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der Ausgestoßenen entehrt.
Mann gewesen seid; also faßt Muth, Ihr kommt vielleicht mit einer Versetzung nach der polnischen Grenze davon!“
„Viel Dank, Herr Kapellmeister,“ stöhnte der Kontrabassist, „aber was nützt es, wenn man sich selbst trügerische Hoffnungen vorspiegelt? Lassen Sie es gut sein, ich weiß, daß es aus mit mir ist, total aus!“
Der Wagen suhr mit dem Hoffnungslosen davon.—
Heidemann stand im Musiksaale in Sanssouci; er hatte seine Baßgeige in die Ecke gestellt, und seine Toilette, die von der Fahrt etwas derangirt war, wieder geordnet. Eben war er da— bei, die Perrücke glatt zu streichen, da knarrte die Flügelthür,— Friedrich der Große stand vor ihm, den Krückstock in der Hand, den dreispitzigen Hut auf dem Kopfe.
„Ah, da ist er ja schon, Heidemann,“ sagte der König ernst, doch nicht unfreundlich zu dem Alten, der mit tief gesenktem Haupte vor ihm stand, als ob er sein Todesurtheil erwarte; „komme Er einmal mit!“
Bebend folgte der Bassist dem vorausschreitenden Monarchen, kaum trugen ihn seine Beine. Friedrich schritt durch mehrere Zimmer bis in sein Arbeitskabinet.
„Tritt Er hierher,“ gebot der König,„sieht Er den Kasten dort in der Ecke?“
„Ja, Majestät!“
In einer Ecke des Gemaches stand ein großer hölzerner Kasten, in dessen Deckel ein mäßig großes kreisrundes Loch ein— geschnitten war.
„Weiß Er, was der Kasten enthält?“
„Nein, Majestät!“
Friedrich klopfte mit seinem Krückstock auf den Holzdeckel; sofort streckte Biche, des Königs Lieblingswindspiel, den klugen spitzen Kopf aus dem Loche hervor; das verwöhnte Thierchen winselte seinem Gebieter kläglich entgegen.
„Ich habe Ihm neulich des Thieres wegen unrecht gethan und Ihn gescholten,“ sagte der alte Fritz leutselig zu Heidemann, der vor Staunen starr dastand;„Er hatte keine Schuld, beide— mal keine Schuld!“ 5
Mit diesen Worten drückte er dem Bassisten ein Röllchen Dukaten in die Hand.
„Biche hat für ihre Unart drei Tage Arrest in diesem Kasten erhalten,“ fuhr er fort,„und Er kommt nicht unter die Troß⸗ buben. Er bleibt wie bisher Kontrabassist. Jetzt geh' Er, das Thier hat seine Strafe, Er hat seine Revanche, und ich bleibe Sein wohlaffektionirter König!“
Jose Blätter.
Das freiwillige Verbrennen der indischen Wittwen ist durch das traurige Loos, das den überlebenden Frauen zu Theil wird, mehr als durch die Religion erklärlich. In den wenigsten Fällen besteht in Indien Liebe zu dem Gatten. Durch die Sitte verfällt der Familienvater, der seine mannbare Tochter nicht verheirathet, der Verachtung, bei manchen Sekten ist er sogar entehrt. Mithin trachtet er, sie, wenn kaum die Reife eintritt, zu vermählen. Eine Folge davon ist, daß Mädchen an den ersten besten fortgegeben werden. So steht man eine große Anzahl Greise, die sich dazu verstehen, gegen eine Summe Geldes sitzen gebliebene Jungfrauen zu heirathen. Daher sind auch die meisten Frauen in Indien bei dem Tode des Gatten noch jung. Trotzdem verbieten Sitte und religiöse Ge⸗ setze sich wiederzuvermählen; die Wittwe ist zu der traurigsten Lebensweise für den Rest ihrer Tage verdammt, da sie alle von dem Verstorbenen begangenen Sünden abbüßen muß, um sich den Zugang zu dem Paradiese u erwerben. Man schneidet ihr das Haar ab, schließt sie von allen
ergnügungen aus, sie darf sich nur in Bußgewändern sehen lassen, muß fasten und sich kasteien, Gebete murmeln und dergleichen. Fügt sie sich nicht, schenkt sie sogar ihr Herz einem Andern, so wird sie en ie verflucht. Die Priester nehmen ihr die Kinder, und der Fanatismus jagt sie in die Wildniß. Wer sie mitleidig aufnimmt, ist gleich Vergebens sind 01 119 55 inne ben amen Sitten bisher entgegengetreten; zwar ma i 0. 0 een fad in Sang geltend, welche sich gegen die 991 5 samen Gebräuche ausspricht; dennoch hat die europäische Civilisation vie zu thun, um den Unglücklichen geringen Schutz zu gewähren. W. G.
i mmer Kaiser Rudolph II., die sogenannte Rudolphinische ans ist sleder unverantwortlich zersplittert worden. Joseph II. hatte bestimmt, die Prager Burg sollte in eine 9 9580 1215 wandelt und deshalb bis zu einem gewissen Tage geräumt wer 105 5 in Inventar ward von der Sammlung aufgenommen und dann die Statuen
auf einer Auktion verkauft. Ein Torso fand keinen Käufer und wurde auf einen Müllhaufen geworfen. Ein Wiener Augenarzt erstand ihn endlich um sechs Siebzehner. Es war der Ilioneus, für den König Ludwig J. von Bayern sechstausend Dukaten zahlte. Wie hoch die Bildung der Katalogisirenden stand, geht daraus hervor, daß Titians Leda in dem Jnventar bezeichnet ist:„Ein nacktes Weibsbild, von einer bösen Gans gebissen.“ W. G.
Die Copie und das Original. Ein Engländer, Lord Clarendon, hatte bei Antwerpen ein sehr hübsches Landgut gekauft, dessen Lage über— aus reizend war. Vanderveld, ein flamländischer Maler, ward davon so bezaubert, daß er dasselbe mit der umliegenden Gegend zu malen beschloß. Er miethete deshalb im nächsten Dorfe eine Wohnung und brachte eine ungemein schöne Landschaft auf die Leinwand.— Einige Zeit nach⸗ her ging er mit dem Gemälde nach London, um es dort für einen guten Preis zu verkaufen. Da er aber das, was er dafür verlangte, nicht er⸗ halten konnte, so ließ er es auf einer Auktion von Kunstwerken versteigern, mit dem Vorsatze, es wieder an sich zu nehmen, wenn man nicht genug dafür bieten sollte.— Lord Clarendon war unterdeß nach England zu⸗ rück gekommen; zufällig war er bei dieser Versteigerung zugegen, und als Vanderveld's schönes Gemälde ausgeboten wurde, erkannte er sofort sein Landhaus. Es geschahen mehrere Gebote. Jemand rief:„Fünf⸗ undzwanzig Guineen!“ mehr wie der Maler verlangt hatte, und— Alles verstummte. Der Lord war aber fest entschlossen, das Bild zu erstehen, und um allem ferneren Ueberbieten vorzubeugen, rief er:„Ich gebe das Original für diese Copie!“— Bei dem Worte Copie erstaunte Jeder⸗ mann; denn allgemein hielt man es für ein Original-Gemälde, wofür es auch der Künstler ausgegeben hatte. Vanderbeld trat zornig hervor und fragte den Lord, ob er ein Kenner sei, um so sprechen zu dürfen. —„Ich bin“— versetzte Clarendon—„so sehr Kenner, daß ich es wie⸗ derhole: ich gebe das Original für diese Copie!“—„Sie irren sich My⸗ lord“— antwortete der Maler, der vor Unwillen außer sich war.— „Ich weiß wohl,“— fuhr jener fort,—„daß dieses Gemälde von Vanderveld ist, und biete ihm zum drittenmal das Original für die Copie.“— Nun verstand der Künstler den Lord; er ging den Vergleich ein, und nahm das Gemälde wieder an sich. Beide setzten hierauf den Tauschvertrag vor einem Notar auf, und das Landhaus, das Vanderveld auf eine so unerwartete und wohlfeile Art erhalten hatte, wurde von nun an der Lieblingsaufenthalt des Malers. NI.
Die Erfindung der Hängebrücken durch die Chinesen. Den merk— würdigsten Beweis der mechanischen Kenntnisse und Geschicklichkeit der Chinesen vor mehr als 1800 Jahren liefern ihre hängenden Brücken, deren Erfindung man der Dynastie der Han zuschreibt. Nach dem über⸗ einstimmenden Zeugniß aller ihrer historischen und geographischen Schrift— steller, war es Schang⸗Lieng, der Oberbefehlshaber der Armee unter Käu⸗Tsu, der die Wegebauten durch die im Westen der Hauptstadt ge⸗ legene Provinz Schen⸗se unternahm, deren hohe Berge und tiefe Schluchten die Verbindungen erschwerten und die man von der Hauptstadt aus nur auf Umwegen erreichen konnte. Mit einer Masse von 10000 Arbeitern durchstach Schang⸗Lieng die Berge, füllte die Thäler mit der Erde aus, die ihm jene Ausgrabungen verschafften, und wo dieses nicht hinreichte, um die zu einem Wege erforderliche Höhe zu erlangen, baute er Brücken, die auf Pfeilern oder Vorsprüngen ruhten. Bei andern Stellen, wo die Berge durch tiefe Schluchten getrennt waren, faßte er den kühnen Plan, hängende Brücken zu errichten, die sich von einem Abhange zum andern erstreckten. Diese Brücken, welche die chinesischen Schriftsteller sehr passend „fliegende“ nennen, sind mitunter so hoch, daß man sie nicht ohne Bangen passiren kann. So erstreckt sich heute in Schen⸗se eine solche Brücke in einer Länge von über 400 Fuß über einen ungeheuern Abgrund von Berg zu Berg. Die meisten der Brücken sind so breit, daß zwei Mann zu Pferde neben einander hinreiten können, und an beiden Seiten befinden sich Geländer zum Schutze der Reisenden. Es ist keineswegs unwahr— scheinlich, daß die Missionäre, welche vor zwei Jahrhunderten über die hängenden Brücken berichteten, zuerst die Anregung zur Konstruktion der jetzt in der ganzen Welt bekannten modernen Hängebrücken gegeben haben.
M. LI.
Friedrich der Sanftmüthige kam, als er mit seinem Bruder, dem Herzoge Wilhelm, zerfallen war, nach Freiberg und befahl, daß der Rath ihm allein huldigen solle. Der ganze Rath erschien vor ihm; jeder Raths⸗ herr trug sein Sterbekleid unter dem Arme. Der Bürgermeister ergriff
das Wort und sagte unter anderm:„Sie wollten lieber alle sterben als
ihre Seelen durch einen Meineid in Gefahr setzen, und er für seine Person
wolle der erste sein, der sich seinen alten, grauen Kopf wolle abhauen
lassen.“ Da klopfte ihm der sanftmüthige Fürst auf die Achsel und sprach:
„Nicht Kopf ab, Alter, nicht Kopf ab; wir bedürfen solcher ehrlichen
Leute, die ihren Eid und ihre Pflicht so genau beobachten, noch länger.“ M.
Jamaika. Eine merkwürdige geschichtliche Thatsache knüpft sich an die erste Wegnahme der Insel Jamaika durch Penn und Venables, zwei von Cromwell's tapfersten und unternehmendsten Admiralen. Sie hatten einen heftigen Angriff gegen Hispaniola unternommen, aber ohne Erfolg, und um dieses Mißgeschick wieder gut zu machen, griffen sie Jamaika an und nahmen die Insel wirklich ein. Cromwell aber und die ganze eng⸗ lische Nation hielten diese Eroberung für so unwichtig, daß Penn und Venables bei ihrer Ankunft in London als Gefangene in den Tower geschickt wurden, weil sie Leben und Kriegsbedürfnisse an eine so un⸗ bedeutende Eroberung verschwendet hatten. M.
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