Ausgabe 
15.7.1888
 
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Die ja Fritz Steinwald sehr kühl lassen kann. Kurz und gut, ich bleibe hier. 2

So geschah's denn auch und Wolf schlenderte nach Tisch in die Stadt, für die morgige Fahrt einen Wagen zu suchen. In dem verkehrsentlegenen Oertchen hatte sich wenig geändert, seit er zuletzt dort gewesen war; die Bäume am Markt trugen noch ganz das nämliche Gewand, wie vor zehn Jahren, die Lorbeer⸗ und Oleanderbäume, welche noch vom Sommer her in grün gestrichenen Holzkübeln das Trottoir der Hauptstraße säumten, schienen keinen Zoll gewachsen, und drüben, am Kopfende der Häuserzeile, blinkte das goldene Zinnenbild des Stadtwappens als Schild vor dem ersten Gasthof noch genau so anspruchs voll wie einst, da er und die braunhaarige Erika Graf, des Wirthes Töchterlein, selbander die Volksschule besucht hatten. Die alte Gefährtin seiner Kinderjahre fiel ihm unwillkürlich ein, als er die niedrige Steintreppe des Hauses emporstieg und das junge Mädchen, welches ihm im Flur entgegenkam, fragte, ob morgen früh ein Wagen nach Südlohn zu haben sei.

Die Angeredete behielt indessen nicht Zeit zur Antwort, denn aus dem Hintergrunde des Flurs kam lebhaften Ganges eine ziemlich rundliche Gestalt gewackelt und streckte dem Ankömmling beide Hände entgegen.

Gehorsamer Diener, Herr Ingenieur! Wie's mich freut, Sie wiederzusehen! Und prächtig sehen Sie aus, hm gemachter Mann natürlich, gemachter Mann! Wie's mich freut, Herr L. Herr Ingenieur aber nun bitte, bitte! 8

Wolf wurde in die Gaststube genöthigt.

Erika! Erika! Weit herumgekommen, Herr Ingenieur, he? Tone, eine Flasche a propos Rheinwein oder Bordeaux?

Am liebsten nichts, Herr Graf.

Eine Cigarre, Herr Ingenieur? Der kleine, graue Maun hörte Wolf's Einwand gar nicht.Also eine Flasche Rothen und eine Gelblack, Töne!

Ich habe wirklich nicht das Bedürfniß, Herr Graf wenn es aber durchaus etwas sein soll, so möchte ich um eine Tasse Kaffee bitten.

Eine Tasse Kaffee, sehr wohl, Herr Ingenieur. Töne, eine Tasse Kaffee! Ach so, der ist schon draußen. Erika! Erika! Wo nur die Frauenzimmer stecken! Erika!

Aber was ist denn los, Graf?

Ja, was giebt's denn nur? ließen sich im Flur zwei Frauenstimmen gleichzeitig vernehmen, und einen Moment später traten ihre Inhaberinnen beide in's Zimmer, Mutter und Tochter Erika Graf, erstere eine geborene Niederfurth(die Schwester vom Geheimen Kanzleirath Niederfurth in M., wissen Sie, pflegte Herr Graf gelegentlich zu sagen). Mutter Exika's etwas spitz knochiges geröthetes Antlitz trug noch die Spuren des Unwillens über die Eile, mit welcher sie dem Rufe des Gatten hatte Folge leisten müssen, nun aber wehte es schon wie ein reinigender Sonnenschein darüber hin, während sie sich die Hand an der häuslichen Schürze abwischte und freudig erstaunt ausrief:

Nein, Herr Wolf, diese Ueberraschung! Eigentlich sollte man's zwar nicht so nennen, denn wir glaubten doch ein Recht darauf zu haben, Sie während Ihrer Anwesenheit in Kirchberg mal bei uns zu sehen. Exika sagte noch heute Morgen: Wolf besucht doch ganz bestimmt uch uns; gieb Acht, Mama, der hat uns nicht vergessen.

Erika die Jüngere schlug verschämt die Augen nieder und schien nicht recht zu wissen, durfte sie dem alten Freunde die Hand reichen? Lützel würde sich auch mit einem weniger familiären Willkomm begnügt haben, wenn nicht der helfende Genius ihrer Mutter allem Zweifel ein Ende gesetzt hätte.

Was fällt Dir nun ein, Erika? Keine Hand für Herrn Wolf? Ich meine, unter so alten Bekannten gehört sich das. So ist's recht, Kinder. Aber Mann Graf, wenn man auch mal eine Viextelstunde nicht hinter Dir steht, bist Du gleich aus dem Konzept. Herrn Wolf hier in's Gastzimmer zu führen, ich bitte Dich! f

Ja, Liebe, ich dachte im Augenblick nicht daran.

Gewiß, Du denkst an nichts; Du kannst eben Deine Wirths allüren keinen Augenblick ablegen und verstehst gar keinen Unter⸗ schied zu machen zwischen Gästen und Freunden.

Frau Erika seufzte resignirt. Ihr Gatte wußte nichts Besseres

als ein Gleiches zu thun und ließ es geschehen, daß die Damen den Herrn Ingenieur einfach zwischen sich nahmen und in das 1 behagliche Prunkstübchen des Hauses bugsirten. 114

Und dort ging's nun an ein Erzählen ohne Ende; Tochter Erika mußte schleunigst für einen guten Kaffee sorgen, ihre Mutter 1 führte so ziemlich das Wort: der alte Graf hatte wenig mehr zu thun, als zu wiederholten Malen seine Uebereinstimmung mit ihren Ansichten zu äußern. 4

Nicht wahr, Graf? Habe ich das nicht immer gesagt, 3 Graf? Ach Gott, damals, das waren noch herrliche Zeiten, als Ihre seligen Eltern noch lebten, Herr Wolf, und Sie mit unserer Erika zur Schule gingen! Wie oft habe ich da nicht an der Hausthür hinter Euch Beiden hergesehen und war immer ganz weg über den niedlichen Anblick! Die Frau Doktor Zange meinte noch neulich auf dem letzten Thee bei Pastor Dehmanns,. solche Kinder wie Euch zwei gäb's gar nicht mehr heutzutage, wo die Madchen mit zwölf Jahren schon die Großen spielen wollten und geziert thäten. Nun, Erika ist Gott sei Dank noch von der alten Art und hat's auch noch nicht vergessen, daß sie es ist, und Sie Sie nehmen mir's doch nicht quer, daß ich Sie Wolf nenne? Es wird Einem so schwer, sich von einer alten, lieben Gewohnheit zu trennen!

Sie legte einen gelinden Nachdruck auf das Wörtchenlieben und sandte einen Blick milder Rührung von Wolf nach ihrer Tochter hinüber. 1

Wolf Lützel erwiderte mit ein paar Höflichkeiten: auch er denke gern an jenen ungezwungenen Verkehr mit Fräulein Erika zurück. 1

Fräulein Erika! Wie das klingt! Warum nicht gleich gnä- diges Fräulein! Nein, das wäre noch schöner! Erika und Wolf Kinder, Ihr dürft' mir's nicht anthun, Euch anders 1 anzureden. Alte Freundschaften darf man nicht so obenhin behandeln. 1

Erika Graf, geborene Niederfurth, sprach da eigentlich ein ziemlich schwerwiegendes Wort aus, was zur Folge hatte, daß ihre Tochter ein wenig verwirrt den Gast von der Seite anschaute;

Ach ja, es war eine köstliche Zeit! 9

Wolf Lützel wußte nicht recht, warum er bis an die Haar- wurzeln erröthete, und ärgerte sich darüber; aber er versuchte zu lachen und schlug absichtlich einen leichten Ton an. 1

Wissen Sie noch, wie wir den alten Schwerbrock in seinen Laden'mal in beständiger Bewegung gehalten haben, indem wir immer abwechselnd für drei Pfennig Johannisbrod forderten? Eigentlich eine abscheuliche Tücke! 5

Die Sie aber angaben, warf Exika ein und verzog das Mündchen wie ein trotziges Kind. 1

Wolf bedauerte, sich der Details jener ruchlosen Handlung nicht mehr zu erinnern, und meinte, die Schuld habe wohl auf Beider Schultern geruht.

Frau Graf ward darob ganz seelenvergnügt.

Sieh mir Einer die Zwei! Zehn Jahre haben sie sich nicht gesehen, da geht die Neckerei wieder los, als ob's noch Kinder wären wie dazumal. Und was ist doch nicht aus Wolf ge- worden seildem: Ingenieur, und ein tüchtiger dazu! Es heißt ja, Sie kämen als Direktor einer großen Maschinenfabrik nach Magdeburg! fragte sie interessirt.Wie nett das klingt: Di⸗ rektor des Fabriketablissements von Berson und Kompagnie! 1

Fabrik thut's auch schon, ohne Etablissement, Frau Graf.

Einerlei. Jedenfalls ruht Ihr Glück'mal auf solider Unter- lage. Und die Erbschaft von der Tante in D., die so unerwar⸗ tet dazu kam. Sie sehen, man hat sich in Kirchberg noch herz⸗* lich mit Ihnen beschäftigt, wenn ich Ihnen im Stillen auch wohl! gegrollt habe, daß Sie damals den Posten bei unserem Fürsten 5 ausschlugen. Aber da wußten Sie am Ende auch, was Sie thaten; denn bei Durchlaucht wären Sie jetzt allenfalls Kammer⸗ rath, während so Direktor! Wie ich mich freute, davon zu hören, und Erika erst! a 1

Wolf zauste ein paar Sekunden ernsthaft nachdenklich an den Spitzen seines kräftigen blonden Bartes. a

Man scheint hier in der That ein lebhaftes Interesse an meiner Person bewahrt zu haben, sagte er dann mit dem Ver such eines Lächelns. 9