.Wirklich? sagte er zweifelnd, aber er t ein paar Schritte vor. Hedwig starrte mit einem ganz se baren Gefühl von Unruhe oder Neugierde sie wußte nicht zu deuten in den, nun vor dem Hause haltenden aus welchem eine Menge von Köpfen auftauchte. Sie nach dem Major um: er stand regungslos wie ein S an der obersten Treppenstufe. Nur in seinen Gesichtszü Leben und Bewegung nicht der angenehmsten Art, wie§ Scharfsinn zu bemerken glaubte. 5 Klingenberg, so komm' doch näher, rief eine etwas Stimme vom Wagen her.Papa, wir wollten Dich überraf klang es dazwischen. Ein junger Mensch, das Cerevis auf dunkeln Kraushaar, war aus dem Wagen gesprungen und unverwandt an Hedwig in die Höhe, deren weiße Hand noch die Weinranken gefaßt hielt.Das ist in der T ein Eldorado, wie Du geschrieben, Papa, sagte er überzeug voll. Der Major war unterdessen langsam die Treppen hinabgeschritten.Wie kamst Du auf die Idee, Malm murmelte er, mit einem finstern Zusammenziehen der Augenbr Sind wir Dir nicht willkommen? fragte die Ange dagegen.Ich entschloß mich zu der immerhin anstreng Reise, weil ich dachte, Dir würde an Deinem Geburtstage? Familie fehlen, wie es scheint, habe ich mich geirrt. wir nun aber einmal hier sind, wo können wir ein U kommen finden? Der Major sah rathlos vor sich hin Gasthäuser waren überfüllt, hier dagegen er zuckte mit mißzuverstehender Miene die Schultern.. In Hedwig's Seele begann eine Ahnung aufzusteige welchem Lichte sie den Major fortan sehen müßte. Ein Fam vater, der sich zur Kurzweil die Zeit mit ihr vertrieben, sie sich in die Arme geworfen, ihr war es, als sie ersticken. Kamen ihr denn die Eltern nicht zu Hilse Nein, sie schauten von ihren Plätzen aus voller Staunen Vorgange zu. Sie machte eine fast übermenschliche Anstr sich zu fassen, und die Stufen hinabeilend, nöthigte sie Höflichkeit die Herrschaften zum Aussteigen.Es wird m Eltern sehr angenehm sein, Frau Majorin v. Klinken wenn ich recht verstanden habe? Ihre Stimme klang und ruhig. 2 Ja, und dies sind meine Kinder, entgegnete die? voll stolzer Würde, mit einer Handbewegung in der R während sich verschiedene Wesen beiderlei Geschlechts aus dem Wagen loslösten. Sechs an der Zahl, den Aeltesten, den Studiosus, ungerechnet! Hedwig wünschte in den Erdboden versinken zu können. Eben wie sie in der Mitte der Familie die 2 hinaufstieg, zwang sie ein Etwas, dem sie nicht widerstehen ko sich umzusehen da ging Georg vorüber! Aber er den Blick zu Boden gesenkt und sah sich nicht um.Er Alles! durchzuckte es sie.Und er schämt sich in meine hinein. O, daß ich sterben könnte, ohne ihn wiederzuse Nun traten die Eltern zur Bewillkommnung vor.Fro Hedwig, bleiben Sie standhaft auch der heutige Tag vorübergehen und wir haben noch schöne Stunden vor u es war der Major, welcher diese Worte ihr zuraunte. Sie hätte in Entrüstung aufflammen mögen, aber sie nicht schuldiger wie er? Sie hätte ihn mit einem des Zornes zu Boden schmettern mögen, aber sie hielt die mit den langen Wimpern fest gegen die Augen gepreßt antwortete fast unhörbar:Ich habe viel gesündigt, e täuschen sich dennoch in mir, Herr Major! Unsere Bezi haben ein Ende. Für sie selbst auch die Lust und am Leben, so sagte sie sich. Nun war der Augenblick geko den ihre erfahrene Mutter vorausgesehen: Sie hatte die Sch welche Sitte und Anstand ihr vorgezeichnet, überschritten, vom Sturmwind zurückgeschleudert und blieb am Boden liegen Nie wieder durfte sie, wie in der unschuldigen Kinderzei und fröhlich der kommenden Stunde entgegenjauchzen!

EES r

f