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Jubel herrschte unter den Mitgliedern, der Bann der königlichen Ungnade war gebrochen, die Künstler durften wieder angesichts des geliebten Herrschers ihre Meisterschaft beweisen!—
Auch Heidemann athmete auf. Sollte die ganze Geschichte wirklich ohne alle schlimme Folgen für ihn vorübergehen? Es war kein Spezialbefehl für ihn eingetroffen, der ihn von der Ehre ausgeschlossen hätte; bangend, zweifelnd und hoffend machte er sich mit seinem Brummkasten auf den Weg.—
Im blauen Musiksaale saßen die Musiker und- harrten des hohen Gebieters. Der Kapellmeister lief flüsternd und ermahnend von einem zum andern, vor Heidemann blieb er stehen.
„Ist auch alles in Ordnung, lieber Heidemann?“ fragte er und inspizirte selbst das Instrument,„um Gottes Willen nehmt Euch heute zusammen, thut Euer Möglichstes, Ihr wißt, es gilt eine Scharte auszuwetzen!“
„Meinen Kopf zum Pfande, ich werde mehr als meine Pflicht thun,“ erwiderte der Alte energisch.
Friedrich der Zweite erschien, einige hohe Militärs und der bayrische Gesandte, Excellenz von Rabnitz, traten mit ihm in den Saal. Die Künstler saßen in einem Halbkreise; im Zentrum stand das Notenpult des Kapellmeisters. Heute stand davor cin hoher Drehschemel, der König selbst wollte die Kapelle dirigiren und ein von ihm komponirtes Musikstück auf der Flöte vortragen, welche er bekanntlich meisterhaft blies.
Friedrich hatte seinen Sitz eingenommen; seine hohen Gäste hatten sich in den Hintergrund des Saales zurückgezogen, um von dort aus die Musik zu genießen. Das Konzert begann. Die erste Piece, in welcher sämmtliche Künstler mitwirkten, wurde meisterhaft exekutirt, jeder der Musiker wandte die höchste Kunst auf, um den Beifall des geliebten Monarchen zu erringen.
Friedrich nickte befriedigt, dann ergriff er die Flöte, um das Solo vorzutragen; am Schlusse desselben hatten zuerst der Kontra— bassist mit leisen Akkompagnementsstrichen, und nach und nach die ganze Kapelle einzusetzen. f
In athemlosem Schweigen lauschte alles dem herrlichen Vor— trage des Königs, welcher in vollendetster Weise die anmuthige Melodie zu Ende führte, und dann das variirte Grundthema von vorn begann. Der große Moment nahte. Den Bogen zum Ansatz bereit, starrte Heidemann auf das Notenblatt, noch zwei Minuten, und er mußte den ersten großen Strich thun. O, er
—,
war seiner Sache diesmal gewiß! Der König sollte sicher zufrieden
mit seiner Leistung sein; aber trotz dieser Sicherheit überlief den
bi ein Schauer nach dem andern, und sein Herz pochte fast hörbar. N
Da, in diesem verhängnißvollen Augenblick knarrte die Thür leise,— hatte der dienstthuende Kammerherr nicht acht gegeben? — Biche, des Königs Lieblingswindspiel, drängte sich durch die Thürspalte und trippelte in den Saal. Den einen zierlichen Vorderfuß an den Leib gezogen, den feinen Kopf auf dem schlanken Halse hoch aufgerichtet, sah Biche zu ihrem Herrn empor, quer im Maule hielt sie einen großen Knochen mit ansehnlichen Fleischresten.
Der Anblick wirkte in der ernsten Runde in diesem fast feier lichen Moment mit einer wahrhaft erschütternden Komik. Mit der größten Anstrengung verbissen die Künstler das Lachen und behaupteten den nöthigen würdevollen Ernst; nur der alte Fritz selbst schien von dem unerwarteten Erscheinen des Thieres keine Notiz zu nehmen.
Einen Augenblick stand das zierliche Geschöpf still und be— obachtete den König, dann schlich es an der Wand entlang und legte sich unter den Sessel des Kontrabassisten, welcher soeben den Bogen ansetzte;— jetzt mußte er im zartesten Pianissimo einfallen.
Aber, o Grausen! ein dröhnender, absolut unharmonischer Ton erscholl aus dem Resonanzboden des Basses,— brumm! brumm! erklang es wieder und wieder, als ob ein tückischer Kobold in dem Instrument umherrumore. Biche hatte ihren Knochen gegen dasselbe gestemmt und hielt ihn so mit den Vorderpfoten fest; bei jedem Biß, den das Thierchen in die Fleischreste that, schlug der Knochen gegen den Resonanzboden und erzeugte so jene schauerlichen brummenden Töne, welche init häßlicher Disharmonie in das zarte Spiel des Königs hineinklangen.
Jäh brach der Monarch sein Spiel ab; voll höchstem Un⸗
willen blitzten seine scharfen Augen zu dem unglückseligen Musiker
hinüber.
„It Er verrückt?“ rief er in dem durchdringenden Tone,
vor dem jeder unwillkürlich erbebte,„was akkompagnirt Er da, Heidemann? Er taugt den Teufel nichts zum Musiker! Ich werde Ihn unter die Troßknechte stecken!“ 2 „Majestät—“ hauchte der Entsetzte. ö „Nun, was hat Er? Ist wieder Talg an den Saiten?“ Der Bassist setzte sein Instrument bei Seite und wies auf das Windspiel. 3 „Majestät, der Hund—“ stammelte der Unglückliche, weiter vermochte er nichts hervorzubringen. 5
Ein Lächeln flog über die strengen Züge des Königs; er er⸗
hob sich und scheuchte das Thier persönlich aus dem Saale. Dann setzte er sich wieder, ohne ein Wort über den Vorfall zu ver⸗ lieren und begann seinen Vortrag von Neuem. Diesmal ging alles in erwünschter Weise; Heidemann, obgleich er selbst nicht begriff, woher er noch die Kraft und Besinnung dazu nahm, setzte richtig ein und akkompagnirte brillant, die übrigen Instrumente mischten ihre Klänge nach und nach in die Harmonie, und das Musikstück wurde zu völliger Zufriedenheit zu Ende geführt, wie dann auch das ganze Konzert ohne weitere Störung verlief.
III.
Heidemann aber war seit diesem zweiten verhängnißvollen Abend gebrochen, im Innersten vernichtet, jetzt war sein Unglück gewiß, diese zweite fatale Störung vergab ihm der Monarch sicherlich nicht, wenn er auch so unschuldig daran war wie ein neugeborenes Kind. Seine Kameraden blickten ihn scheu und bedauernd an, sie gingen ihm aus dem Wege, er war verfehmt und geächtet, das Schicksal hatte sein Verderben beschlossen. Was half ihm nun sein makelloser Ruf, seine ehrenhafte Gesinnung, seine unerschütterliche Pflichttreue, seine reine Vergangenheit? Nichts, gar nichts; gegen das Geschick, das sich wie eine finstere Wolke über ihm zusammenzog, war nicht anzukämpfen. In stumpfem Brüten und dumpfer Ergebung verlebte er die bleiernschwer dahin⸗ schleichenden Tage und Nächte, das Keifen seiner Frau ließ ihn völlig unberührt, selbst seine geliebte Baßgeige vernachlässigte er vollständig; es war zu Ende mit ihm, er war ein abgethaner Mann!
Doch in der nächsten Woche erweckte ihn der Bote des Kapell⸗ meisters aus seiner Lethargie, er brachte den Befehl, in Sans⸗ souci zum Konzert zu erscheinen, und zwar sollte der Kontra⸗ bassist eine halbe Stunde früher eintreffen als seine Kollegen!— Mit bedauernden Blicken richtete der Bote seinen Auftrag aus, er fügte noch ein paar tröstende Worte hinzu und ging dann wieder.
„Armer Teufel!“ brummte er vor sich hin,„hätte ein 5 Loos verdient! Soll mich wundern, ob er überhaupt wieder zurückkommt, der alte Fritze scheint ganz wüthend auf ihn zu sein!“
Jetzt war das Unglück da, die Katastrophe nahte, daran war nicht zu zweifeln, das Unwetter, dessen Strahl ihn vernichten sollte, war heraufgezogen. Ach! der alte Heidemann hatte kaum mehr eine klare Vorstellung von der furchtbaren Bedeutung der kommenden Stunden; ein Verzweiflungstrotz, der Muth des Todes hatte ihn erfaßt, er konnte dem drohenden Unheil jetzt ein hoͤh⸗ nisches Lächeln entgegenschleudern. 5
„Hahaha!“ lachte er bitter, während er an seiner Baßgeige putzte,„es lebe die Pflicht und die Ehrbarkeit und der Lebenswandel! Köstliche Güter, die einen, wenn man sie Leben lang gehegt und beachtet hat, in grauen Haaren unter die Troßbuben bringen!“ 5
Als er aber von seiner Frau Abschied nahm und die zwölf kleinen Heidemänner der Reihe nach abküßte, wurde ihm doch wieder weich um das Herz, mit Gewalt mußte er die zurückhalten.
Vor dem Potsdamer Thor an der Haltestelle des Personen⸗ wagens traf er den Kapellmeister, welcher zwar ein Fuhrwerk benutzte, aber gekommen war, um dem Alten unter vier Augen ein paar Muth- und Trostesworte zu sagen.
„Laßt den Kopf nicht so hängen, Alter,“ meinte der gut⸗ müthige Dirigent,„es wird so schlimm nicht werden; Majestät werden gerecht gegen Euch sein, da Euch ja keine Schuld trifft. Majestät haben einen Bericht über Euch eingefordert, er weiß, daß ihr zwölf unmündige Kinder habt und zeitlebens ein braver
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