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„Interesse! Das Wort sagt viel zu wenig für unsere Theil⸗
nahme; nicht wahr, Graf?“
Der behäbige Wirth gab einen grunzenden Ton von sich, der so ungefähr als Zustimmung gelten mochte.
„Längst nicht genug,“ fuhr seine Gattin fort.„Man freute sich so allgemein, man ist einfach— stolz auf Sie, Wolf, wirk⸗ lich stolz! So jung und—“
„Jung?“
Wolf Lützel kam sich gar nicht mehr so sehr jung vor, im Gegentheil. Er hatte manches Jahr erlebt, das ihm doppelt
zählte, wie die Kriegsjahre dem Soldaten. i
„Ei gewiß jung. So'n Jahrer dreißig, was will das für einen Mann in Ihrer Stellung sagen! Nur Eins fehlt Ihnen eigentlich noch, aber das wird ja nicht allzu lange auf sich warten lassen, nun Sie dauernd festen Boden unter den Füßen haben. Wer weiß, ob Sie sich nicht schon so im Stillen umgesehen und Ihr Herz—“ a Der Blick, welchen der junge Mann jetzt seiner gesprächigen alten Freundin zuwarf, war so ernst, daß sie betreten den Faden ihres Strickzeugs mit der Nadel glatt zog und ihre Tochter in— stinktiv die dunklen Wimpern hob, ihr schmachtendes Augenpaar ein paar Sekunden prüfend auf seinen Zügen ruhen zu lassen.
Derweile sammelte die Mutter Kräfte zu neuer Attake.
„Sollte ich das Richtige getroffen haben?“
Sie lächelte ein wenig ängstlich zu Wolf hinüber.
Auch in seinem Gesicht spielte jetzt wieder ein feines Lächeln.
„Nein, nein, Frau Graf, ich denke bislang noch nicht—“
„An die Hochzeit,“ ergänzte der Wirth.„Und just so habe ich mir's vorgestellt oder vielmehr, ich machte mir über den Punkt gar keine Gedanken. Aber die Frauen müssen nur immer gleich zuerst wissen, ob—“
Ein bedeutsamer Blick seiner Eheliebsten machte ihn aber doch verstummen. 5
„Du weißt nicht genau, was Du redest, Graf. Als ob sich's nicht von selbst verstände, daß man am Lebensglück so alter Freunde wie Wolf Lützel seinen Antheil nimmt. Und zu diesem Lebensglück rechne ich nicht zuletzt—“
„Das Heirathen!“ rief Wolf heiter.
„Den eigenen Hausstand, allerdings. Ihr Männer braucht uns eben zu nothwendig, zur Vollkommenheit fehlt Euch immer noch viel, so lange Ihr Euch nicht in der Obhut eines weib— lichen Wesens— aus anständiger Familie natürlich— befindet. Du brauchst keine Gesichter zu schneiden, Graf, ich möchte sehen, was aus Dir ohne mich geworden wäre.
Papa Graf hatte noch an der Zurechtweisung von vorhin zu verdauen, er nahm deshalb die ergebenste Miene an, welche einem Vollmond zur Verfügung steht, und ließ seine Gattin ungehindert im Fahrwasser menschenfreundlichster Heirathspläne herumplätschern.—
„Und ich bin überzeugt,“ fuhr also Frau Erika fort,„unser Herr Wolf könnte anklopfen, wo es ihm beliebte. Freilich, es muß ja nicht gerade in Kirchberg sein—.“ Sie hielt inne.
(Fortsetzung folgt.)
eä.
Aus dem Lande der Boeren. Es bedurfte nicht erst der deutschen Kolonisation in Afrika, um die Blicke Vieler voll Theilnahme auf jene Männer zu lenken, die vor Kampf und Gefahren nicht zurückschreckten, um sich ihre Selbstständigkeit zu erhalten. Mit eiserner Konsequenz hatten sie die Heimath verlassen, waren sie mit ihren Frauen, Kindern und Heerden in die Wildniß gezogen, um Staaten zu gründen, die von eng⸗ lischer Kultur und englischem Beamtenthum unabhängig waren. Sicher verdient solche Konseguenz Achtung, ohne daß man bei diesen alten Holländern eine Idealität erwarten darf, die in dem engen Kreise ihrer Anschauungen gar nicht gedeihen kann. Die Boers sind schlichte Vieh⸗ züchter, die weder Kunst noch Lebenskomfort kennen. Desto mehr hat sich eine Religiosität, die auf der Bibel beruht, entwickelt; ist sie das einzige Buch, das sie besitzen. Aus ihr lernt der Boer lesen, sie ist seine Sittenlehre; an ihrer Deutung, die hin und wieder ziemlich ge⸗ waltsam ist, übt er seinen Scharfsinn. So einfach ihr Gedankenkreis, so einfach ist die Tracht der Boeren; sie besteht bei dem Manne aus der
14 grobwollenen Jope. Die Kleidung der Frau gleicht der unserer barm⸗ herzigen Schwestern, eine schwarze Kappe bedeckt den Kopf, der keine Toilettenkünste kennen gelernt hat. Uebrigens sieht auch der Gatte darnach
keineswegs; sein Schönheitsgefühl konzentrirt auf Wohlbeleibtheit, wie denn sein Kosewort„mein Fettchen!“ ist. In der That werden wohl dergleichen gut genährte Damen nur noch in China gefunden. Ganz entgegen ihren Vettern, den Niederländern, bietet das Haus der Boeren kein erfreuliches Bild; der Mangel an Reinlichkeit macht sich nur zu breit. Da schlafen alle Familienmitglieder in einem Raum, fast völlig bekleidet. Beim Aufstehen wäscht man sich zwar, aber Alles in einem Bottich mit demselben Wasser, worauf das Frühstück erfolgt, das bei Kaffee aus halb gar gekochtem oder rohem, tüchtig geklopftem Fleische besteht; dann Psalmsingen und Nichtsthun bis zur Hauptmahlzeit um 11 Uhr, dann um 1 Uhr Kaffee, um 4 Thee und um 6 das Abendbrot. Eine Jugend ohne Freude und Liebesglück, eine Ehe ohne Zärtlichkeit, daraus besteht das Leben im Transvaal und der Orangerepublik. W. G.
Josephs Schönheit. Die berühmte Chronik des Tabari, welche im Jahre 922 der christlichen Zeitrechnung in Arabien verfaßt, dann 976 in's Persische übertragen und 1836 in's Französische übersetzt wurde, enthält unter einem sehr reichen Materiale geistvoller und sinnreicher Er— zählungen eine von so anmuthiger und reizvoller Naivetät, daß sie der Verborgenheit entrissen zu werden wohl verdient.
Jussuf(Joseph) hatte an Schönheit hundert Mal mehr, als alle übrigen Geschöpfe zusammengenommen. Rail, Potiphars Weib, seines Herrn, wurde von den anderen Weibern wegen ihrer Liebe zu ihm, namentlich aber wegen der Geschichte mit dem Mantel gescholten und gemieden. Da lud sie fünf derselben in ihr Haus zu einem Gastmahl. Jussuf aber hatte sie verborgen in einem Zimmer neben dem, in welchen die Weiber beim Gastmahle saßen. Und Rail gab einer jeden der Weiber eine Orange, um sie nach Tische zu essen, und gab jeder ein scharfes Messer in die Hand, die Orange zu zerschneiden. Da trat Jussuf plötzlich zu ihnen herein und setzte sich zu ihnen, und der Glanz seines Auges traf ihre Augen und blendete sie. Und die Weiber hatten alle fünf die Messer an die Orange gelegt, aber ihre Augen blieben haften auf Jussuf und sie schnitten alle fünf sich in die Hand. Und das Blut lief herunter und sie merkten es nicht. Denn sie waren außer sich und ihr Verstand von ihnen gewichen vor der großen Schönheit Jussufs. Da sprach Potiphars Weib zu ihnen:„Sehet, dieser ist's, um dessentwillen Ihr mich gelästert habt!“ 5 8 R. F.
Die Spielkarten. Vielleicht nur einmal haben die Spielkarten Gutes gewirkt und zwar bei folgendem Vorfalle. Marie, die Königin von England, welche die Protestanten in Irland unterdrücken wollte, schickte einen Abgesandten, den Doktor Cole, dahin. Den 7. Oktober 1559 langte dieser in Dublin an, versehen mit einer Vollmacht der Königin, welche am 4. Oktober ausgefertigt war. Auf der Reise von London nach Dublin meldete derselbe in Chester dem Bürgermeister seinen Auftrag an, indem er ihm eine lederne Tasche zeigte und hinzufügte:„Hier ist die Kom⸗ mission, welche die Ketzer in Irland züchtigen soll!“ Eine Gastwirthin, Namens Elisabeth Edmonds, die zugegen war und sich darüber ängstigte, machte sich in Abwesenheit des Beauftragten über die Tasche her, nahm die Vollmacht heraus und legte ein Spiel Karten hinein und zwar so, daß der Treffbube oben zu liegen kam. Cole hatte nichts bemerkt. Als er nun in Dublin dem Lord Walter die Tasche überreichte und beim Eröffnen die Karten herausfielen, erschrak er heftig und betheuerte, eine Vollmacht gehabt zu haben. Er mußte nach England zurück, erhielt eine andere, aber widrige Winde hielten ihn auf. Noch ehe der Wind günstig wurde, starb Königin Marie, und die Protestanten waren gerettet, denn ihre Nachfolgerin Elisabeth war anderer Gesinnung. NI.
Die Loreley. Die so populär gewordene Sagenfigur der Loreley, welche erst in diesen Tagen wieder durch Julius Wolff dichterisch ver— werthet wurde, ist ursprünglich nicht volksthümlich, sondern eine poetische Erfindung von Clemens Brentano, der sie in der von Robert Schumann so wundervoll komponirten Ballade„Es ist schon spät“ als gespenstische Hexe besang. In unserer alten Literatur befindet sich keine Andeutung einer bezüglichen Sage, und die Reiseschriftsteller des 17. Jahrhunderts erwähnen nur vorübergehend des auch noch heute bekannten Echo's am Loreleyfelsen. Der alte Marian in seiner Topographia Palatina meint, dieses„sonderbar lustige Echo“ rühre von dem„Zwirbel im Rheine“ her, gleichsam als ob der Fluß an der Stelle heimliche Gänge unter der Erde hätte. Der ältere„Rheinische Antiquarius“ berichtet, das Volk halte den Felsen für hohl und die Schiffsleute pflegten sich an demselben mit Waldhörnern, Schießen und Rufen„viele und öftere Kurzweil“ zu machen. Von der Sage erwähnt auch er kein Wort. Erst Nicolaus Vogt im dritten Bande seiner„Rheinischen Geschichte“ knüpft eine Sage an das Echo; indem der romantische Sinn der Rheinbewohner darin die Stimme einer Zauberin vernommen habe. Erst Heinrich Heine gab in seinem allbekannten Liede der Loreley, welche bei Brentano eine durch die Zaubergewalt ihrer Augen entzündende Erdentochter ist, den Charakter einer mittelalterlichen Wasserfrau. Weder die Gebrüder Grimm noch Simrock wissen in ihren deutschen Mythologien ewas von einer Loreleysage.
K. F.
Die Guillotine. Wie Mancher zu einer unverdienten, oft zweifel⸗ haften Ehre kommt, beweist Dr. Guillotin, der lange Zeit hindurch für den Erfinder des Fallbeils gehalten wurde. Dasselbe ist aber weit älteren Ursprungs. Schon ein Stich von Lukas Kranach stellt eine Hinrichtung dar, bei der die sogenannte Guillotine die Hauptrolle spielte. Aber auch deutschen Ursprunges ist sie nicht; lange zuvor wurde das Fallbeil in Neapel bei Hinrichtungen gebraucht, so 1268, ja aller Wahrscheinlichkeit nach ist Konradin von Hohenstaufen durch dasselbe gestorben. W. 6.
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